Die Habi­tatricht­li­nie und die Ems

Die Mit­glied­staa­ten dür­fen sich nur aus natur­schutz­fach­li­chen Grün­den wei­gern, ihr Ein­ver­neh­men zu der von der Kom­mis­si­on erstell­ten Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung zu ertei­len. Dies ent­schied jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in einem Ver­fah­ren um den unter­halb von Papen­burg geplan­ten Ems-Aus­bau. Die in der Ems geplan­ten Aus­bag­ge­run­gen sind, so der EuGH in sei­nem Urteil, nach der Auf­nah­me bestimm­ter Tei­le die­ses Flus­ses in die Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung unter Beach­tung der all­ge­mei­nen Schutz­pflicht aus­zu­füh­ren, die sich aus der Habi­tatricht­li­nie der EU ergibt.

Die Habi­tatricht­li­nie und die Ems

Die Habi­tatricht­li­nie 1 sieht in sei­nem Pro­gramm "Natu­ra 2000" die Errich­tung eines kohä­ren­tes euro­päi­sches öko­lo­gi­sches Netz beson­de­rer Schutz­ge­bie­te vor. Die­ses Netz besteht aus Gebie­ten, die die natür­li­chen Lebens­raum­ty­pen und Habi­ta­te der Arten umfas­sen, die in der Richt­li­nie ange­ge­ben wer­den. Es soll deren Fort­be­stand oder gege­be­nen­falls die Wie­der­her­stel­lung eines güns­ti­gen Erhal­tungs­zu­stan­des gewähr­leis­ten.

Gemäß der Habi­tatricht­li­nie lei­tet jeder Mit­glied­staat der Kom­mis­si­on eine Lis­te der Gebie­te zu, die für den Schutz als Gebiet von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung in Fra­ge kom­men. Die Kom­mis­si­on erstellt sodann auf der Grund­la­ge natur­schutz­fach­li­cher Kri­te­ri­en im Ein­ver­neh­men mit den Mit­glied­staa­ten die Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung. Plä­ne oder Pro­jek­te, die ein geschütz­tes Gebiet erheb­lich beein­träch­ti­gen könn­ten, erfor­dern auf ein­zel­staat­li­cher Ebe­ne eine Prü­fung auf Ver­träg­lich­keit mit den für das in Rede ste­hen­de Gebiet fest­ge­leg­ten Erhal­tungs­zie­len. Die ein­zel­staat­li­chen Behör­den dür­fen nur sol­che Plä­ne oder Pro­jek­te geneh­mi­gen, die das betref­fen­de Gebiet nicht beein­träch­ti­gen.

Grund­la­ge der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist eine Kla­ge der Stadt Papen­burg, einer Hafen­stadt an der Ems in Nie­der­sach­sen und Stand­ort einer Werft. Um die Ems zwi­schen der Mey­er-Werft und der Nord­see mit gro­ßen Schif­fen befah­ren zu kön­nen, muss sie durch Bag­ge­run­gen ver­tieft wer­den. Im Jahr 1994 wur­de es der Stadt Papen­burg gestat­tet, den Fluss aus­zu­bag­gern. Die­se Geneh­mi­gung ist bestands­kräf­tig und bedeu­tet, dass zukünf­ti­ge Bedarfs­bag­ge­run­gen als geneh­migt gel­ten.

Die Kom­mis­si­on nahm fluss­ab­wärts vom Gemein­de­ge­biet der Stadt Papen­burg gele­ge­ne Tei­le der Ems in ihren Ent­wurf einer Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung auf und bat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, hier­zu ihr Ein­ver­neh­men zu ertei­len. Die Stadt Papen­burg erhob dar­auf­hin vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg Kla­ge, um zu ver­hin­dern, dass Deutsch­land sein Ein­ver­neh­men erteilt, und um sicher­zu­stel­len, dass die für die Erhal­tung der Schiff­bar­keit der Ems not­wen­di­gen Bag­ge­run­gen nicht zukünf­tig in jedem Ein­zel­fall einer Ver­träg­lich­keits­prü­fung im Sin­ne der Richt­li­nie unter­zo­gen wer­den müs­sen.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg leg­te dar­auf­hin in einem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor, unter wel­chen Bedin­gun­gen ein Mit­glied­staat sein Ein­ver­neh­men zu dem Ent­wurf einer Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung ver­wei­gern darf. Das Ver­wal­tungs­ge­richt möch­te außer­dem wis­sen, ob die vor­ge­se­he­nen fort­ge­setz­ten Bag­ge­run­gen in der Ems, die von den deut­schen Behör­den vor Ablauf der Umset­zungs­frist der Richt­li­nie geneh­migt wur­den, der dar­in vor­ge­se­he­nen Prü­fung zu unter­zie­hen sind.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt zunächst fest, dass die Kri­te­ri­en für die Beur­tei­lung der gemein­schaft­li­chen Bedeu­tung eines Gebiets anhand des Ziels der Erhal­tung der natür­li­chen Lebens­räu­me sowie der wild­le­ben­den Tie­re und Pflan­zen, die in der Richt­li­nie auf­ge­führt sind, sowie des Ziels der Kohä­renz von Natu­ra 2000 defi­niert wor­den sind. Hier­bei han­delt es sich um Zie­le natur­schutz­fach­li­cher Art. Folg­lich dür­fen die Mit­glied­staa­ten ihr Ein­ver­neh­men zur Auf­nah­me eines Gebiets in die von der Kom­mis­si­on erstell­te Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung nur aus natur­schutz­fach­li­chen Grün­den ver­wei­gern. Wirt­schaft­li­che, gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Kri­te­ri­en sowie regio­na­le und ört­li­che Beson­der­hei­ten kön­nen nicht als Grund­la­ge einer sol­chen Ver­wei­ge­rung die­nen.

Sodann führt der Gerichts­hof aus, dass der Umstand, dass die Aus­bag­ge­run­gen in der Ems vor Ablauf der Umset­zungs­frist der Richt­li­nie nach deut­schem Recht end­gül­tig geneh­migt wur­den, als sol­cher nicht dar­an hin­dert, die­se Bag­ge­run­gen bei jedem Ein­griff in die Fahr­rin­ne als geson­der­te Pro­jek­te anzu­se­hen. In die­sem Fall ist jedes die­ser Pro­jek­te, soweit es das betref­fen­de Gebiet erheb­lich beein­träch­ti­gen könn­te, einer Ver­träg­lich­keits­prü­fung gemäß der Richt­li­nie zu unter­zie­hen.
Aller­dings kön­nen die in Rede ste­hen­den Unter­hal­tungs­maß­nah­men, wenn sie unter ande­rem im Hin­blick dar­auf, dass sie wie­der­keh­rend anfal­len, auf ihre Art oder auf die Umstän­de ihrer Aus­füh­rung als ein­heit­li­che Maß­nah­me betrach­tet wer­den kön­nen, ins­be­son­de­re, wenn sie den Zweck haben, eine bestimm­te Tie­fe der Fahr­rin­ne durch regel­mä­ßi­ge und hier­zu erfor­der­li­che Aus­bag­ge­run­gen bei­zu­be­hal­ten, als ein ein­zi­ges Pro­jekt im Sin­ne der Richt­li­nie ange­se­hen wer­den. In die­sem Fall unter­lä­ge ein sol­ches Pro­jekt, wenn es vor Ablauf der Umset­zungs­frist der Richt­li­nie geneh­migt wur­de, nicht der Ex-ante-Prü­fung auf sei­ne Aus­wir­kun­gen auf das betref­fen­de Gebiet.

Sobald jedoch ein Gebiet in der von der Kom­mis­si­on fest­ge­leg­ten Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung auf­ge­führt wird, unter­liegt jede Aus­füh­rung von Arbei­ten einer all­ge­mei­nen Schutz­pflicht, die sich aus der Richt­li­nie ergibt und dar­in besteht, Ver­schlech­te­run­gen der natür­li­chen Lebens­räu­me und der Habi­ta­te der Arten sowie erheb­li­che Beein­träch­ti­gun­gen der Arten, für die das Schutz­ge­biet bestimmt wur­de, zu ver­mei­den.

Schließ­lich stellt der Gerichts­hof noch klar, dass, sobald ein Gebiet in einer der Kom­mis­si­on im Hin­blick auf ihre Auf­nah­me in die Lis­te der Gebie­te von gemein­schaft­li­cher Bedeu­tung über­mit­tel­ten natio­na­len Lis­te auf­ge­führt ist, die­ses Gebiet kei­nen Ein­grif­fen aus­ge­setzt wer­den darf, die sei­ne öko­lo­gi­schen Merk­ma­le ernst­haft beein­träch­ti­gen könn­ten.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 14. Janu­ar 2010 – C‑226/​08 (Stadt Papen­burg /​Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land)

  1. Richt­li­nie 92/​43/​EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhal­tung der natür­li­chen Lebens­räu­me sowie der wild­le­ben­den Tie­re und Pflan­zen (ABl. L 206 S. 7) in der durch die Richt­li­nie 2006/​105/​EG des Rates vom 20. Novem­ber 2006 (ABl. L 363, S. 368) geän­der­ten Fas­sung.[]