Gen-Mais

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat sich – nach der Gen-Honig-Ent­schei­dung – zum zwei­ten Mal in die­ser Woche mit dem Anbau von gen­tech­nisch mani­pu­lier­tem Mais zu befas­sen. In dem nun ver­kün­de­ten zwei­ten Urteil äußert sich der Euro­päi­sche Gerichts­hof zu den Vor­aus­set­zun­gen, unter denen die fran­zö­si­schen Behör­den den Anbau der Mais­sor­te MON 810 vor­über­ge­hend ver­bie­ten durf­ten. Im vor­lie­gen­den Fall durf­ten, so der Euro­päi­sche Gerichts­hof, Sofort­maß­nah­men unter den in den Rechts­vor­schrif­ten über Lebens­mit­tel und Fut­ter­mit­tel fest­ge­leg­ten Vor­aus­set­zun­gen getrof­fen wer­den.

Gen-Mais

Für die absicht­li­che Frei­set­zung gene­tisch ver­än­der­ter Orga­nis­men (GVO) durch Frei­land­ver­su­che mit sowie den Anbau von gene­tisch ver­än­der­ten Pflan­zen gel­ten euro­päi­sche Rechts­vor­schrif­ten, die ins­be­son­de­re auf zwei Rege­lun­gen beru­hen: zum einen auf der für die Frei­set­zung sämt­li­cher GVO gel­ten­den Richt­li­nie 2001/​18/​EG1 und zum ande­ren auf der Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003, die bei gene­tisch ver­än­der­ten Orga­nis­men, die zur mensch­li­chen und tie­ri­schen Ernäh­rung bestimmt sind2, eben­falls zur Anwen­dung kom­men kann. Die­se Rechts­vor­schrif­ten sol­len unter Berück­sich­ti­gung des Vor­sor­ge­grund­sat­zes sicher­stel­len, dass ein hohes Maß an Schutz für Leben und Gesund­heit des Men­schen und gleich­zei­tig der freie Ver­kehr mit Lebens­mit­teln und Fut­ter­mit­teln gewähr­leis­tet wer­den.

Mit Ent­schei­dung vom 22. April 19983 erteil­te die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on dem von Mon­s­an­to Euro­pe bean­trag­ten Inver­kehr­brin­gen der Mais­sor­te MON 810 auf der Grund­la­ge der damals gel­ten­den Richt­li­nie 90/​220/​EWG über die absicht­li­che Frei­set­zung gene­tisch ver­än­der­ter Orga­nis­men in die Umwelt ihre Zustim­mung. In Durch­füh­rung die­ser Ent­schei­dung stimm­te Frank­reich dem Inver­kehr­brin­gen schrift­lich zu. Die von der US-ame­ri­ka­ni­schen Unter­neh­mens­grup­pe Mon­s­an­to ent­wi­ckel­te und im Gebiet der Uni­on als Fut­ter­mit­tel ver­wen­de­te Mais­sor­te MON 810 ist gegen bestimm­te Insek­ten beson­ders resis­tent.

Am 11. Juli 2004 mel­de­te Mon­s­an­to Euro­pe bei der Kom­mis­si­on die Mais­sor­te MON 810 gemäß der Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003 über gene­tisch ver­än­der­te Lebens­mit­tel und Fut­ter­mit­tel als „bereits exis­tie­ren­des Erzeug­nis“ an, das vor dem Gel­tungs­be­ginn die­ser Ver­ord­nung (d. h. dem 18. April 2004) recht­mä­ßig in Ver­kehr gebracht wur­de (Vgl. Art. 20 Abs. 1 Buchst. a der Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003); eine Anmel­dung gemäß der Richt­li­nie 2001/​18 erfolg­te nicht. Am 4. Mai 2007 bean­trag­te Mon­s­an­to auf der Grund­la­ge die­ser Ver­ord­nung die Erneue­rung der Zulas­sung für das Inver­kehr­brin­gen die­ses GVO.

Als Sofort­maß­nah­me ver­ab­schie­de­te Frank­reich im Jahr 2007 einen Erlass zur Aus­set­zung der Abga­be und Ver­wen­dung von Saat­gut der Mais­sor­te MON 810 im Inland und dar­auf, im Jahr 2008, zwei Erlas­se, mit denen der Anbau der Mais­sor­te MON 810 ver­bo­ten wur­de.

Mon­s­an­to und meh­re­re ande­re Saat­gut­her­stel­ler erho­ben beim Con­seil d’État (Frank­reich) Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung die­ser Maß­nah­men. Im Rah­men die­ser Kla­ge stell­te sich die Fra­ge, ob Frank­reich Sofort­maß­nah­men auf der Grund­la­ge der Richt­li­nie 2001/​18/​EG erlas­sen durf­te, die den Erlass sol­cher Maß­nah­men durch den Mit­glied­staat aus eige­ner Initia­ti­ve und unmit­tel­bar erlaubt, oder ob die­se auf der Grund­la­ge der Ver­ord­nun­gen Nrn. 1829/​2003 und 178/​2002 hät­ten erlas­sen wer­den müs­sen, die den Erlass von Sofort­maß­nah­men durch einen Mit­glied­staat nur erlaubt, wenn die­ser die Kom­mis­si­on offi­zi­ell von der Not­wen­dig­keit in Kennt­nis setzt, Sofort­maß­nah­men zu ergrei­fen, und die Kom­mis­si­on kei­ne Maß­nah­me ergrif­fen hat.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Con­seil d’État beschlos­sen, den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens zu den Rechts­vor­schrif­ten zu befra­gen, die für die Sofort­maß­nah­men gel­ten, die die Zulas­sun­gen für das Inver­kehr­brin­gen der betref­fen­den GVO-Erzeug­nis­se regeln.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­det dabei nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

Im hier ent­schie­de­nen Fall weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf hin, dass die Beant­wor­tung der Fra­gen im vor­lie­gen­den Fall die Anwen­dung der Richt­li­nie 2002/​53/​EG über einen gemein­sa­men Sor­ten­ka­ta­log für land­wirt­schaft­li­che Pflan­zen­ar­ten4 unbe­rührt lässt, die zwar auf Saat­gut anwend­bar ist, das aus Mais­sor­ten wie MON 810 her­vor­ge­gan­gen ist, auf deren Vor­schrif­ten, die es einem Mit­glied­staat ermög­li­chen, auf sei­nen Antrag hin von der Kom­mis­si­on oder dem Rat ermäch­tigt zu wer­den, Ver­bots­maß­nah­men zu tref­fen, sich die fran­zö­si­schen Behör­den jedoch nicht beru­fen haben.

Sodann betont der Euro­päi­sche Gerichts­hof, dass die Mais­sor­te MON 810, die nach der Richt­li­nie 90/​220/​EWG über die absicht­li­che Frei­set­zung gene­tisch ver­än­der­ter Orga­nis­men in die Umwelt (auf­ge­ho­ben durch die Richt­li­nie 2001/​18/​EG) u. a. als Saat­gut für Anbau­zwe­cke zuge­las­sen wur­de, im vor­lie­gen­den Fall gemäß der Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003 als „bereits exis­tie­ren­de Erzeug­nis­se“ gemel­det wor­den war und für sie danach ein noch nicht beschie­de­ner Antrag auf Erneue­rung der Zulas­sung gemäß die­ser Richt­li­nie gestellt wur­de. Unter sol­chen Umstän­den kann ein Mit­glied­staat nicht auf die in der Richt­li­nie 2001/​18/​EG vor­ge­se­he­ne Schutz­klau­sel zurück­grei­fen, um Maß­nah­men zu erlas­sen, mit denen die Ver­wen­dung oder das Inver­kehr­brin­gen von GVO wie der Mais­sor­te MON 810 vor­über­ge­hend aus­ge­setzt und dann ver­bo­ten wird.

Hin­ge­gen kön­nen sol­che Sofort­maß­nah­men nach der Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003 getrof­fen wer­den.

Hier­zu weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass ein Mit­glied­staat, der beab­sich­tigt, auf der Grund­la­ge die­ser Ver­ord­nung Sofort­maß­nah­men zu erlas­sen, sowohl die dort gere­gel­ten Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen als auch die Ver­fah­rens­be­din­gun­gen gemäß der Ver­ord­nung Nr. 178/​20025 beach­ten muss, auf die die erst­ge­nann­te Ver­ord­nung inso­weit ver­weist. Der Mit­glied­staat hat die Kom­mis­si­on daher „offi­zi­ell“ von der Not­wen­dig­keit, Sofort­maß­nah­men zu ergrei­fen, in Kennt­nis zu set­zen. Falls die Kom­mis­si­on kei­ne Maß­nah­men ergreift, hat der Mit­glied­staat sie und die ande­ren Mit­glied­staa­ten „unver­züg­lich“ vom Inhalt der vor­läu­fi­gen Schutz­maß­nah­men zu unter­rich­ten, die er ergrif­fen hat. Der Mit­glied­staat muss die Kom­mis­si­on also „schnellst­mög­lich“ unter­rich­ten, wobei die­se Unter­rich­tung – übri­gens eben­so, wie im Rah­men der durch die Richt­li­nie 2001/​18/​EG ein­ge­führ­ten Schutz­klau­sel – im Not­fall spä­tes­tens zusam­men mit dem Erlass der Sofort­maß­nah­men durch die­sen Mit­glied­staat zu erfol­gen hat.

Zu den Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen der gemäß der Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003 getrof­fe­nen Sofort­maß­nah­men stellt der Euro­päi­sche Gerichts­hof des Wei­te­ren fest, dass die­se Ver­ord­nung die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet, für den Erlass von Sofort­maß­nah­men außer der Dring­lich­keit das Vor­lie­gen einer Situa­ti­on zu begrün­den, in der ein erheb­li­ches Risi­ko bestehen kann, das offen­sicht­lich die Gesund­heit von Mensch oder Tier oder die Umwelt gefähr­det. Trotz ihrer vor­läu­fi­gen Natur und ihres Prä­ven­tiv­cha­rak­ters kön­nen die­se Maß­nah­men nur getrof­fen wer­den, wenn sie auf eine mög­lichst umfas­sen­de Risi­ko­be­wer­tung unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Umstän­de des kon­kre­ten Fal­les gestützt sind, die erken­nen las­sen, dass die­se Maß­nah­men gebo­ten sind.

Schließ­lich betont der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass im Licht der Sys­te­ma­tik der in der Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003 vor­ge­se­he­nen Rege­lung und ihres Ziels der Ver­mei­dung künst­li­cher Dis­kre­pan­zen letzt­lich allein die Kom­mis­si­on und der Rat für die Risi­ko­be­wer­tung und das Risi­ko­ma­nage­ment bei einem erns­ten und offen­sicht­li­chen Risi­ko zustän­dig sind, wobei der Uni­ons­rich­ter als Kon­troll­in­stanz fun­giert. Im Sta­di­um des Erlas­ses und der Durch­füh­rung von Sofort­maß­nah­men durch die Mit­glied­staa­ten sind, solan­ge auf Uni­ons­ebe­ne kei­ne Ent­schei­dung ergan­gen ist, die mit der Kon­trol­le der Recht­mä­ßig­keit sol­cher inner­staat­li­chen Maß­nah­men befass­ten natio­na­len Gerich­te für die Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit die­ser Maß­nah­men in Anse­hung der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen und Ver­fah­rens­be­din­gun­gen der Ver­ord­nun­gen Nr. 1829/​2003 und Nr. 178/​2002 zustän­dig. Wur­de hin­ge­gen auf Uni­ons­ebe­ne eine Ent­schei­dung erlas­sen, so bin­den die dar­in getrof­fe­nen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Fest­stel­lun­gen alle Orga­ne des Mit­glied­staats, an den die­se Ent­schei­dung gerich­tet ist, ein­schließ­lich sei­ner Gerich­te, die zur Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit der auf natio­na­ler Ebe­ne ergrif­fe­nen Maß­nah­men auf­ge­ru­fen sind.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 8. Sep­tem­ber 2011 – C‑58/​10 bis C‑68/​10 [Mon­s­an­to SAS u. a.]

  1. Richt­li­nie 2001/​18/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12. März 2001 über die absicht­li­che Frei­set­zung gene­tisch ver­än­der­ter Orga­nis­men in die Umwelt und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 90/​220/​EWG des Rates (ABl. L 106, S. 1).
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 1829/​2003 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22. Sep­tem­ber 2003 über gene­tisch ver­än­der­te Lebens­mit­tel und Fut­ter­mit­tel (ABl. L 268, S. 1).
  3. Euro­päi­sche Kom­mis­si­on, Ent­schei­dung 98/​294/​EG vom 22.04.1998 über das Inver­kehr­brin­gen von gene­tisch ver­än­der­tem Mais (Zea mays L., Linie MON 810) gemäß der Richt­li­nie 90/​220 (ABl. L 131, S. 32).
  4. Richt­li­nie des Rates vom 13. Juni 2002 (ABl. L 193, S. 1) in der durch die Ver­ord­nung Nr. 1829/​2003 geän­der­ten Fas­sung.
  5. Ver­ord­nung (EG) Nr. 178/​2002 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 28. Janu­ar 2002 zur Fest­le­gung der all­ge­mei­nen Grund­sät­ze und Anfor­de­run­gen des Lebens­mit­tel­rechts, zur Errich­tung der Euro­päi­schen Behör­de für Lebens­mit­tel­si­cher­heit und zur Fest­le­gung von Ver­fah­ren zur Lebens­mit­tel­si­cher­heit (ABl. L 31, S. 1).