Habi­tat­schutz­recht­li­che Abwei­chungs­ent­schei­dun­gen und die Natur­schutz­ver­bän­de

Die Mit­wir­kung an­er­kann­ter Na­tur­schutz­ver­bän­de bei einer ha­bi­tat­schutz­recht­lich er­for­der­li­chen Ab­wei­chungs­ent­schei­dung gemäß § 63 Abs. 2 Nr. 5 BNatSchG ist ver­fah­rens­recht­lich auf die Vor­be­rei­tung der Ent­schei­dung und in­halt­lich auf die Ein­brin­gung na­tur­schutz­fach­li­chen Sach­ver­stan­des be­schränkt.

Habi­tat­schutz­recht­li­che Abwei­chungs­ent­schei­dun­gen und die Natur­schutz­ver­bän­de

Gemäß § 34 BNatSchG sind Pro­jek­te vor ihrer Zulas­sung oder Durch­füh­rung auf ihre Ver­träg­lich­keit mit den Erhal­tungs­zie­len eines Natu­ra-2000-Gebiets (FFH-Gebiet) zu über­prü­fen, wenn sie ein­zeln oder im Zusam­men­wir­ken mit ande­ren Pro­jek­ten oder Plä­nen geeig­net sind, das Gebiet erheb­lich zu beein­träch­ti­gen, und nicht unmit­tel­bar der Ver­wal­tung des Gebiets die­nen. Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, ist im Rah­men einer Vor­prü­fung fest­zu­stel­len 1. Vor­prü­fung und Ver­träg­lich­keits­prü­fung sind natur­schutz­recht­lich obli­ga­to­ri­sche Ver­fah­rens­schrit­te 2. In der Ver­träg­lich­keits­prü­fung muss der Trä­ger des Vor­ha­bens unter Berück­sich­ti­gung der bes­ten ein­schlä­gi­gen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se nach­wei­sen, dass eine vor­ha­ben­be­ding­te Beein­träch­ti­gung der Erhal­tungs­zie­le der betrof­fe­nen Gebie­te aus­ge­schlos­sen ist. Bestehen nach Aus­schöp­fung aller wis­sen­schaft­li­chen Mit­tel und Quel­len ver­nünf­ti­ge Zwei­fel dar­an, dass das Vor­ha­ben die Erhal­tungs­zie­le nicht beein­träch­ti­gen wird, ist das Pro­jekt gemäß § 34 Abs. 2 BNatSchG unzu­läs­sig 3. Abwei­chend von Absatz 2 darf ein Pro­jekt gemäß § 34 Abs. 3 bis 5 BNatSchG nur unter strik­ter Wah­rung der dort beschrie­be­nen, eng aus­zu­le­gen­den Vor­aus­set­zun­gen 4 zuge­las­sen wer­den. Die Zulas­sung im Rah­men des "Abwei­chungs­re­gimes" 5 setzt ihrer­seits vor­aus, dass zuvor eine den Anfor­de­run­gen des § 34 Abs. 1 BNatSchG genü­gen­de Ver­träg­lich­keits­prü­fung durch­ge­führt wur­de, da die­se die Infor­ma­tio­nen ver­mit­telt, derer es bedarf, um das Vor­lie­gen der Aus­nah­me­vor­aus­set­zun­gen fest­zu­stel­len 6. Wird eine Abwei­chungs­ent­schei­dung nicht getrof­fen oder lie­gen die mate­ri­ell­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hier­für nicht vor, ist das Pro­jekt ent­spre­chend der Grund­re­gel des § 34 Abs. 2 BNatSchG natur­schutz­recht­lich unzu­läs­sig. Etwai­ge Män­gel der Ver­träg­lich­keits­prü­fung schla­gen auf die Abwei­chungs­ent­schei­dung durch 7.

Sofern das Pro­jekt einer fach­recht­li­chen Zulas­sung bedarf, bedient sich § 34 BNatSchG die­ses Zulas­sungs­ver­fah­rens als Trä­ger­ver­fah­ren. § 34 BNatSchG unter­schei­det zwi­schen zulas­sungs­be­dürf­ti­gen und nicht zulas­sungs­be­dürf­ti­gen Pro­jek­ten. Für den Fall, dass ein Pro­jekt nach ande­ren fach­recht­li­chen Vor­schrif­ten einer behörd­li­chen Zulas­sungs­ent­schei­dung bedarf und das Natur­schutz­recht zum Prüf­pro­gramm die­ser Ent­schei­dung gehört 8, fin­det die Ver­träg­lich­keits­prü­fung im Rah­men die­ses Zulas­sungs­ver­fah­rens statt ("auf­ge­dräng­te Prü­fung"). Die Ver­träg­lich­keits­prü­fung ist in die­sem Fall ein Ver­fah­rens­schritt inner­halb des die Zulas­sung des Pro­jekts betref­fen­den behörd­li­chen Ent­schei­dungs­pro­zes­ses. Zustän­dig ist die­je­ni­ge Behör­de, die nach den maß­geb­li­chen fach­recht­li­chen Vor­schrif­ten über die Zulas­sung des Pro­jekts zu befin­den hat 9. Ihr obliegt es, inner­halb des fach­recht­li­chen Trä­ger­ver­fah­rens auch die FFH-Ver­träg­lich­keits­prü­fung vor­zu­neh­men und eine gege­be­nen­falls erfor­der­li­che habi­tat­recht­li­che Abwei­chungs­ent­schei­dung zu tref­fen. Die­se Zustän­dig­keits­kon­zen­tra­ti­on im jewei­li­gen fach­recht­li­chen Trä­ger­ver­fah­ren ist in § 34 BNatSchG zwar nicht aus­drück­lich gere­gelt. Sie ergibt sich jedoch aus § 34 Abs. 6 BNatSchG, wonach für den Fall, dass ein Pro­jekt kei­ner behörd­li­chen Ent­schei­dung oder Anzei­ge bedarf (und auch nicht von einer Behör­de durch­ge­führt wird), ein sub­si­diä­res Anzei­ge­ver­fah­ren bei der für Natur­schutz und Land­schafts­pfle­ge zustän­di­gen Behör­de vor­ge­se­hen ist 10, um auch in die­ser Situa­ti­on ein zur Auf­nah­me der habi­tat­schutz­recht­li­chen Prü­fun­gen geeig­ne­tes Trä­ger­ver­fah­ren ver­füg­bar zu haben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 10. April 2013 – 4 C 3.12

  1. BVerwG, Urteil vom 17.01.2007 – 9 A 20.05, BVerw­GE 128, 1 Rn. 61 f.; vgl. auch Sto­rost, DVBl 2009, S. 673, 674; Wolf, in: Schla­cke, GK-BNatSchG, 2012, § 34 Rn. 6[]
  2. Ewer, in: Lütkes/​Ewer, BNatSchG, 2011, § 34 Rn. 9 ff.; Gel­ler­mann, in: Landmann/​Rohmer, Umwelt­recht Band II, Stand Juni 2012, § 34 BNatSchG Rn. 7[]
  3. BVerwG, Urtei­le vom 17.01.2007 a.a.O. und vom 12.03.2008 – 9 A 3.06, BVerw­GE 130, 299 Rn. 67[]
  4. EuGH, Urteil vom 20.09.2007 – C‑304/​05, Slg. 2007, I‑7495 Rn. 83 = NuR 2007, 679[]
  5. zum Begriff Wolf, a.a.O. § 34 Rn. 13 ff.[]
  6. BVerwG, Urteil vom 17.01.2007 a.a.O. Rn. 114[]
  7. Ewer, a.a.O. § 34 Rn. 38[]
  8. vgl. hier­zu Ewer, a.a.O. § 34 Rn. 80[]
  9. all­ge­mei­ne Mei­nung, vgl. z.B. Gel­ler­mann, a.a.O. § 34 Rn. 12 und 46, und Wolf, a.a.O. Rn. 5[]
  10. Gel­ler­mann, a.a.O. § 34 Rn. 12; Wolf, a.a.O. § 34 Rn.19[]