Hoch­was­ser­rück­hal­te­be­cken am Rhein

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg hat 56 Kla­gen gegen den Pol­der-Elz­mün­dung zum Teil statt­ge­ge­ben. Dazu gehö­ren u. a. die Kla­gen der Gemein­den Schwa­nau und Kap­pel-Gra­fen­hau­sen. Ins­ge­samt hat­ten sich 112 Klä­ger (Pri­vat­leu­te, Land­wir­te, Gewer­be­trei­ben­de, Gemein­den Kap­pel-Gra­fen­hau­sen und Schwa­nau, eine Bür­ger­initia­ti­ve) gegen den Plan­fest­stel­lungs­be­schluss des Land­rats­amts Orten­au­kreis zur Ein­rich­tung eines Hoch­was­ser­rück­hal­te­be­ckens und zu öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen im Rah­men des inte­grier­ten Rhein­pro­gramms gewandt. Mit den regel­mä­ßi­gen öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen der Rück­hal­te­räu­me soll die Natur an die Über­schwem­mung gewöhnt wer­den. Die Klä­ger befürch­ten auf­grund der mit den Flu­tun­gen ein­her­ge­hen­den Ver­än­de­run­gen der Über­flu­tungs­flä­chen neben erheb­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen von Eigen­tum und Gesund­heit auch nach­tei­li­ge Fol­gen für die Natur.

Hoch­was­ser­rück­hal­te­be­cken am Rhein

Der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss des Land­rats­amts Orten­au­kreis vom 20. Sep­tem­ber 2007 für den Bau und Betrieb des Rück­hal­te­raums Elz­mün­dung sei in Tei­len rechts­wid­rig, so das Ver­wal­tungs­ge­richt in sei­ner Urteils­be­grün­dung. Die bestehen­den Rechts­feh­ler führ­ten jedoch nicht zur Auf­he­bung des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses, son­dern nur dazu, dass des­sen Rechts­wid­rig­keit fest­ge­stellt und dem Land die Mög­lich­keit belas­sen wer­de, die Feh­ler durch ein ergän­zen­des Ver­fah­ren zu behe­ben. Vor Durch­füh­rung die­ses Ver­fah­rens dür­fe der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss nicht voll­zo­gen wer­den.

Der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss wei­se inso­weit recht­li­che Män­gel auf, als das beklag­te Land Baden-Würt­tem­berg ein Grund­was­ser­mo­dell zugrun­de­ge­legt habe, das hin­sicht­lich der zu Schwa­nau gehö­ren­den Ort­schaf­ten All­manns­wei­er und Otten­heim den not­wen­di­gen Anfor­de­run­gen an die Belast­bar­keit sei­ner Pro­gno­sen nicht genü­ge. Ange­sichts der hohen Schutz­gü­ter, die bei einer mög­li­chen Betrof­fen­heit des Was­ser­schutz­ge­biets und der unge­schütz­ten Häu­ser der Ein­woh­ner die­ser Ort­schaf­ten beein­träch­tigt sein könn­ten, hal­te das Ver­wal­tungs­ge­richt eine best­mög­li­che Pro­gno­se­grund­la­ge und damit zumin­dest auch eine Vali­die­rung des Grund­was­ser­mo­dells, d.h. des­sen Bestä­ti­gung anhand kon­kre­ter Mess­da­ten für uner­läss­lich. Hin­sicht­lich der übri­gen Ort­schaf­ten sehe der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss aller­dings aus­rei­chen­de Schutz­maß­nah­men gegen den Anstieg des Grund­was­sers vor.

Hin­zu kom­me ein Ver­stoß gegen zwin­gen­de Nor­men des Umwelt­rechts. Denn das Land habe die Fol­gen des Vor­ha­bens für die im Rück­hal­te­raum nach­ge­wie­se­nen Bau­chi­gen und Schma­len Win­del­schne­cken nicht hin­rei­chend sicher abge­klärt. Zwar wäre bei einer erheb­li­chen Beein­träch­ti­gung die­ser beson­ders geschütz­ten Arten durch das Vor­ha­ben die Ertei­lung einer natur­schutz­recht­li­chen Aus­nah­me denk­bar. Die­se sei aber im Plan­fest­stel­lungs­be­schluss nicht aus­ge­spro­chen wor­den.

Der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss fin­de aller­dings im Was­ser­haus­halts- sowie im Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz eine aus­rei­chen­de Rechts­grund­la­ge. Die Ein­bin­dung des Vor­ha­bens in das Inte­grier­te Rhein­pro­gramm füh­re nicht dazu, dass für die Ver­wirk­li­chung des Rück­hal­te­raums Elz­mün­dung ein eigen­stän­di­ges, auf das Inte­grier­te Rhein­pro­gramm bezo­ge­nes Gesetz hät­te erlas­sen wer­den müs­sen. Der Rück­hal­te­raum Elz­mün­dung sei als Maß­nah­me des Hoch­was­ser­schut­zes durch Grün­de des All­ge­mein­wohls gerecht­fer­tigt. Das Land sei nicht ver­pflich­tet gewe­sen, sei­ne Rea­li­sie­rung zuguns­ten einer ande­ren Pla­nungs­al­ter­na­ti­ve wie etwa der der „Hart­hei­mer Lösung“ oder der Vari­an­te einer frei­f­lie­ßen­den Elz zurück­zu­stel­len oder zu ver­klei­nern.

Das Kon­zept der öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen begrün­de kei­nen Ver­stoß gegen das Natur­schutz­recht. Die öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen stell­ten zwar einen eigen­stän­di­gen Ein­griff in den Natur­haus­halt dar. Auf­grund ihrer beson­de­ren Ziel­rich­tung der suk­zes­si­ven Umge­stal­tung des Reten­ti­ons­raums in eine hoch­was­ser­to­le­ran­te Flä­che trü­gen sie jedoch die natur­schutz­recht­lich not­wen­di­ge Kom­pen­sa­ti­on in sich. Das grund­sätz­lich strik­te Sche­ma zum Aus­gleich von Ein­grif­fen in Natur und Land­schaft bedür­fe einer Anpas­sung an die Beson­der­hei­ten der öko­lo­gi­schen Flu­tun­gen. Die­se sei­en auch geeig­net, den in ihnen lie­gen­den Ein­griff in den Natur­haus­halt zu kom­pen­sie­ren, indem ein dem bis­he­ri­gen Zustand gleich­wer­ti­ger Zustand erreicht wer­de.

Kein Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses bestehe schließ­lich inso­weit, als das Land die betrof­fe­nen Belan­ge wie etwa bei der kla­gen­den Gemein­de die Beschrän­kung ihrer Pla­nungs­ho­heit sowie im Übri­gen etwa die Gefahr einer Ansied­lung und Aus­brei­tung von Mücken oder die klein­kli­ma­to­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen des Vor­ha­bens auf die Umge­bung mit den Zie­len des Hoch­was­ser­schut­zes abge­wo­gen habe. Auch sei­en die Belan­ge von Land­wir­ten durch die in den Plan­fest­stel­lungs­be­schluss auf­ge­nom­me­nen Ent­schä­di­gungs­re­ge­lun­gen aus­rei­chend berück­sich­tigt wor­den. Die Kla­ge der Bür­ger­initia­ti­ve Elz­mün­dung Schwa­nau e. V. sei dage­gen unzu­läs­sig, weil die­se zum Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung nicht im Sin­ne des Umwelt­rechts­be­helfs­ge­set­zes aner­kannt gewe­sen sei.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg, Urtei­le vom 3. August 2010 – 2 K 192, 193, 206, 276, 277, 290, 291, 292, 323, 332, 366, 369, 370 und 393/​08