Un­rich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung und Prü­fungs­pflicht des Rechts­an­walts

Der be­voll­mäch­tig­te Rechts­an­walt hat bei An­fer­ti­gen der Rechts­be­schwer­de­schrift ei­gen­ver­ant­wort­lich zu prü­fen, ob der im Fris­ten­ka­len­der no­tier­te Frist­ab­lauf für die Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung rich­tig be­rech­net wor­den ist. Eine un­rich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung recht­fer­tigt nicht die An­nah­me feh­len­den Ver­schul­dens des Be­tei­lig­ten an der Frist­ver­säum­nis, wenn die­se nicht dar­auf be­ruht.

Un­rich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung und Prü­fungs­pflicht des Rechts­an­walts

Die Frist für die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de beträgt zwei Mona­te (§ 83 Abs. 2 BPers­VG i.V.m. § 74 Abs. 2 Satz 2, § 94 Abs. 2 Satz 3 ArbGG und § 552 Abs. 1 ZPO); sie beginnt mit der Zustel­lung des in voll­stän­di­ger Form abge­fass­ten Beschlus­ses des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts (§ 74 Abs. 1 Satz 1 und 2, § 92 Abs. 2 Satz 1 ArbGG).

Im vor­lie­gen­den Fall ist der Beschluss des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts den Betei­lig­ten jeweils am 9.11.2012 zuge­stellt wor­den. Die­se hät­ten dem­nach ihre Rechts­be­schwer­den spä­tes­tens bis Mitt­woch, den 09.01.2013, begrün­den müs­sen. Ihre Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung ist aber erst am Don­ners­tag, den 10.01.2013, und damit ver­spä­tet beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ein­ge­gan­gen.

Die­se Ver­spä­tung ist nicht des­we­gen unbe­acht­lich, weil die Rechts­mit­tel­be­leh­rung im ange­foch­te­nen Beschluss unzu­tref­fend dahin lau­tet, dass die Rechts­be­schwer­de spä­tes­tens inner­halb eines Monats nach ihrer Ein­le­gung begrün­det wer­den müs­se. Zwar ist gemäß § 9 Abs. 5 Satz 4 ArbGG in Fäl­len, in denen die Beleh­rung durch das Gericht unter­blie­ben oder unrich­tig erteilt wor­den ist, die Ein­le­gung des Rechts­mit­tels noch inner­halb eines Jah­res seit Zustel­lung der Ent­schei­dung zuläs­sig. Die­se Rege­lung betrifft aber nur die­je­ni­gen Anga­ben, über wel­che das Gericht gemäß § 9 Abs. 5 Satz 3 ArbGG zu beleh­ren hat. Dazu zählt die Frist für die Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels, nicht aber die Frist für des­sen Begrün­dung. Die Rechts­mit­tel­be­leh­rung soll den rechts­un­kun­di­gen Betei­lig­ten in die Lage ver­set­zen, die gebo­te­nen Schrit­te zu ergrei­fen und ins­be­son­de­re einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nach § 11 Abs. 2 ArbGG hin­zu­zu­zie­hen. Frist und Form der Begrün­dung müs­sen dann von die­sem beach­tet wer­den 1.

Den Betei­lig­ten ist nicht wegen der Ver­säu­mung der Frist zur Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de Wie­der­ein­set­zung in den vor­he­ri­gen Stand zu gewäh­ren. Sie waren nicht ohne Ver­schul­den ver­hin­dert, die­se Frist ein­zu­hal­ten (§ 233 ZPO). Das Ver­schul­den ihres bevoll­mäch­tig­ten Rechts­an­walts ist ihnen als eige­nes Ver­schul­den zuzu­rech­nen (§ 85 Abs. 2 ZPO).

Dem bevoll­mäch­tig­ten Rechts­an­walt ist anzu­las­ten, dass er bei Anfer­ti­gung der Rechts­be­schwer­de­schrif­ten am 23.11.und 5.12.2012 nicht über­prüft hat, ob die im Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­ge­ne Frist für die Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung kor­rekt berech­net war.

Ein Rechts­an­walt hat alles ihm Zumut­ba­re zu tun und zu ver­an­las­sen, damit Fris­ten zur Ein­le­gung und Begrün­dung eines Rechts­mit­tels gewahrt wer­den. Er hat bei jeder Vor­la­ge der Hand­ak­ten im Zusam­men­hang mit einer frist­ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lung eigen­ver­ant­wort­lich zu prü­fen, wann die Frist für die Pro­zess­hand­lung abläuft. Wer­den einem Rechts­an­walt Hand­ak­ten zur Anfer­ti­gung einer Rechts­mit­tel­schrift vor­ge­legt, hat er neben der Prü­fung der Rechts­mit­tel­frist auch die ord­nungs­ge­mä­ße Notie­rung der zu die­sem Zeit­punkt bereits fest­ste­hen­den Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist zu prü­fen 2.

Bei Anfer­ti­gung der Rechts­be­schwer­de­schrif­ten lagen dem Bevoll­mäch­tig­ten der Betei­lig­ten – sei es in akten­mä­ßi­ger, sei es in elek­tro­ni­scher Form – die dazu benö­tig­ten Unter­la­gen vor. Dem­ge­mäß hat er in bei­den Rechts­mit­tel­schrif­ten jeweils das zutref­fen­de Zustel­lungs­da­tum 9.11.2012 ange­ge­ben. Da ihm als Fach­an­walt für Arbeits­recht die Rege­lung zur Frist für die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de in § 74 Abs. 1 Satz 1 und 2 ArbGG geläu­fig war, wäre es für ihn schon zu den genann­ten Zeit­punk­ten unschwer mög­lich gewe­sen, als Fris­ten­de Mitt­woch, den 9.01.2013, zu ermit­teln und einen ent­spre­chen­den Abgleich mit dem Fris­ten­ka­len­der vor­zu­neh­men. Die Frist­über­schrei­tung wäre dadurch ver­mie­den wor­den. Auf die Frist­be­rech­nung sei­ner Mit­ar­bei­te­rin durf­te sich der bevoll­mäch­tig­te Rechts­an­walt dage­gen nicht unge­prüft ver­las­sen.

Ihn ent­las­tet die teil­wei­se unrich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung im ange­foch­te­nen Beschluss nicht. Zwar recht­fer­tigt eine unrich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung in der Regel die Annah­me eines feh­len­den Ver­schul­dens des Betei­lig­ten an der Frist­ver­säu­mung 3. Dies gilt jedoch nicht, wenn die Frist­ver­säum­nis nicht auf der unzu­tref­fen­den Rechts­mit­tel­be­leh­rung beruht 4. Ein Ver­schul­den des Betei­lig­ten ist daher dann regel­mä­ßig zu ver­nei­nen, wenn gera­de die Befol­gung der unrich­ti­gen Rechts­mit­tel­be­leh­rung die Frist­ver­säum­nis her­bei­ge­führt hat. So liegt der Fall jedoch nicht.

Hät­te sich der Bevoll­mäch­tig­te der Betei­lig­ten an die Aus­sa­ge in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gehal­ten, wonach die Rechts­be­schwer­de inner­halb eines Monats nach ihrer Ein­le­gung begrün­det wer­den müs­se, dann wäre die Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung nicht nach, son­dern vor Ablauf der gesetz­li­chen Frist bei Gericht ein­ge­gan­gen. Er hät­te dann die Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung für die Betei­lig­ten bereits am Mon­tag, den 24.12.2012, und die Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung für die Betei­lig­te zu 1 bereits am Mon­tag, den 7.01.2013, bei Gericht ange­bracht. Sein pro­zes­sua­les Ver­hal­ten sowie sei­ne Aus­füh­run­gen im Wie­der­ein­set­zungs­ge­such ein­schließ­lich der Anga­ben sei­ner Mit­ar­bei­te­rin zei­gen jedoch, dass er sich nicht nach dem unzu­tref­fen­den Teil der Rechts­mit­tel­be­leh­rung gerich­tet, son­dern viel­mehr zutref­fend erkannt hat, dass die Begrün­dungs­frist jeden­falls nicht durch die Ein­le­gung der Rechts­be­schwer­de in Lauf gesetzt wur­de. Die Frist­ver­säum­nis beruh­te danach allein und ent­schei­dend dar­auf, dass die Mit­ar­bei­te­rin nicht eine Zwei-Monats-Frist ab Beschluss­zu­stel­lung, son­dern eine Ein-Monats-Frist nach Ablauf der Ein­le­gungs­frist zugrun­de gelegt und der bevoll­mäch­tig­te Anwalt die­se unzu­tref­fen­de Frist­be­rech­nung nicht über­prüft hat. Dies ist ihm – wie bereits aus­ge­führt – als Ver­schul­den anzu­las­ten.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 17. April 2013 – 6 P 9.12

  1. vgl. BAG, Urtei­le vom 04.06.2003 – 10 AZR 586/​02 – AP Nr. 2 zu § 209 InsO Bl. 1699 R und vom 05.02.2004 – 8 AZR 112/​03BAGE 109, 265, 269 m.w.N. aus sei­ner stän­di­gen Recht­spre­chung[]
  2. vgl. BAG, Urtei­le vom 31.01.2008 – 8 AZR 27/​07BAGE 125, 333 Rn. 21 und vom 17.01.2012 – 3 AZR 572/​09; sowie Beschluss vom 17.10.2012 – 3 AZR 633/​12; BGH, Beschluss vom 03.05.2011 – VI ZB 4/​11, jeweils m.w.N. aus der stän­di­gen Recht­spre­chung bei­der Gerich­te[]
  3. vgl. BVerwG, Beschluss vom 05.10.2011 – 6 P 18.10, Buch­holz 251.95 § 61 MBGSH Nr. 2 Rn. 18 m.w.N.[]
  4. vgl. BAG, Urtei­le vom 16.12.2004 – 2 AZR 611/​03 – AP Nr. 30 zu § 66 ArbGG 1979 Bl. 9; und vom 24.10.2006 – 9 AZR 709/​05 – AP Nr. 34 zu § 66 ArbGG 1979 Rn. 21 ff.[]