Untä­tig­keits­kla­ge – und der nach­träg­lich ergan­ge­ne Bescheid

Ergeht nach Erhe­bung der Untä­tig­keits­kla­ge ein ableh­nen­der Bescheid bezüg­lich des mit­tels einer Untä­tig­keits­kla­ge rechts­hän­gig gemach­ten Ver­pflich­tungs­be­geh­rens, ohne dass das Ver­fah­ren vom Ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­setzt und nach § 75 Satz 3 VwGO eine Frist für die Beschei­dung gesetzt gewe­sen wäre, so ist der Klä­ger nicht gehal­ten, ein Vor­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren 1.

Untä­tig­keits­kla­ge – und der nach­träg­lich ergan­ge­ne Bescheid

Viel­mehr befreit die Vor­schrift des § 75 Satz 1 VwGO den Klä­ger gera­de von der Durch­füh­rung eines Vor­ver­fah­rens und mit­hin von der Ein­le­gung eines Wider­spruchs.

Hier­über besteht für die Fall­kon­stel­la­ti­on einer von Anfang an zuläs­si­gen Untä­tig­keits­kla­ge wegen einer ohne zurei­chen­den Grund nicht erfolg­ten behörd­li­chen Ent­schei­dung Einig­keit. Die als Untä­tig­keits­kla­ge erho­be­ne Kla­ge bleibt auch nach Erge­hen eines behörd­li­chen Beschei­des zuläs­sig. Maß­geb­lich für die Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit der Kla­ge ist der Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung 2.

Das gericht­li­che Ver­fah­ren wird unter Ein­be­zie­hung des ergan­ge­nen ableh­nen­den Beschei­des als Ver­pflich­tungs­kla­ge fort­ge­führt 3, sofern der Klä­ger nicht anläss­lich des Erlas­ses des Beschei­des eine pro­zes­sua­le Erklä­rung über eine Erle­di­gung der Haupt­sa­che oder die Rück­nah­me der Kla­ge abgibt oder sich, was ihm gleich­falls frei­steht, durch Ein­le­gung eines Wider­spruchs für die Durch­füh­rung eines Vor­ver­fah­rens mit der Mög­lich­keit einer Kor­rek­tur durch die Wider­spruchs­be­hör­de ent­schei­det 4.

Die Ein­be­zie­hung des nach­träg­lich ergan­ge­nen ableh­nen­den Beschei­des ist nicht an die Ein­hal­tung der Kla­ge­frist des § 74 VwGO gebun­den 5, wenn eraus­schließ­lich den bereits mit zuläs­si­ger Erhe­bung der Untä­tig­keits­kla­ge rechts­hän­gig gemach­ten Streit­ge­gen­stand betrifft. Die Rechts­hän­gig­keit des Rege­lungs­ge­gen­stan­des schon vor Erlass des Beschei­des steht einem Ein­tritt von des­sen Bestands­kraft bis zum rechts­kräf­ti­gen Abschluss des gericht­li­chen Kla­ge­ver­fah­rens ent­ge­gen, ohne dass es einer beson­de­ren frist­ge­bun­de­nen Ver­fah­rens­hand­lung des Klä­gers bedürf­te 6.

Sind Streit­ge­gen­stand der Untä­tig­keits­kla­ge und Rege­lungs­ge­gen­stand des nach­träg­lich ergan­ge­nen Ver­wal­tungs­ak­tes deckungs­gleich, erstreckt sich die zuläs­si­ger­wei­se vor Erge­hen des Ver­wal­tungs­ak­tes erho­be­ne Kla­ge ohne Wei­te­res auf den der begehr­ten Ver­pflich­tung ent­ge­gen­ste­hen­den Ver­wal­tungs­akt. Einer Ein­be­zie­hung in das Kla­ge­ver­fah­ren bedarf es ledig­lich im Rah­men der spä­tes­tens bis zum Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung zu erfol­gen­den Antrag­stel­lung des Klä­gers 7.

Führt der Klä­ger nach Erge­hen des Beschei­des das Kla­ge­ver­fah­ren, nun­mehr als Ver­pflich­tungs­kla­ge, in Bezug auf sein sach­li­ches Kla­ge­be­geh­ren unver­än­dert fort, liegt dar­in auch ohne aus­drück­li­che Erklä­rung eine Ein­be­zie­hung des Beschei­des in das gericht­li­che Ver­fah­ren 8.

Sein Ver­pflich­tungs­an­trag wäre erfor­der­li­chen­falls auch ohne nach­träg­li­che Prä­zi­sie­rung vom Gericht dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass der begehr­te Aus­spruch der Ver­pflich­tung der Behör­de zum Erlass des Ver­wal­tungs­ak­tes unter Auf­he­bung des zwi­schen­zeit­lich ergan­ge­nen, ableh­nen­den Ver­wal­tungs­akts erfol­gen soll.

Ist der ergan­ge­ne Bescheid als unselb­stän­di­ger Annex des zuläs­si­ger­wei­se rechts­hän­gig gemach­ten Ver­pflich­tungs­be­geh­rens des Klä­gers 9 bereits streit­be­fan­gen und der Klä­ger von der Anfor­de­rung der Durch­füh­rung eines Vor­ver­fah­rens gem. § 75 Satz 1 VwGO befreit, so kann es auf die Ein­hal­tung einer Wider­spruchs­frist nach § 70 Abs. 1 VwGO und die Abga­be einer Wider­spruchs­er­klä­rung nach Erge­hen des Beschei­des von vor­ne­her­ein nicht mehr ankom­men. Es bedarf auch kei­ner beson­de­ren gesetz­li­chen Rege­lung über die Ein­be­zie­hung des Beschei­des in das lau­fen­de Kla­ge­ver­fah­ren 10.

Umge­kehrt bedürf­te es einer gesetz­li­chen Norm, die für die beson­de­re Kon­stel­la­ti­on einer nach § 75 Satz 1 VwGO zuläs­si­gen Untä­tig­keits­kla­ge nun­mehr die Ein­hal­tung einer Frist als zusätz­li­che Sachur­teils­vor­aus­set­zung ver­langt.

Schles­wig ‑Hol­stei­ni­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Sep­tem­ber 2014 – 4 LB 2/​14

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 21.12.1995 – 3 C 24/​94, BVerw­GE 100, 221; Urteil vom 23.03.1973 – 4 C 2/​71, BVerw­GE 42, 108; Urteil vom 04.06.1991 – 1 C 42/​88, BVerw­GE 88, 254; Urteil vom 13.01.1983 – 5 C 114/​81, BVerw­GE 66, 342; Dolde/​Porsch, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, § 75 Rn. 26;[]
  2. vgl. Ren­nert, in: Eyer­mann, VwGO, 13. Aufl.2010, § 75 Rn. 18[]
  3. vgl. ebd.[]
  4. vgl. Kopp/​Schenke, VwGO, 19. Aufl.2013, § 75 Rn. 25[]
  5. vgl. Ren­nert, a.a.O., Rn. 18[]
  6. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 13.09.2012 – 9 S 2153/​11, NVwZ-RR 2012, 948; OVG NRW, Beschluss vom 04.08.2010 – 2 A 796/​09, DVBl 2010, 1309[]
  7. vgl. auch BayVGH, Beschluss vom 11.08.2005 – 4 CE 05.1580, BayVBl 2006, 733; Urteil vom 22.06.2007 – 4 B 06.1224, BayVBl 2008, 241[]
  8. ähn­lich OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 20.05.2009 – 2 O 22/​09, NVwZ-RR 2009, 744[]
  9. vgl. auch OVG NRW, a.a.O.[]
  10. vgl. aber VG Han­no­ver, Urteil vom 28.06.2011 – 13 A 626/​10[]