Unter­bin­dungs­ge­wahr­sam in Nie­der­sach­sen – oder: Akti­vist oder Demonstrant?

Hin­sicht­lich des Anwen­dungs­be­reichs des Nie­der­säch­si­schen Poli­zei- und Ord­nungs­be­hör­den­ge­set­zes fin­det kei­ne Beschrän­kung auf Maß­nah­men nach dem Nie­der­säch­si­schen Ver­samm­lungs­ge­setz statt („Poli­zei­rechts­fes­tig­keit“ der Ver­samm­lung), wenn die Betrof­fe­nen zum Zeit­punkt der Inge­wahrsam­nah­me nicht Teil­neh­mer einer Ver­samm­lung im Sin­ne des § 2 NVersG waren.

Unter­bin­dungs­ge­wahr­sam in Nie­der­sach­sen – oder: Akti­vist oder Demonstrant?

So auch in dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig ent­schie­de­nen Fall: Die Beschwer­de­füh­rer geben selbst an, nicht Teil der Demons­tra­ti­on aus Anlass der Haupt­ver­hand­lung gegen den Umwelt­ak­ti­vis­ten vor dem Amts­ge­richt gewe­sen zu sein; die Ter­min­über­ein­stim­mung sei Zufall gewe­sen. Sie haben sich zum Zeit­punkt der poli­zei­li­chen Maß­nah­men auch nicht im oder in der Nähe des Demons­tra­ti­ons­zu­ges auf­ge­hal­ten; die­ser befand sich bereits auf sei­ner Rou­te vom Haupt­bahn­hof zum Amts­ge­richt, die nicht über die Stadt­brü­cke führte.

Es kann auch dahin­ste­hen, ob die Akti­on der Beschwer­de­füh­rer mit der vier­ten Per­son für sich genom­men eine (nicht ange­mel­de­te) Ver­samm­lung unter frei­em Him­mel im Sin­ne des Nie­der­säch­si­schen Ver­samm­lungs­ge­set­zes dar­ge­stellt hat oder bei Erfolg dar­ge­stellt hät­te. Es spricht zwar viel dafür, dass es sich um eine sol­che im Sin­ne des § 2 NVersG gehan­delt hat, nament­lich um eine Zusam­men­kunft von min­des­tens zwei Per­so­nen zur gemein­schaft­li­chen, auf die Teil­ha­be an der öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung gerich­te­ten Erör­te­rung oder Kund­ge­bung. Ins­be­son­de­re ist nach § 2 NVersG – anders als nach dem Ver­samm­lungs­ge­setz des Bun­des und ande­ren Lan­des­ver­samm­lungs­ge­set­zen – die Öffent­lich­keit der Ver­samm­lung nicht Vor­aus­set­zung des gesetz­li­chen Schut­zes, so das auch Ver­an­stal­tun­gen, die – wie wohl die von den Beschwer­de­füh­rern und der vier­ten Per­son geplan­ten Akti­on – nicht jeder­mann offen­ste­hen, unter den Ver­samm­lungs­be­griff des Nie­der­säch­si­schen Ver­samm­lungs­ge­set­zes fal­len1. Die­se etwai­ge Ver­samm­lung war aber spä­tes­tens damit fak­tisch been­det, dass ein Mit­ar­bei­ter des Sicher­heits­diens­tes der Haus­rechts­in­ha­be­rin der Brü­cke die Beschwer­de­füh­rer und die vier­te Per­son der Brü­cke ver­wie­sen hat und die Betei­lig­ten dem auch nach­ge­kom­men sind.

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Vor die­sem Hin­ter­grund kann auch dahin­ste­hen, ob in Nie­der­sach­sen das all­ge­mei­ne Poli­zei­recht im Ver­samm­lungs­ge­sche­hen sub­si­di­är anwend­bar ist, weil § 10 NPOG die Ver­samm­lungs­frei­heit (Art. 8 Abs. 1 GG) nennt und damit dem Zitier­ge­bot gemäß § 19 Abs. 1 Satz 2 GG Rech­nung trägt2.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 5. März 2021 – 3 W 104/​20 – 3 W 105/​20 – 3 W 3/​21

  1. End­ers, in: Dürig-Fried­l/En­ders, Ver­samm­lungs­recht, 1. Auf­la­ge 2016, § 1 Ver­sammlG, Rn. 64[]
  2. vgl. Brenn­ein­sen u.a., Ver­samm­lungs­recht, 5. Auf­la­ge 2020, S. 60 m.w.N.; vgl. auch Sai­pa, in: Sai­pa u.a., NPOG, 27. EL, Stand: Sep­tem­ber 2020, § 1, Rn. 9[]

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  • Demonstration,Versammlung,Polizei,: Pixabay