Unwirk­sa­me Asyl­an­trags­rück­nah­me im Dub­lin-Ver­fah­ren

Nimmt ein Asyl­be­wer­ber sei­nen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz unter Auf­recht­erhal­tung eines Antrags auf Fest­stel­lung natio­na­ler Abschie­bungs­ver­bo­te nach § 60 Abs. 5 und 7 Auf­en­thG zurück, setzt die Wirk­sam­keit der Rück­nah­me die Dar­le­gung vor­aus, dass das auf­recht­erhal­te­ne Abschie­bungs­schutz­be­geh­ren nicht auf Grün­de gestützt wird, die dem inter­na­tio­na­len Schutz (Flücht­lings­schutz und sub­si­diä­rer Schutz) unter­fal­len.

Unwirk­sa­me Asyl­an­trags­rück­nah­me im Dub­lin-Ver­fah­ren

Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig jetzt in dem Fall einer Fami­lie ira­ni­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit ent­schie­den, die im Sep­tem­ber 2014 mit einem gül­ti­gen öster­rei­chi­schen Schen­gen-Visum in das Bun­des­ge­biet ein­reis­ten und Asyl­an­trä­ge stell­ten. Einem im Okto­ber 2014 an die Repu­blik Öster­reich gerich­te­ten Über­nah­me­ersu­chen nach der Dub­lin III-Ver­ord­nung stimm­te die­se zu. Mit Bescheid vom 30. Okto­ber 2014 lehn­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) die Asyl­an­trä­ge man­gels inter­na­tio­na­ler Zustän­dig­keit als unzu­läs­sig ab und ord­ne­te die Abschie­bung der Fami­lie nach Öster­reich an. Nach Kla­ge­er­he­bung nah­men die Fami­lie ihre Asyl­an­trä­ge zurück und hiel­ten nur noch das Begeh­ren auf­recht, ein Abschie­bungs­ver­bot i.S.d. § 60 Abs. 5 und 7 Auf­en­thG fest­zu­stel­len.

Die Kla­ge hat­te in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg 1 und dem Ham­bur­gi­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt 2 kei­nen Erfolg. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung dar­auf gestützt, die Dub­lin-III-Ver­ord­nung blei­be auch dann wei­ter anwend­bar, wenn ein Antrag­stel­ler sei­nen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz zurück­neh­me, nach­dem der ersuch­te Mit­glied­staat dem Auf­nah­me­ge­such zuge­stimmt hat. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat dies nun bestä­tigt und auch die Revi­si­on der ira­ni­schen Fami­lie zurück­ge­wie­sen:

Der ange­foch­te­ne Bescheid ist schon des­halb recht­lich nicht zu bean­stan­den, weil die Fami­lie ihre Asyl­an­trä­ge nicht wirk­sam zurück­ge­nom­men haben und die Zustän­dig­keit Öster­reichs für die Asyl­ver­fah­ren bereits aus die­sem Grund fort­be­steht. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hat ein schutz­su­chen­der Aus­län­der, der sich auf Grün­de beruft, die mate­ri­ell dem inter­na­tio­na­len Schutz unter­fal­len, kein Wahl­recht hin­sicht­lich der begehr­ten Schutz­form. Er ist viel­mehr hin­sicht­lich aller ziel­staats­be­zo­ge­ner Gefah­ren, die geeig­net sind, einen Anspruch auf inter­na­tio­na­len Schutz zu begrün­den, auf das Asyl­ver­fah­ren beim Bun­des­amt ver­wie­sen. Bei einem förm­li­chen Asyl­an­trag ist grund­sätz­lich von der Gel­tend­ma­chung der­ar­ti­ger Gefah­ren aus­zu­ge­hen. Die Rück­nah­me eines sol­chen Antrags ist daher in einem Fall, in dem der Antrag­stel­ler ein Begeh­ren auf Fest­stel­lung natio­na­ler Abschie­bungs­ver­bo­te auf­recht­erhält, nur wirk­sam, wenn der Antrag­stel­ler dar­legt, dass er kei­ne vom inter­na­tio­na­len Schutz umfass­ten Schutz­grün­de (mehr) gel­tend macht. Dar­an fehl­te es hier. Über die Wirk­sam­keit der Rück­nah­me ist für die Zwe­cke des Dub­lin-Ver­fah­rens nach hie­si­gem natio­na­lem Recht zu befin­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 26. Febru­ar 2019 – 1 C 30.17

  1. VG Ham­burg, Urteil vom 17.02.2015 – 10 A 5341/​14[]
  2. OVG Ham­burg, Urteil vm 30.01.2017 – 1 Bf 50/​15.A[]