Unzu­läs­sig und unbe­grün­det

Hat das Ver­wal­tungs­ge­richt eine unzu­läs­si­ge Kla­ge durch Sachur­teil als unbe­grün­det abge­wie­sen und dies zugleich auf pro­zess­recht­li­che und sach­lich-recht­li­che Grün­de gestützt, kann im Ver­fah­ren über die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on das vor­in­stanz­li­che Urteil durch Beschluss nach § 133 Abs. 6 VwGO in ein Pro­zes­sur­teil umge­wan­delt wer­den.

Unzu­läs­sig und unbe­grün­det

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hät­te nur zur Zuläs­sig­keit des Wider­spruchs Stel­lung neh­men und die – mit dem Kla­ge­an­trag ver­bun­de­nen – mate­ri­el­len Rechts­fra­gen unent­schie­den las­sen müs­sen. In den Aus­füh­run­gen zur Begründ­etheit liegt für den Klä­ger eine Beschwer.

Ver­fah­rens­feh­ler­haft ist zunächst, dass das Ver­wal­tungs­ge­richt die Kla­ge als „zuläs­sig, aber unbe­grün­det“ abge­wie­sen hat und zur Begrün­dung unter ande­rem auf einen Umstand abge­stellt hat, der zur Abwei­sung als unzu­läs­sig hät­te füh­ren müs­sen. Ein sol­ches Pro­zes­sur­teil war wegen der vom Ver­wal­tungs­ge­richt bejah­ten Ver­säu­mung der Frist für die Ein­le­gung des Wider­spruchs (§ 70 VwGO) gebo­ten. Die Ein­hal­tung der Wider­spruchs­frist ist hier Sachur­teils­vor­aus­set­zung. Wird die Frist ver­säumt, so ist die nach Zurück­wei­sung des Wider­spruchs als unzu­läs­sig erho­be­ne Kla­ge gegen den Aus­gangs­be­scheid unzu­läs­sig; dem Gericht ist eine Sach­ent­schei­dung ver­wehrt 1. Hier­ge­gen hat das Ver­wal­tungs­ge­richt – aus­ge­hend von sei­ner Rechts­auf­fas­sung – mit der Abwei­sung der Kla­ge durch Sachur­teil objek­tiv ver­sto­ßen. Dass sei­ne Fest­stel­lung, die Kla­ge sei unbe­grün­det, nicht in der Urteils­for­mel, son­dern in den Ent­schei­dungs­grün­den ent­hal­ten ist, ändert dar­an nichts. Beson­ders bei kla­ge­ab­wei­sen­den Urtei­len sind die wei­te­ren Ele­men­te des Urteils her­an­zu­zie­hen, um den Umfang der Rechts­kraft durch Aus­le­gung zu bestim­men 2.

Ver­fah­rens­feh­ler­haft ist in der Kon­se­quenz auch die vom Klä­ger bean­stan­de­te sach­lich­recht­li­che Über­prü­fung des Kla­ge­be­geh­rens. Wegen der Ver­schie­den­heit der Rechts­kraft­wir­kung einer Pro­zess- und einer Sach­ab­wei­sung darf eine Kla­ge grund­sätz­lich nicht zugleich aus pro­zess­recht­li­chen und aus sach­lich­recht­li­chen Grün­den abge­wie­sen wer­den 3. Jedoch kön­nen auch in einem sol­chen Fall die sach­lich­recht­li­chen Aus­füh­run­gen zur Begründ­etheit eine Bin­dungs­wir­kung ent­fal­ten, die in nach­fol­gen­den Ver­fah­ren zu beach­ten ist, was die Beschwer­de zu Recht als poten­zi­el­le Beschwer betrach­tet. Die Bin­dungs­wir­kung greift auch, wenn das Gericht – wie hier – eine Dop­pel­be­grün­dung offen­sicht­lich in rechts­ir­ri­ger Zuord­nung der pro­zess­recht­li­chen Grün­de zum mate­ri­el­len Recht vor­nimmt; denn unzwei­fel­haft erwächst eine Sach­ab­wei­sung in Rechts­kraft, wenn das Gericht Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen über­se­hen hat, die Zuläs­sig­keit offen lässt oder sie grob feh­ler­haft bejaht 4. Eine Aus­le­gung des Urteils dahin, die Aus­füh­run­gen zur Sache sei­en ledig­lich nicht ent­schei­dungs­tra­gen­de ergän­zen­de Hin­wei­se an die Betei­lig­ten, die nicht geeig­net sind, an der Rechts­kraft des Urteils teil­zu­neh­men und bei der Bestim­mung des maß­geb­li­chen Urteils­in­halts als nicht geschrie­ben zu behan­deln sind 5, kommt hier nicht in Betracht. Die Abwei­sung als unbe­grün­det und die Art der Anein­an­der­rei­hung der Grün­de zei­gen klar, dass sie als selbst­stän­dig tra­gend gemeint sind.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nimmt den Ver­fah­rens­feh­ler zum Anlass, das Urteil in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 133 Abs. 6 VwGO in ein Pro­zes­sur­teil umzu­wan­deln. Da die Begrün­dung des Urteils einer recht­li­chen Prü­fung nicht stand­hält, die Kla­ge im Ergeb­nis aber zu Recht abge­wie­sen wor­den ist, käme nach § 144 Abs. 4 VwGO in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren die Auf­he­bung des ange­grif­fe­nen Urteils nicht in Betracht. Das schließt es auch im Beschwer­de­ver­fah­ren aus, eine sol­che Auf­he­bung anzu­ord­nen. Viel­mehr ist § 133 Abs. 6 VwGO zur gebo­te­nen Kor­rek­tur des Urteils her­an­zu­zie­hen; denn es ent­spricht gefes­tig­ter Recht­spre­chung, dass das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in unmit­tel­ba­rer oder ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 133 Abs. 6 VwGO ermäch­tigt ist, ein pro­zess­recht­lich zwin­gen­des Ver­fah­rens­er­geb­nis im Inter­es­se der Ver­fah­rens­öko­no­mie im Beschwer­de­ver­fah­ren selbst her­zu­stel­len 6.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Novem­ber 2011 – 3 B 54.11

  1. vgl. Ren­nert, in: Eyer­mann, VwGO, 13. Aufl., § 70 Rn. 7 m.w.N.[]
  2. vgl. Ren­nert, a.a.O. § 121 Rn. 22 m.w.N.[]
  3. BVerwG, Urteil vom 12.07.2000 – 7 C 3.00, BVerw­GE 111, 306, 312 = Buch­holz 310 § 43 VwGO Nr. 133; eben­so BGH, Urtei­le vom 10.12.1953 – IV ZR 48/​53BGHZ 11, 222, 223 f. und vom 27.11.1957 – IV ZR 121/​57NJW 1958, 384[]
  4. BGH, Urteil vom 16.01.2008 – XII ZR 216/​05NJW 2008, 1227 Rn. 9, 17[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 12.07.2000 a.a.O. m.w.N.[]
  6. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 02.04.1996 – 7 B 48.96, Buch­holz 310 § 133 VwGO Nr. 22, vom 19.11.1997 – 7 B 265.97 – a.a.O. Nr. 28, vom 07.10.1998 – 3 B 68.97 – a.a.O. Nr. 33, vom 13.03.2002 – 3 B 19.02 – a.a.O. Nr. 65 und vom 26.03.2004 – 1 B 79.03 – a.a.O. Nr. 71[]