Ver­bot der HNG

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat das vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern aus­ge­spro­che­ne Ver­bot der "Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für natio­na­le poli­ti­sche Gefan­ge­ne" bestä­tigt.

Ver­bot der HNG

Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern hat zu Recht den Ver­ein Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für natio­na­le poli­ti­sche Gefan­ge­ne und deren Ange­hö­ri­ge ver­bo­ten, weil sich die­ser Ver­ein gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung rich­tet und sei­ne Zwe­cke und sei­ne Tätig­keit den Straf­ge­set­zen zuwi­der­lau­fen. Dies hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den, das in ers­ter und letz­ter Instanz für Kla­gen zustän­dig ist, die sich gegen Ver­eins­ver­bo­te des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern rich­ten.

Der Ver­ein „Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für natio­na­le poli­ti­sche Gefan­ge­ne und deren Ange­hö­ri­ge“ ver­folgt nach sei­ner Sat­zung „aus­schließ­lich kari­ta­ti­ve Zwe­cke, indem er natio­na­le poli­ti­sche Gefan­ge­ne und deren Ange­hö­ri­ge im Rah­men der ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel unter­stützt“. Ins­be­son­de­re pflegt er hier­zu durch sei­ne Vor­stands­mit­glie­der den Brief­wech­sel mit inhaf­tier­ten Straf­tä­tern, die er dem Kreis der natio­na­len poli­ti­schen Gefan­ge­nen zurech­net. Hier­zu gehö­ren Straf­ge­fan­ge­ne, die wegen der Ver­brei­tung von Pro­pa­gan­da­mit­teln natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Inhalts (§ 86 StGB), wegen Ver­wen­dung von Kenn­zei­chen natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen (§ 86a StGB), wegen Volks­ver­het­zung ein­schließ­lich der Leug­nung des Holo­causts (§ 130 StGB) sowie wegen rechts­ex­tre­mis­tisch moti­vier­ter Gewalt­ta­ten zu Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt wor­den sind. Der Ver­ein ver­mit­telt zudem all­ge­mein den Brief­kon­takt mit der­ar­ti­gen Straf­tä­tern. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern ver­bot den Ver­ein: Er rufe zum akti­ven Kampf gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung auf. Hier­zu ver­ei­ne er unter dem Deck­man­tel einer ver­meint­lich kari­ta­ti­ven Betreu­ung von Straf­ge­fan­ge­nen Rechts­ex­tre­mis­ten natio­na­lis­ti­scher Prä­gung mit dem Ziel, die rechts­ex­tre­mis­ti­sche Sze­ne in Deutsch­land orga­ni­sa­ti­ons­über­grei­fend zu stär­ken und auf deren Radi­ka­li­sie­rung hin­zu­wir­ken. In die­sem Sin­ne befür­wor­te, pro­pa­gie­re und beför­de­re der Klä­ger straf­rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten bis hin zum Ein­satz von Gewalt als legi­ti­mem Mit­tel im Kampf gegen die bestehen­de ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung, der er ein natio­na­lis­ti­sches Welt­bild ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Prä­gung gegen­über­stel­le. Er eine nicht nur die rechts­ex­tre­mis­ti­sche Sze­ne im Kampf gegen das bestehen­de Sys­tem, son­dern bin­de sys­te­ma­tisch und gezielt rechts­ex­tre­mis­ti­sche Straf­tä­ter wäh­rend und nach der Haft an die­se Sze­ne. Dabei bestär­ke er die­se Straf­tä­ter nicht nur in ihren natio­na­lis­ti­schen Über­zeu­gun­gen, son­dern recht­fer­ti­ge und glo­ri­fi­zie­re das von ihnen began­ge­ne Unrecht, um so gezielt staat­li­che Bemü­hun­gen um Reso­zia­li­sie­rung der Täter zu unter­gra­ben und eine auf die­ser ideo­lo­gi­schen Basis beru­hen­de zukünf­ti­ge Bege­hung von Straf­ta­ten zu begüns­ti­gen und zu beför­dern. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern stütz­te sich dabei vor allem auf Ver­öf­fent­li­chun­gen in einem Mit­tei­lungs­blatt des Ver­eins, nament­lich auf dort abge­druck­te Brie­fe sei­ner Vor­stands­mit­glie­der an Straf­ge­fan­ge­ne und deren Brie­fe an den Ver­ein, fer­ner auf Brie­fe, die im Zuge von Durch­su­chun­gen bei Ver­eins­mit­glie­dern beschlag­nahmt wor­den sind.

Die gegen das Ver­bot gerich­te­te Kla­ge hat das hier erst- und letzt­in­stanz­lich zustän­di­ge Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt jetzt abge­wie­sen:

Der Ver­ein rich­tet sich gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung. Nach dem vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um zusam­men­ge­tra­ge­nen Mate­ri­al weist der Ver­ein in Pro­gramm, Vor­stel­lungs­welt und Gesamt­stil eine Wesens­ver­wandt­schaft mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus auf. Er bekennt sich zur ehe­ma­li­gen Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Arbei­ter­par­tei (NSDAP) und maß­geb­li­chen ihrer Funk­ti­ons­trä­ger, macht die demo­kra­ti­sche Staats­form ver­ächt­lich, pro­pa­giert eine mit dem Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 3 Abs. 3 GG unver­ein­ba­re Ras­sen­leh­re und strebt eine ent­spre­chen­de Über­win­dung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung an. Damit rich­tet er sich gegen die ele­men­ta­ren Ver­fas­sungs­grund­sät­ze und erfüllt dadurch den Ver­bots­tat­be­stand. Zweck und Tätig­keit des Ver­eins lau­fen fer­ner den Straf­ge­set­zen zuwi­der. Die Brie­fe von Straf­ge­fan­ge­nen, die von dem Ver­ein unter­stützt wer­den, bele­gen, dass die Akti­vi­tä­ten des Ver­eins bei die­sen Per­so­nen zur Ver­fes­ti­gung einer fana­tisch-aggres­si­ven Grund­hal­tung füh­ren, die wei­te­re ein­schlä­gi­ge Straf­ta­ten erwar­ten las­sen. Die­se Straf­ta­ten gehö­ren zum Kampf gegen das abge­lehn­te Sys­tem, den der Ver­ein pro­pa­giert. Mit den began­ge­nen Straf­ta­ten iden­ti­fi­ziert er sich. Er bestärkt die Täter dar­in, dass sie nur legi­ti­men Wider­stand gegen ein ille­gi­ti­mes Régime, näm­lich die von ihm geschmäh­te und ver­ächt­lich gemach­te Demo­kra­tie, geleis­tet haben. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in dem Ver­eins­ver­bot kei­nen Ver­stoß gegen die Euro­päi­sche Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten gese­hen. Sie schützt zwar die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit, lässt aber deren Ein­schrän­kung zu, wenn die­se vom Gesetz vor­ge­se­hen und in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft zur Auf­recht­erhal­tung der Ord­nung, hier der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung im Sin­ne des Grund­ge­set­zes, not­wen­dig ist. Der Staat ist nicht gehal­ten, erst dann gegen eine poli­ti­sche Ver­ei­ni­gung vor­zu­ge­hen, wenn sie kon­kre­te Maß­nah­men ergreift, um eine mit der demo­kra­ti­schen Ord­nung unver­ein­ba­re Poli­tik in die Pra­xis umzu­set­zen. Viel­mehr muss der Staat ver­nünf­ti­ger­wei­se in der Lage sein, die Ver­wirk­li­chung eines sol­chen Pro­gramms zu ver­hin­dern, bevor dies durch kon­kre­te Hand­lun­gen in die Pra­xis umge­setzt wird, die den Frie­den in der Gemein­schaft und die Demo­kra­tie im Land gefähr­den. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­grund der Erfah­run­gen im Drit­ten Reich auf dem Grund­satz der wehr­haf­ten Demo­kra­tie beruht, deren Aus­druck auch das im Grund­ge­setz aus­drück­lich ange­ord­ne­te Ver­bot von Ver­ei­nen ist, die sich gegen die frei­heit­lich demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung rich­ten.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 19. Dezem­ber 2012 – 6 A 6.11