Ver­deck­te Online-Daten­er­he­bun­gen durch Poli­zei und Ver­fas­sungs­schutz in Bay­ern

Sei­ner Ent­schei­dung zum Bun­des­kri­mi­nal­amt­ge­setz vom 20.04.2016 1 fol­gend hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nun Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ver­schie­de­ne Befug­nis­se von Poli­zei und Ver­fas­sungs­schutz nach dem Baye­ri­schen Poli­zei­auf­ga­ben­ge­setz und dem Baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz­ge­setz nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men.

Ver­deck­te Online-Daten­er­he­bun­gen durch Poli­zei und Ver­fas­sungs­schutz in Bay­ern

Die wesent­li­chen von den Beschwer­de­füh­rern auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen sei­en, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, durch das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Bun­des­kri­mi­nal­amt­ge­setz geklärt. Im Übri­gen sei die Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels Beschwer und gegen­wär­ti­ger Selbst­be­trof­fen­heit der Beschwer­de­füh­rer nicht zur Ent­schei­dung anzu­neh­men.

Ände­run­gen am Baye­ri­schen Poli­zei­auf­ga­ben­ge­setz und Ver­fas­sungs­schutz­ge­setz[↑]

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ehe­ma­li­ger Mit­glie­der des Baye­ri­schen Land­tags betrifft ver­schie­de­ne Nor­men, die durch das Gesetz zur Ände­rung des Poli­zei­auf­ga­ben­ge­set­zes vom 08.07.2008 2 und das Gesetz zur Ände­rung des Baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz­ge­set­zes, des Aus­füh­rungs­ge­set­zes Art. 10-Gesetz und des Par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­gre­mi­um-Geset­zes vom 08.07.2008 3 in das Baye­ri­sche Poli­zei­auf­ga­ben­ge­setz (im Fol­gen­den: Bay­PAG) und das Baye­ri­sche Ver­fas­sungs­schutz­ge­setz (im Fol­gen­den: BayVSG) ein­ge­fügt wur­den oder die hier­durch novel­liert wur­den. Die Beschwer­de­füh­rer rügen inso­weit eine Ver­let­zung des Grund­rechts auf Gewähr­leis­tung der Ver­trau­lich­keit und Inte­gri­tät infor­ma­ti­ons­tech­ni­scher Sys­te­me nach Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG, ihres Grund­rechts auf Unver­letz­lich­keit der Woh­nung nach Art. 13 Abs. 1 GG und des Art. 1 Abs. 1 GG, soweit er den Kern­be­reich pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung schützt.

Sie machen gel­tend, auf­grund ihrer poli­ti­schen Arbeit und Abge­ord­ne­ten­tä­tig­keit mit dem Schwer­punkt Ver­fas­sungs, Rechts- und Par­la­ments­fra­gen wür­den sich Bür­ge­rin­nen und Bür­ger bei ihnen über Maß­nah­men von Poli­zei- und Ver­fas­sungs­schutz beschwe­ren und in die­sen Ange­le­gen­hei­ten um Rat fra­gen. Dies sei auch für die Zeit nach Been­di­gung der Abge­ord­ne­ten­tä­tig­keit anzu­neh­men. Aus den poli­ti­schen Inhal­ten, mit denen die Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rer befasst sei­en, ergä­ben sich Kon­tak­te zu Orga­ni­sa­tio­nen oder zu Per­so­nen in Orga­ni­sa­tio­nen, die Objekt der Beob­ach­tung durch das Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz in Bay­ern sei­en.

Sie wen­den sich gegen die neu in das Poli­zei­auf­ga­ben­ge­setz ein­ge­füg­te Befug­nis zum ver­deck­ten Zugriff auf infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Sys­te­me nach Art. 34d Bay­PAG sowie gegen die Befug­nis zur ver­deck­ten Online-Daten­er­he­bung nach Art. 6e BayVSG. Begrenzt auf den Aspekt des unzu­rei­chend nor­mier­ten Schut­zes des Kern­be­reichs pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung rich­tet sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de fer­ner gegen ver­schie­de­ne Ände­run­gen der Art. 34 Bay­PAG (Beson­de­re Bestim­mun­gen über den Ein­satz tech­ni­scher Mit­tel in Woh­nun­gen), Art. 34a Bay­PAG (Daten­er­he­bung und Ein­grif­fe in den Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reich) und Art. 34c Bay­PAG (Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen, Ver­wen­dungs­ver­bo­te, Zweck­bin­dung, Benach­rich­ti­gung und Löschung), die Neu­fas­sung des Art. 6a BayVSG (Ein­satz tech­ni­scher Mit­tel im Schutz­be­reich des Art. 13 Grund­ge­setz) und des Art. 6b BayVSG (Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen für Maß­nah­men nach Art. 6a) sowie gegen die in das Ver­fas­sungs­schutz­ge­setz neu ein­ge­füg­ten Art. 6d BayVSG (Abhö­ren und Auf­zeich­nen des nicht­öf­fent­lich gespro­che­nen Wor­tes) und Art. 6f BayVSG (Ver­fah­rens­vor­schrif­ten). Schließ­lich wen­den sich die Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rer gegen die zeit­gleich mit Art. 34d Bay­PAG und Art. 6e BayVSG in das Lan­des­recht ein­ge­füg­ten Art. 34e Bay­PAG und Art. 6g BayVSG, die es den han­deln­den Behör­den gestat­te­ten, zum ver­deck­ten Zugriff auf infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Sys­te­me sowie zur Durch­füh­rung von Maß­nah­men nach Art. 34 Abs. 1 Bay­PAG, von Maß­nah­men nach Art. 34a Bay­PAG oder nach Art. 6a BayVSG, Sachen ver­deckt zu durch­su­chen und Woh­nun­gen ohne Ein­wil­li­gung der Betrof­fe­nen zu betre­ten und zu durch­su­chen.

Art. 34e Bay­PAG und Art. 6g BayVSG wur­den durch das Gesetz zur Ände­rung des Poli­zei­auf­ga­ben­ge­set­zes, des Baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz­ge­set­zes und des Baye­ri­schen Daten­schutz­ge­set­zes vom 27.07.2009 4 mit Wir­kung ab 1.08.2009 gestri­chen. Mit Aus­nah­me des Art. 6d BayVSG waren auch die übri­gen ange­grif­fe­nen Bestim­mun­gen durch zwi­schen­zeit­lich erfolg­te Geset­zes­än­de­run­gen zum Teil erheb­li­chen Strei­chun­gen oder Ände­run­gen des Geset­zes­wort­lauts unter­wor­fen (vgl. § 2 des Geset­zes zur Ände­rung des Poli­zei­auf­ga­ben­ge­set­zes und des Baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz­ge­set­zes vom 24.06.2013, BayGVBl S. 373 ff.).

Wie aus den Unter­rich­tun­gen der Lan­des­re­gie­rung an den Baye­ri­schen Land­tag folgt, wur­den bis­lang kei­ne berichts­pflich­ti­gen Maß­nah­men bezüg­lich eines Zugriffs auf infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Sys­te­me nach Art. 34d Bay­PAG durch­ge­führt. Glei­ches gilt für Online-Durch­su­chun­gen nach Art. 6e BayVSG. Nur im Jahr 2009 erfolg­te ein berichts­pflich­ti­ger Ein­satz tech­ni­scher Mit­tel in Woh­nun­gen nach Art. 34 Abs. 1 Bay­PAG und im Schutz­be­reich des Art. 13 GG nach Art. 6a BayVSG.

Zu der Ver­fas­sungs­be­schwer­de haben sich die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung, die Hes­si­sche Staats­kanz­lei, die Staats­kanz­lei des Lan­des Sach­sen-Anhalt, das Säch­si­sche Staats­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz, das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um des Frei­staa­tes Thü­rin­gen, der Land­tag Rhein­land-Pfalz, der Säch­si­sche Land­tag, der Baye­ri­sche Lan­des­be­auf­trag­te für den Daten­schutz, die Lan­des­be­auf­trag­te für den Daten­schutz und für das Recht auf Akten­ein­sicht des Lan­des Bran­den­burg, das Unab­hän­gi­ge Lan­des­zen­trum für Daten­schutz Schles­wig-Hol­stein und der 6. Revi­si­ons­se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geäu­ßert.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, da Annah­me­grün­de im Sin­ne des § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht vor­lie­gen. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unzu­läs­sig.

Zwi­schen­zeit­lich über­hol­te Geset­zes­än­de­run­gen[↑]

Man­gels Beschwer bedarf es kei­ner Ent­schei­dung über die vor dem Hin­ter­grund des Art. 13 Abs. 1 GG gerüg­ten Art. 34e Bay­PAG und Art. 6g BayVSG. Sie sind, ohne dass eine Anwen­dung ersicht­lich wäre, zum August 2009 auf­ge­ho­ben wor­den 5.

Glei­ches gilt infol­ge der zwi­schen­zeit­lich erfolg­ten Strei­chun­gen und Ände­run­gen des Geset­zes­wort­lauts 5, soweit die Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rer sich gegen die Befug­nis zum ver­deck­ten Zugriff auf infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Sys­te­me im Vor­feld einer abseh­ba­ren kon­kre­ten Gefahr im poli­zei­recht­li­chen Sin­ne, gegen die Befug­nis zur Online-Daten­ver­än­de­rung und gegen die Nut­zung von aus der Online-Durch­su­chung stam­men­den Daten zum Zwe­cke der Straf­ver­fol­gung nach Art. 34d Bay­PAG wen­den. Eben­falls kei­ner gericht­li­chen Ent­schei­dung bedür­fen aus die­sem Grund die Rüge des erleich­ter­ten Zugriffs auf Zugangs­da­ten im Ver­gleich zu sons­ti­gen gespei­cher­ten Daten und die gerüg­ten Aus­nah­men vom Rich­ter­vor­be­halt in Art. 34d Bay­PAG.

Kei­ne unmit­tel­ba­re Betrof­fen­heit[↑]

Im Übri­gen ergibt sich aus der Dar­le­gung der Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rer kei­ne gegen­wär­ti­ge Selbst­be­trof­fen­heit durch die von ihnen gerüg­ten Nor­men.

Den Ver­fas­sungs­be­schwer­den ist nicht hin­rei­chend zu ent­neh­men, wor­auf die Beschwer­de­füh­rer ihre Annah­me stüt­zen, trotz des gesetz­lich ver­an­ker­ten Schut­zes der Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­be­rech­tig­ten von einer sol­chen Maß­nah­me betrof­fen zu wer­den. Es fehlt inso­weit an einer sach­hal­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Vor­schrif­ten 6. Nach Art. 34d Abs. 1 Satz 4 Bay­PAG ist der ver­deck­te Zugriff auf ein infor­ma­ti­ons­tech­ni­sches Sys­tem unzu­läs­sig, wenn erkenn­bar wird, dass in ein durch ein Berufs­ge­heim­nis geschütz­tes Ver­trau­ens­ver­hält­nis im Sinn der §§ 53, 53a StPO ein­ge­grif­fen wird, es sei denn, die Maß­nah­me rich­tet sich gegen den Berufs­ge­heim­nis­trä­ger selbst. Glei­ches gilt nach Art. 6e Abs. 1 Satz 5 BayVSG für die ver­deck­te Online-Daten­er­he­bung des Ver­fas­sungs­schut­zes. Zu den zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­be­rech­tig­ten Berufs­ge­heim­nis­trä­gern zäh­len indes nach § 53 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StPO die Mit­glie­der eines Land­tags bezo­gen auf sol­che Infor­ma­tio­nen, die ihnen in ihrer Eigen­schaft als Abge­ord­ne­te anver­traut wor­den sind. In der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wird nicht aus­ge­führt, inwie­fern die­ser beson­de­re Schutz der Abge­ord­ne­ten­kom­mu­ni­ka­ti­on den Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rern, die sich ganz wesent­lich dar­auf beru­fen, auf­grund ihrer poli­ti­schen Arbeit und Abge­ord­ne­ten­tä­tig­keit mit Drit­ten, die von Poli­zei und Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet wer­den, in Kon­takt zu ste­hen, nicht genü­gen soll und war­um sie gleich­wohl mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit davon aus­ge­hen müs­sen, Objekt der Online-Daten­er­he­bung durch den baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz oder einer Online-Daten­lö­schung zu wer­den.

Auch hin­sicht­lich der Rüge des Feh­lens ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ner Rege­lun­gen zum Schutz des Kern­be­reichs pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung ist eine eige­ne Betrof­fen­heit der Beschwer­de­füh­rer nicht zu erken­nen. Sie haben nicht dar­ge­legt, inwie­fern die von ihnen ange­grif­fe­nen kern­be­reichs­schüt­zen­den Rege­lun­gen im BayVSG und im Bay­PAG nach Struk­tur und Inhalt geeig­net sein sol­len, in von Art. 1 Abs. 1 GG geschütz­te Posi­tio­nen der Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rer ein­zu­grei­fen. Dies folgt hin­sicht­lich Art. 6e BayVSG und Art. 34d Bay­PAG bereits aus den Schutz­nor­men für Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­be­rech­tig­te. Im Übri­gen fehlt es an einer Dar­le­gung, wes­halb gera­de die Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwer­de­füh­rer im Kern­be­reich pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung betrof­fen sein könn­ten 7. Auch inso­fern hät­te es – auch mit Blick auf den durch die ange­grif­fe­nen Nor­men regel­mä­ßig in Bezug genom­me­nen § 53 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StPO und den dar­aus resul­tie­ren­den beson­de­ren Schutz der Abge­ord­ne­ten­kom­mu­ni­ka­ti­on – beson­de­ren Vor­trags bedurft.

Ob die Ver­fas­sungs­be­schwer­de dar­über hin­aus auch des­we­gen nicht zur Ent­schei­dung anzu­neh­men ist, weil es infol­ge der zwi­schen­zeit­lich erfolg­ten Geset­zes­än­de­run­gen ergän­zen­den Vor­trags bedurft hät­te 8, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Die wesent­li­chen ursprüng­lich auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen sind durch das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 20.04.2016 – 1 BvR 966/​09, 1 BvR 1140/​09 – geklärt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 15. Juni 2016 – 1 BvR 2544/​08

  1. BVerfG, Urteil vom 20.04.2016 – 1 BvR 966/​09, 1 BvR 1140/​09[]
  2. BayGVBl S. 365 ff.[]
  3. BayGVBl S. 357 ff.[]
  4. BayGVBl S. 380 ff.[]
  5. vgl. BayGVBl 2009 S. 380 ff.[][]
  6. vgl. hier­zu BVerfG, Urteil vom 20.04.2016 – 1 BvR 966/​09, 1 BvR 1140/​09 7, 84; BVerfGK 10, 283, 287 f.[]
  7. vgl. BVerfGK 10, 283, 287 f.[]
  8. vgl. BVerfGE 87, 181, 194 f.; 106, 210, 214[]