Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Ent­schei­dung eines Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts

Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen eine Ent­schei­dung eines Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist grund­sätz­lich statt­haft, da das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt als Teil der öffent­li­chen Gewalt nach Art. 1 Abs. 3 GG an die Grund­rech­te gebun­den ist [1]. In dem betont föde­ra­tiv gestal­te­ten Bun­des­staat des Grund­ge­set­zes ste­hen die Ver­fas­sungs­be­rei­che des Bun­des und der Län­der jedoch grund­sätz­lich selb­stän­dig neben­ein­an­der (vgl. BVerfGE 4, 178, 189)). Ent­spre­chen­des gilt auch für die Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit des Bun­des und der Län­der [2]. Die Nach­prü­fung der vom Lan­des­ge­setz­ge­ber in eige­ner Kom­pe­tenz erlas­se­nen Geset­ze auf ihre Ver­ein­bar­keit mit der Lan­des­ver­fas­sung ist daher allein Sache der Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te [3], die nach der Lan­des­ver­fas­sung geschaf­fen und von ihr zur Ent­schei­dung eines Fal­les zur auto­ri­ta­ti­ven Aus­le­gung der Lan­des­ver­fas­sung beru­fen sind [4]. Zur voll­um­fäng­li­chen Über­prü­fung die­ser Ent­schei­dun­gen ist das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht befugt, da es kei­ne zwei­te Instanz über den Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­ten ist [5].

Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Ent­schei­dung eines Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts

Soweit die Beschwer­de­füh­rer rügen, der Hes­si­sche Staats­ge­richts­hof habe bei der Aus­le­gung einer Lan­des­ver­fas­sungs­norm die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt, ver­ken­nen sie, dass sich die Rechts­wir­kung des Urteils des Staats­ge­richts­hofs in der Erklä­rung der Ver­ein­bar­keit des Hes­si­schen Stu­di­en­bei­trags­ge­set­zes (HStu­beiG) mit der Ver­fas­sung des Lan­des Hes­sen erschöpft. Die bloß abs­trak­te Ent­schei­dung des Staats­ge­richts­hofs, wel­cher Inhalt und wel­che Trag­wei­te einer bestimm­ten Ver­fas­sungs­norm zukom­men, ist für sich unge­eig­net, in Rechts­po­si­tio­nen der Normadres­sa­ten zu ihrem Nach­teil ein­zu­grei­fen. Erst in der kon­kre­ten Anwen­dung der Norm kann ein Ein­griff lie­gen, etwa in einem Ver­wal­tungs­akt, der dann unmit­tel­bar in die Rechts­po­si­ti­on der Beschwer­de­füh­rer ein­grei­fen wür­de. Durch die Ent­schei­dung des Staats­ge­richts­hofs als sol­che wur­de deren Rechts­po­si­ti­on jeden­falls nicht ver­än­dert [6].

Das Urteil des Staats­ge­richts­hofs nimmt den Beschwer­de­füh­rern auch nicht die Mög­lich­keit, sich gegen einen auf Grund­la­ge des Hes­si­schen Stu­di­en­bei­trags­ge­set­zes erlas­se­nen Bei­trags­be­scheid zur Wehr zu set­zen. Nach Beschrei­ten des Rechts­wegs kön­nen sie gegen die Urtei­le der Fach­ge­rich­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­le­gen.

Nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wäre aller­dings die Prü­fung der Fra­ge am Maß­stab des Grund­ge­set­zes, ob im Ver­fah­ren vor dem Staats­ge­richts­hof das Recht auf Gehör, das pro­zes­sua­le Will­kür­ver­bot oder die Gesetz­lich­keit des Rich­ters beach­tet wur­den; denn auch im Ver­fah­ren vor den Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­ten gel­ten die Pro­zess­grund­rech­te des Grund­ge­set­zes [7]. Eine Ver­let­zung die­ser Grund­rech­te haben die Beschwer­de­füh­rer jedoch nicht gel­tend gemacht.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5.März 2010 – 1 BvR 2349/​08

  1. vgl. BVerfGE 13, 132, 140; 85, 148, 157; 96, 231, 242[]
  2. vgl. BVerfGE 6, 376, 381 f.; 22, 267, 270; 41, 88, 118; 60, 175, 209[]
  3. vgl. BVerfGE 6, 376, 382; 60, 175, 209[]
  4. vgl. BVerfGE 64, 301, 317[]
  5. vgl. BVerfGE 60, 175, 208 f.[]
  6. vgl. BVerfGE 30, 112, 123 f.[]
  7. vgl. BVerfGE 60, 175, 210 ff.[]