Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ein Gesetz – und die Grund­sät­ze der Selbst­be­trof­fen­heit und der Sub­si­dia­ri­tät

Die Zuläs­sig­keit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ein Gesetz setzt vor­aus, dass der Beschwer­de­füh­rer durch die ange­grif­fe­ne Norm selbst, unmit­tel­bar und gegen­wär­tig in sei­nen Grund­rech­ten betrof­fen ist 1.

Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ein Gesetz – und die Grund­sät­ze der Selbst­be­trof­fen­heit und der Sub­si­dia­ri­tät

Das Erfor­der­nis der Selbst­be­trof­fen­heit ver­langt, dass gera­de der Beschwer­de­füh­rer in eige­nen Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten betrof­fen ist 2.

Das ist der Fall, wenn der Beschwer­de­füh­rer Adres­sat der ange­grif­fe­nen Vor­schrift ist 2. Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen sind nicht Adres­sa­tin­nen der Geneh­mi­gungs­vor­schrif­ten in § 40 Abs. 4 Satz 1 bis 3 BNatSchG oder der Soll-Vor­schrift in § 40 Abs. 4 Satz 4 Nr. 4 Halb­satz 2 BNatSchG; sie wol­len nicht selbst die von ihnen ange­zo­ge­nen Pflan­zen in der frei­en Natur aus­brin­gen, son­dern ledig­lich an ande­re, ins­be­son­de­re öffent­li­che Auf­trag­ge­ber ver­äu­ßern.

Eine Selbst­be­trof­fen­heit ist aller­dings auch dann gege­ben, wenn der Hoheits­akt an Drit­te gerich­tet ist und eine hin­rei­chend enge Bezie­hung zwi­schen der Grund­rechts­po­si­ti­on des Beschwer­de­füh­rers und der Maß­nah­me besteht. Es muss eine recht­li­che Betrof­fen­heit vor­lie­gen; eine nur fak­ti­sche Beein­träch­ti­gung im Sin­ne einer Reflex­wir­kung reicht nicht 3.

Im vor­lie­gen­den Fall konn­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sei­ne Zwei­fel am Vor­lie­gen einer Selbst­be­trof­fen­heit aller­dings dahin­ste­hen las­sen, da der Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de jeden­falls der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ent­ge­gen stand:

Der in § 90 Abs. 2 BVerfGG zum Aus­druck kom­men­de Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät gilt auch für Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen Geset­ze. Nach die­sem Grund­satz ist auch die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eines von der ange­grif­fe­nen Vor­schrift selbst, gegen­wär­tig und unmit­tel­bar Betrof­fe­nen unzu­läs­sig, wenn er vor Anru­fung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in zumut­ba­rer Wei­se Rechts­schutz durch die all­ge­mein zustän­di­gen Gerich­te erlan­gen kann. Damit soll unter ande­rem erreicht wer­den, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht auf unge­si­cher­ter Tat­sa­chen- und Rechts­grund­la­ge ent­schei­den muss, son­dern die für die Aus­le­gung und Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts pri­mär zustän­di­gen Fach­ge­rich­te die Sach- und Rechts­la­ge vor einer Anru­fung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auf­ge­ar­bei­tet haben 4.

Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen müs­sen sich aller­dings dar­auf ver­wei­sen las­sen, sich vor­ran­gig dage­gen gericht­lich zur Wehr zu set­zen, wor­in sie ihre eigent­li­che Belas­tung sehen, näm­lich in den von öffent­li­chen Auf­trag­ge­bern aus­ge­schrie­be­nen Leis­tun­gen. Dass Rechts­schutz dage­gen von vorn­her­ein nicht gege­ben oder nicht zumut­bar ist, tra­gen sie nicht vor. Sie haben viel­mehr sogar selbst einen Beschluss einer Ver­ga­be­kam­mer des Lan­des Bran­den­burg vor­ge­legt, des­sen Aus­füh­run­gen dar­auf schlie­ßen las­sen, dass durch­aus eine inhalt­li­che Über­prü­fung der aus­ge­schrie­be­nen Leis­tun­gen in Betracht kommt. Nicht aus­ge­schlos­sen erscheint auch, dass – im soge­nann­ten unter­schwel­li­gen Bereich – ein Gericht eine Kla­ge mit dem Ziel der Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit der aus­ge­schrie­be­nen Leis­tun­gen für zuläs­sig hal­ten wür­de. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat im Übri­gen in sei­ner Ent­schei­dung zum unter­schwel­li­gen Bereich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es dem Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch ent­spricht, dass dem erfolg­lo­sen Bie­ter die Fest­stel­lungs­kla­ge eröff­net ist 5.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 28. Janu­ar 2014 – 1 BvR 573/​11

  1. vgl. BVerfGE 102, 197, 206; 108, 370, 384; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 108, 370, 384[][]
  3. vgl. BVerfGE 108, 370, 384 sowie bereits BVerfGE 13, 230, 232 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 102, 197, 207 m.w.N.[]
  5. vgl. BVerfGE 116, 135, 159[]