Ver­fas­sungs­be­schwer­de – Rechts­weg­er­schöp­fung und Wie­der­ein­set­zung

Kann ein Beschwer­de­füh­rer mit einem Rechts­mit­tel, für das ihm Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren ist, errei­chen, dass sei­ne Rech­te im Wege des fach­ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes gewahrt wer­den, so ist regel­mä­ßig von ihm zu ver­lan­gen, dass er die­sen Weg beschrei­tet, bevor er Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein­legt [1].

Ver­fas­sungs­be­schwer­de – Rechts­weg­er­schöp­fung und Wie­der­ein­set­zung

So lag es im Fal­le der hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­me­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de nahe, dass ein Antrag des Beschwer­de­füh­rers auf Wie­der­ein­set­zung in die Rechts­be­schwer­de­frist des § 118 Abs. 1 StVoll­zG zur Begrün­dung sei­ner Ver­fah­rens­rüge Aus­sicht auf Erfolg hät­te. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die Ver­fah­rens­rüge unter Ver­weis auf § 118 Abs. 2 Satz 2 StVoll­zG als unzu­läs­sig ver­wor­fen, weil die Rüge in der zu Pro­to­koll der Geschäfts­stel­le ein­ge­leg­ten Rechts­be­schwer­de nicht begrün­det wor­den war. Es lie­gen gewich­ti­ge Anhalts­punk­te dafür vor, dass dem ein Jus­tiz­feh­ler zugrun­de liegt.

Eine durch Feh­ler der auf­neh­men­den Jus­tiz­be­diens­te­ten beding­te Unzu­läs­sig­keit der Rechts­be­schwer­de beruht nicht auf einem Ver­schul­den des Beschwer­de­füh­rers, son­dern auf einem Feh­ler der Jus­tiz. In der­ar­ti­gen Fäl­len besteht die Mög­lich­keit der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand [2].

Dar­über hin­aus besteht ein Anspruch auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand jeden­falls auch dann, wenn die Rechts­be­schwer­de zwar nicht ins­ge­samt unzu­läs­sig ist, die Ver­fah­rens­rüge aber wegen eines Feh­lers der Jus­tiz offen­sicht­lich nicht in einer Wei­se aus­ge­führt wird, die den Anfor­de­run­gen des § 118 Abs. 2 Satz 2 StVoll­zG genügt [3]. Auch inso­weit ist in den Blick zu neh­men, dass der Zweck der Form­vor­schrift des § 118 Abs. 3 StVoll­zG – wie bei der Par­al­lel­vor­schrift in § 345 Abs. 2 StPO – dar­in liegt sicher­zu­stel­len, dass das Vor­brin­gen des Betrof­fe­nen in sach­lich und recht­lich geord­ne­ter Wei­se in das Ver­fah­ren ein­ge­führt wird. Das Form­erfor­der­nis soll dem­nach einer­seits der Ent­las­tung der Gerich­te die­nen; dane­ben soll es aber auch zuguns­ten des regel­mä­ßig unkun­di­gen Rechts­mit­tel­füh­rers dazu bei­tra­gen, dass sein Rechts­mit­tel nicht von vorn­her­ein an Form­feh­lern oder ande­ren Män­geln schei­tert [4]. Die danach bestehen­de Bera­tungs­auf­ga­be des Rechts­pfle­gers erstreckt sich auch auf die Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung einer Ver­fah­rens­rüge.

Soll­te der Beschwer­de­füh­rer einen zuläs­si­gen Wie­der­ein­set­zungs­an­trag mit ent­spre­chen­der Begrün­dung stel­len, wird das Ober­lan­des­ge­richt zu ent­schei­den haben, ob die offen­sicht­lich man­gel­haf­te Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de auf einem Jus­tiz­feh­ler beruht. Hier­für lie­gen gewich­ti­ge Anhalts­punk­te vor.

So hat der Beschwer­de­füh­rer dem Rechts­pfle­ger einen vier­sei­ti­gen Schrift­satz vor­ge­legt mit der Bit­te, die­sen als Grund­la­ge für die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de zu ver­wen­den. Gleich­wohl wird mit der Rechts­be­schwer­de pau­schal die Ver­let­zung mate­ri­el­len und for­mel­len Rechts gerügt. Die Begrün­dung erschöpft sich in der Bemer­kung, dass die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung das LSVVoll­zG und die Grund­rech­te des Beschwer­de­füh­rers ver­let­ze. Im Übri­gen wird ledig­lich „als Anre­gung“ auf den Schrift­satz des Beschwer­de­füh­rers ver­wie­sen. Wes­halb die Aus­füh­run­gen aus dem Schrift­satz des Beschwer­de­füh­rers in kei­ner Wei­se Ein­gang in das Pro­to­koll gefun­den haben, ist nicht nach­voll­zieh­bar.

Ein etwai­ger Jus­tiz­feh­ler ist nicht etwa des­halb uner­heb­lich, weil das Ober­lan­des­ge­richt fest­ge­stellt hat, dass auch die Aus­füh­run­gen in dem Schrift­satz des Beschwer­de­füh­rers nicht den Anfor­de­run­gen des § 118 Abs. 2 Satz 2 StVoll­zG genü­gen. Es gehört gera­de zu den Auf­ga­ben des Rechts­pfle­gers, den Rechts­be­schwer­de­füh­rer dabei zu unter­stüt­zen, sein Anlie­gen in einer Wei­se vor­zu­tra­gen, die die Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen nach Mög­lich­keit erfüllt.

Eine Wie­der­ein­set­zung schei­det auch nicht wegen Frist­ab­laufs aus. Jeden­falls in Fäl­len, in denen der Wie­der­ein­set­zungs­grund in einem der Jus­tiz zuzu­rech­nen­den Feh­ler liegt, for­dert der Grund­satz fai­rer Ver­hand­lungs­füh­rung eine Beleh­rung des Betrof­fe­nen über die Mög­lich­keit der Wie­der­ein­set­zung [5]. Unter­bleibt die Beleh­rung, schei­tert eine Wie­der­ein­set­zung nicht am zwi­schen­zeit­li­chen Ablauf der Wie­der­ein­set­zungs­frist. Ob das Unter­blei­ben der Beleh­rung über die Mög­lich­keit der Wie­der­ein­set­zung dazu führt, dass bereits die Frist zur Wie­der­ein­set­zung in die Rechts­be­schwer­de­frist nicht in Lauf gesetzt wird [6], oder ob die Frist zur Wie­der­ein­set­zung in die Wie­der­ein­set­zungs­frist erst beginnt, wenn der Betrof­fe­ne über die Mög­lich­keit einer Wie­der­ein­set­zung belehrt wor­den ist [7], kann inso­weit offen­blei­ben [8].

Der Beschwer­de­füh­rer kann daher inner­halb einer Woche ab Zustel­lung des vor­lie­gen­den Beschlus­ses durch eine von einem Rechts­an­walt unter­zeich­ne­te Schrift oder zur Nie­der­schrift der Geschäfts­stel­le des Land­ge­richts Koblenz oder der Geschäfts­stel­le des Amts­ge­richts, in des­sen Bezirk die Voll­zugs­an­stalt liegt, in der er unter­ge­bracht ist, die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de ergän­zen, indem er zugleich Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand bean­tragt (§§ 118, 120 Abs. 1 Satz 2, 130 StVoll­zG in Ver­bin­dung mit §§ 45 Abs. 1 Satz 1, 299 StPO), und zwar sowohl hin­sicht­lich der Rechts­be­schwer­de­frist als auch vor­sorg­lich im Hin­blick auf die Wie­der­ein­set­zungs­frist. Hier­zu ist ihm Gele­gen­heit zu geben.

, Beschluss vom 17. Febru­ar 2016 – 2 BvR 854/​15

  1. vgl. BVerfGE 10, 274, 281; 42, 252, 256 f.; 77, 275, 282[]
  2. vgl. BVerfGK 5, 151, 153; 8, 303, 304; BVerfG, Beschluss vom 27.09.2005 – 2 BvR 172/​04, 2 BvR 834/​04, 2 BvR 907/​04 14; BVerfG, Beschluss vom 29.02.2012 – 2 BvR 2911/​10 6; BVerfG, Beschluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12 3; BVerfG, Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvR 28/​13 4; vgl. zu § 345 StPO auch BVerfG, Beschluss vom 11.11.2001 – 2 BvR 1471/​01 10 ff.[]
  3. vgl. zur aus­nahms­wei­sen Zuläs­sig­keit einer Wie­der­ein­set­zung zur Aus­füh­rung der Ver­fah­rens­rüge bei Ver­schul­den des Rechts­pfle­gers auch BGH, Urteil vom 21.11.1991 – 1 StR 552/​90 6[]
  4. vgl. BVerfGK 8, 303, 305; BVerfG, Beschluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12 8; BVerfG, Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvR 1541/​13 6; vgl. zu § 345 StPO auch BVerfG, Beschluss vom 11.11.2001 – 2 BvR 1471/​01 12[]
  5. vgl. BVerfGK 5, 151, 154; 8, 303, 304; BVerfG, Beschluss vom 11.11.2001 – 2 BvR 1471/​01 15; BVerfG, Beschluss vom 27.09.2005 – 2 BvR 172/​04, 2 BvR 834/​04, 2 BvR 907/​04 16; BVerfG, Beschluss vom 29.02.2012 – 2 BvR 2911/​10 8; BVerfG, Beschluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12 5; BVerfG, Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvR 28/​13 6; BVerfG, Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvR 1541/​13 3[]
  6. vgl. BVerfGK 8, 303, 304; BVerfG, Beschluss vom 29.02.2012 – 2 BvR 2911/​10 8; BVerfG, Beschluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12 5; BVerfG, Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvR 28/​13 6; BVerfG, Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvR 1541/​13 3[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.11.2001 – 2 BvR 1471/​01 15[]
  8. vgl. BVerfGK 5, 151, 154 f.; BVerfG, Beschluss vom 27.09.2005 – 2 BvR 172/​04, 2 BvR 834/​04, 2 BvR 907/​04 17[]