Ver­fas­sungs­rich­ter – und ihre poli­ti­sche Mei­nung

Die Kund­ga­be poli­ti­scher Mei­nun­gen, die ein Rich­ter zu einer Zeit geäu­ßert hat, als er noch nicht Mit­glied des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts war und daher den beson­de­ren Anfor­de­run­gen die­ses Rich­ter­amts in sei­nem Ver­hal­ten noch nicht Rech­nung zu tra­gen hat­te, recht­fer­tigt grund­sätz­lich eine Ableh­nung des Rich­ters wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit nicht.

Ver­fas­sungs­rich­ter – und ihre poli­ti­sche Mei­nung

en Bestim­mun­gen über die Wahl von Rich­tern des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (Art. 94 Abs. 1 GG, §§ 3 ff. BVerfGG) liegt als selbst­ver­ständ­lich, sogar als erwünscht, zugrun­de, dass auch Per­so­nen, die als Reprä­sen­tan­ten von Par­tei­en poli­ti­sche Funk­tio­nen in den Par­la­men­ten aus­ge­übt oder poli­ti­sche Ämter in den Regie­run­gen beklei­det haben, zu Mit­glie­dern des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gewählt und ernannt wer­den kön­nen, um ihre poli­ti­schen Erfah­run­gen für die Ver­fas­sungs­recht­spre­chung frucht­bar zu machen. Damit geht die Erwar­tung des Ver­fas­sungs- und Gesetz­ge­bers ein­her, dass sie ihre neue Rol­le als Rich­ter unab­hän­gig von frü­he­ren par­tei­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus­üben wer­den [1].

Zwei­fel an der Objek­ti­vi­tät des Rich­ters kön­nen aller­dings berech­tigt sein, wenn sich auf­drängt, dass ein inne­rer Zusam­men­hang zwi­schen einer – mit Enga­ge­ment geäu­ßer­ten – poli­ti­schen Über­zeu­gung und sei­ner Rechts­auf­fas­sung besteht [2]. Ent­schei­dend ist, dass sein Ver­hal­ten den Schluss zulässt, dass er einer der sei­ni­gen wider­spre­chen­den Rechts­auf­fas­sung nicht mehr frei und unvor­ein­ge­nom­men gegen­über­steht, son­dern „fest­ge­legt“ ist [3]. Dabei kann der Ein­druck der Vor­fest­le­gung aus der maß­geb­li­chen Sicht der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten umso eher ent­ste­hen, je enger der zeit­li­che Zusam­men­hang mit einem sol­chen Ver­fah­ren ist. Je län­ger hin­ge­gen eine poli­ti­sche Äuße­rung zurück­liegt, des­to weni­ger kann sie die Besorg­nis der Befan­gen­heit des Rich­ters begrün­den. Das Zeit­mo­ment ist aller­dings für die Beur­tei­lung im Rah­men von § 19 BVerfGG nicht allein maß­geb­lich. Erfor­der­lich ist stets eine Gesamt­wür­di­gung von Inhalt, Form und Rah­men (Ort, Adres­sa­ten­kreis) der jewei­li­gen Äuße­rung sowie dem sach­li­chen und zeit­li­chen Bezug zu einem anhän­gi­gen Ver­fah­ren [4].

Schließ­lich ist zu berück­sich­ti­gen, dass Stel­lung­nah­men in Wahr­neh­mung frü­he­rer poli­ti­scher Ämter nur dann eine Befan­gen­heit besor­gen las­sen, wenn wei­te­re Umstän­de vor­lie­gen, die befürch­ten las­sen, dass der Rich­ter auch in dem ver­än­der­ten insti­tu­tio­nel­len Rah­men, in den er als Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gestellt ist, nicht unvor­ein­ge­nom­men ent­schei­den wird.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 1. März 2016 – 2 BvB 1/​13

  1. BVerfGE 99, 51, 56 f.; BVerfG, Beschluss vom 11.08.2009 – 2 BvR 343/​09[]
  2. BVerfGE 35, 246, 254 f.; 73, 330, 337; BVerfG, Beschluss vom 11.10.2011 – 2 BvR 1010/​10, 2 BvR 1219/​10 22; Beschluss vom 24.02.2000 – 2 BvR 2352/​99[]
  3. Klein, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/­Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 19 Rn. 9, August 2015; vgl. auch BVerfGE 35, 246, 251, 255[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.10.2011 – 2 BvR 1010/​10, 2 BvR 1219/​10 23; Heusch, in: Burkiczak/​Dollinger/​Schorkopf, BVerfGG, 2015, § 19 Rn. 16[]