Ver­jäh­rung des Anspruchs auf Erstat­tungs­zin­sen

§ 49a Abs. 4 Satz 2 VwVfG re­gelt nur den An­spruch auf Zwi­­schen- oder Ver­zö­ge­rungs­zin­sen. Auf Er­stat­tungs­zin­sen (§ 49 Abs. 3 Satz 1 VwVfG) ist er nicht an­wend­bar. Auf den An­spruch auf Er­stat­tungs­zin­sen sind die Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten des Bür­ger­li­chen Ge­setz­bu­ches (§§ 194 ff. BGB) ent­spre­chend an­zu­wen­den.

Ver­jäh­rung des Anspruchs auf Erstat­tungs­zin­sen

Rechts­grund­la­ge des von der Behör­de gel­tend gemach­ten Anspruchs auf Erstat­tungs­zin­sen ist nicht § 49a Abs. 4 Satz 2, son­dern allein § 49a Abs. 3 Satz 1 des Hes­si­schen Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­zes (HVwVfG), das nach § 137 Abs. 1 Nr. 2 VwGO revi­si­bel ist. § 49a Abs. 4 Satz 2 HVwVfG begrün­det ledig­lich einen Anspruch auf so genann­te Zwi­schen- oder Ver­zö­ge­rungs­zin­sen, nicht jedoch auf Erstat­tungs­zin­sen, deren Erhe­bung allein § 49a Abs. 3 HVwVfG vor­sieht.

Im vor­lie­gen­den, vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te die beklag­te Behör­de hat­te der Gemein­de (Klä­ge­rin) mit vor­läu­fi­gem Ver­wal­tungs­akt vom 03.04.1995 eine Anteils­för­de­rung bewil­ligt und den Zuwen­dungs­be­trag mit Schluss­be­scheid vom 24.01.2001 auf 937 600 DM fest­ge­setzt. Die­sen Zuwen­dungs­be­scheid hat­te er mit wei­te­rem Bescheid vom 13.11.2002 teil­wei­se zurück­ge­nom­men, weil nach dem Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz anzu­set­zen­de fik­ti­ve Stra­ßen­bei­trä­ge ver­se­hent­lich nicht berück­sich­tigt wor­den sei­en. Soweit ein Ver­wal­tungs­akt mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit zurück­ge­nom­men wor­den ist, sind bereits erbrach­te Leis­tun­gen zu erstat­ten (§ 49a Abs. 1 HVwVfG); der Beklag­te hat­te den Erstat­tungs­be­trag mit dem Bescheid vom 13.11.2002 auf 95 867 € fest­ge­setzt. Gemäß § 49a Abs. 3 HVwVfG ist der zu erstat­ten­de Betrag vom Ein­tritt der Unwirk­sam­keit des Ver­wal­tungs­akts an mit fünf Pro­zent­punk­ten über dem Basis­zins­satz jähr­lich zu ver­zin­sen. In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass sich der Ein­tritt der Unwirk­sam­keit des Bewil­li­gungs­be­schei­des nach der im Rück­nah­me­be­scheid getrof­fe­nen Rege­lung bestimmt, dass die Zins­pflicht also bei rück­wir­ken­der Rück­nah­me des Bewil­li­gungs­be­schei­des auch für ver­gan­ge­ne Zeit­räu­me ent­steht, jedoch nicht für Zeit­räu­me, die vor der Aus­zah­lung des zu erstat­ten­den Betra­ges lie­gen 1. Hier­auf beruht der vor­lie­gend ange­foch­te­ne Zins­be­scheid.

Dem­ge­gen­über kann er nicht – statt­des­sen oder zugleich – auf § 49a Abs. 4 Satz 2 HVwVfG gestützt wer­den. § 49a Abs. 4 Satz 1 HVwVfG regelt den Fall der ver­früh­ten Zuwen­dung oder ihrer ver­spä­te­ten Ver­wen­dung. Des­halb ord­net die Vor­schrift eine Ver­zin­sung für die Zwi­schen­zeit "bis zur zweck­ent­spre­chen­den Ver­wen­dung" an. Nicht anders liegt es bei § 49a Abs. 4 Satz 2 HVwVfG, dem­zu­fol­ge "ent­spre­chen­des" – also eine Pflicht zur Leis­tung von Zwi­schen- oder Ver­zö­ge­rungs­zin­sen – gilt, soweit eine Leis­tung in Anspruch genom­men wird, obwohl ande­re Mit­tel antei­lig oder vor­ran­gig ein­zu­set­zen sind. Die Vor­schrift wur­de ein­ge­fügt, um ange­sichts von auf­ge­tre­te­nen Zwei­feln in der Recht­spre­chung klar­zu­stel­len, dass Zwi­schen­zin­sen auch geschul­det wer­den, "soweit die (Leis­tung) zu einem Zeit­punkt in Anspruch genom­men wird, zu dem sie noch nicht ver­wen­det wer­den dürf­te, weil ande­re Mit­tel (Eigen­mit­tel, Zuwen­dun­gen ande­rer Zuwen­dungs­ge­ber oder sons­ti­ge Dritt­mit­tel) antei­lig oder vor­ran­gig ein­zu­set­zen wären" 2. Anders als bei § 49a Abs. 1 und 3 HVwVfG setzt § 49a Abs. 4 HVwVfG weder in Satz 1 noch in Satz 2 die Auf­he­bung oder das Unwirk­sam­wer­den des Bewil­li­gungs­be­schei­des vor­aus. Viel­mehr bleibt der Bewil­li­gungs­be­scheid wirk­sam und bie­tet wei­ter­hin den Rechts­grund für das Behal­ten­dür­fen der Zuwen­dung. Der Behör­de bleibt frei­lich unbe­nom­men, den Bewil­li­gungs­be­scheid wegen Zweck­ver­feh­lung zu wider­ru­fen, sofern die Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, die § 49 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 HVwVfG hier­für bestimmt. Das stellt § 49a Abs. 4 Satz 3 HVwVfG klar. Der Wider­ruf begrün­det wie­der die Pflicht, die Zuwen­dung zu erstat­ten (§ 49a Abs. 1 HVwVfG); die Fra­ge der Ver­zin­sung rich­tet sich dann wie­der nach § 49a Abs. 3 HVwVfG.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass Zins­an­sprü­che aus öffent­li­chem Recht der kur­zen Ver­jäh­rung nach Maß­ga­be der Ver­jäh­rungs­fris­ten des Bür­ger­li­chen Rechts unter­lie­gen, so dass für sie unter der Gel­tung der §§ 197, 201 BGB in der bis zum 31.12.2001 gül­ti­gen Fas­sung eine vier­jäh­ri­ge und nach §§ 195, 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB in der seit­her gel­ten­den Fas­sung des Schuld­rechts-Moder­ni­sie­rungs­ge­set­zes eine drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist gilt, jeweils begin­nend mit dem Schluss des Jah­res, in wel­chem der Zins­an­spruch ent­stand 3. Da vor­lie­gend rück­stän­di­ge Zin­sen für die Zeit vom 13.11.2002 bis zum 23.02.2006 in Rede ste­hen, gilt die drei­jäh­ri­ge Frist. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt lässt offen, ob der Lauf der Frist zusätz­lich vor­aus­setzt, dass die Behör­de von der Per­son des Schuld­ners und den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den Kennt­nis erlangt hat oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit hät­te erlangt haben kön­nen, wie § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB für das bür­ger­li­che Recht bestimmt 4. Der Beklag­te hat­te im vor­lie­gen­den Fall bei Erlass des Rück­for­de­rungs­be­schei­des vom 13.11.2002 Kennt­nis von den die Rück­for­de­rung und damit auch die Zins­for­de­rung begrün­den­den Umstän­den.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs 5 wur­de der Ablauf die­ser Ver­jäh­rungs­fris­ten nicht gemäß § 53 Abs. 1 HVwVfG durch den Rück­for­de­rungs- und Zins­be­scheid des Beklag­ten vom 13.11.2002 gehemmt. Die Hem­mung der Ver­jäh­rung setzt nach die­ser Bestim­mung einen Ver­wal­tungs­akt vor­aus, der zur Fest­stel­lung oder Durch­set­zung des Anspruchs erlas­sen wird. Der Bescheid vom 13.11.2002 betraf, soweit Erstat­tungs­zin­sen in Rede ste­hen, ledig­lich den Zeit­raum vom 01.05.2001 bis zum 12.11.2002. Er war weder zur Durch­set­zung des vor­lie­gend strit­ti­gen Zins­an­spruchs für die Zeit vom 13.11.2002 bis zum 23.02.2006 erlas­sen wor­den, noch dien­te er der Fest­stel­lung die­ses Zins­an­spruchs dem Grun­de nach. Inso­fern unter­schei­det sich der vor­lie­gen­de Fall von dem­je­ni­gen, der dem bereits mehr­fach erwähn­ten Teil­ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 21.10.2010 zugrun­de lag 6.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. Janu­ar 2013 – 8 C 2.12

  1. BVerwG, Beschluss vom 07.11.2001 – 3 B 117.01BayVBl 2002, 705; Teil­ur­teil vom 21.10.2010 – 3 C 4.10, Buch­holz 451.511 § 14 MOG Nr. 3 Rn. 36 ff., 40[]
  2. BT-Drs. 14/​9007 S. 47[]
  3. BVerwG, Urteil vom 17.08.1995 – 3 C 17.94, BVerw­GE 99, 109, 110 = Buch­holz 451.511 § 6 MOG Nr. 7; Teil­ur­teil vom 21.10.2010 a.a.O., Rn. 48 ff.[]
  4. vgl. einer­seits Teil­ur­teil vom 21.10.2010 a.a.O., Rn. 48, ande­rer­seits Urteil vom 26.07.2012 – 2 C 29.11, NVwZ-RR 2012, 972, Rn. 42[]
  5. Hess. VGH, Urteil vom 09.12.2011 – 8 A 909/​11[]
  6. vgl. BVerwG, a.a.O. Rn. 53[]