Ver­län­ge­rung der Abschie­bungs­haft – und der Haft­an­trag

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung. Zuläs­sig ist der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nur, wenn er den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung ent­spricht.

Ver­län­ge­rung der Abschie­bungs­haft – und der Haft­an­trag

Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen

Zwar dür­fen die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein, sie müs­sen aber die für die rich­ter­li­che Prü­fung wesent­li­chen Punk­te anspre­chen. Leer­for­meln und Text­bau­stei­ne genü­gen nicht.

Sind die­se Anfor­de­run­gen nicht erfüllt, darf die bean­trag­te Siche­rungs­haft nicht ange­ord­net wer­den 1.

Die Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung muss mit kon­kre­tem Bezug auf das Land, in das der Betrof­fe­ne abge­scho­ben wer­den soll, dar­ge­legt wer­den. Anzu­ge­ben ist dazu, ob und inner­halb wel­chen Zeit­raums Abschie­bun­gen in das betref­fen­de Land übli­cher­wei­se mög­lich sind, von wel­chen Vor­aus­set­zun­gen dies abhängt und ob die­se Vor­aus­set­zun­gen im kon­kre­ten Fall vor­lie­gen 2.

Im hier ent­schie­de­nen Ver­fah­ren bedeu­te­te dies: Die Haft­ver­län­ge­rung um acht Wochen hat die betei­lig­te Behör­de im Haft­an­trag vom 16.08.2017 allein mit einer Aus­kunft der Zen­tral­stel­le für Flug­ab­schie­bun­gen begrün­det, wonach die erteil­te Flug­bu­chung mit einer Vor­lauf­zeit von acht Wochen erfol­gen kön­ne, da nach dem vom Betrof­fe­nen gezeig­ten Ver­hal­ten ein Flug mit Sicher­heits­be­glei­tung gebucht wer­den sol­le. Die in den Antrag auf Haft­ver­län­ge­rung wei­ter ein­ge­füg­ten Aus­füh­run­gen aus dem ursprüng­li­chen Haft­an­trag der Aus­län­der­be­hör­de Kre­feld vom 10.05.2017 begrün­den dage­gen nur die ursprüng­li­che Haft­an­ord­nung vom 11.05.bis 16.08.2017. Ins­be­son­de­re war dort für die Beschaf­fung eines Passersatz­pa­piers ein Zeit­raum bis zum 5.07.2017 ange­setzt. Nach­dem das erfor­der­li­che Doku­ment aus Marok­ko am 14.07.eingegangen war, konn­te die­ser Zeit­auf­wand für die Haft­ver­län­ge­rung kei­ne Rol­le mehr spie­len. Für die auf den Ein­gang des Passersat­zes fol­gen­de Flug­bu­chung wur­den im ursprüng­li­chen Haft­an­trag nur sechs Wochen und nicht wie im Ver­län­ge­rungs­an­trag acht Wochen Vor­lauf­zeit ver­an­schlagt.

Die­se Begrün­dung ist unzu­rei­chend. In einem Antrag auf Anord­nung von Siche­rungs­haft ist zwar eine nähe­re Erläu­te­rung des für die Buchung eines Flu­ges mit Sicher­heits­be­glei­tung erfor­der­li­chen Zeit­auf­wands in aller Regel dann nicht gebo­ten, wenn sich die Behör­de auf eine Aus­kunft der zustän­di­gen Stel­le beruft, wonach die­ser Zeit­raum bis zu sechs Wochen beträgt. Ist ein län­ge­rer Zeit­raum für die Orga­ni­sa­ti­on der Rück­füh­rung des Betrof­fe­nen erfor­der­lich, bedarf es aber einer auf den kon­kre­ten Fall bezo­ge­nen Begrün­dung, die dies nach­voll­zieh­bar erklärt und Aus­füh­run­gen etwa zur Art des Flu­ges, Buchungs­la­ge der in Betracht kom­men­den Flug­ge­sell­schaf­ten, Anzahl der Begleit­per­so­nen und zur Per­so­nal­si­tua­ti­on ent­hält 3. Dar­an fehlt es hier.

Die­ser Man­gel ist im vor­lie­gen­den Fall jedoch auf­grund der zusätz­li­chen Anga­ben der betei­lig­ten Behör­de im Schrift­satz vom 02.10.2017 und der erfor­der­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen mit der Ent­schei­dung des Beschwer­de­ge­richts vom 06.10.2017 geheilt wor­den 4.

Die betei­lig­te Behör­de hat ihren Vor­trag mit Schrift­satz vom 02.10.2017 ergänzt. Danach sei nach Schei­tern der Abschie­bung am 15.08.2018 umge­hend die Flug­bu­chung mit Sicher­heits­be­glei­tung ein­ge­lei­tet wor­den. Mit Schrei­ben vom 01.09.2017 habe die ZFA Bie­le­feld Flug­da­ten für den 11.09.2017 mit Sicher­heits­be­glei­tung bestä­tigt. Da die Flug­ge­sell­schaft kurz­fris­tig Plät­ze gestri­chen habe, sei eine Umbu­chung auf den 18.09.2017 erfor­der­lich gewor­den. Auf­grund sich selbst zuge­füg­ter Schnitt­ver­let­zun­gen des Betrof­fe­nen und der Befürch­tung, er kön­ne eine Rasier­klin­ge ver­schluckt haben, habe die Rück­füh­rungs­maß­nah­me am 18.09.2017 abge­bro­chen wer­den müs­sen. Eine wei­te­re, für den 28.09.2017 geplan­te Abschie­bung sei geschei­tert, weil der Betrof­fe­ne bereits bei sei­ner Abho­lung Grif­fe des Bestecks geschluckt gehabt habe und blu­tend und mit Krämp­fen ange­trof­fen wor­den sei.

Damit hat die betei­lig­te Behör­de die ursprüng­li­che, unzu­rei­chen­de Anga­be zur erfor­der­li­chen Dau­er der Haft hin­rei­chend prä­zi­siert und den Antrag auf Haft­ver­län­ge­rung im erfor­der­li­chen Umfang ergänzt. Auf­grund des vom Betrof­fe­nen ein­ge­räum­ten Wider­stands gegen die bei­den Abschie­bungs­ver­su­che am 18. und 28.09.2017 und der vor­he­ri­gen, nicht von der betei­lig­ten Behör­de zu ver­tre­ten­den Umbu­chung des ers­ten die­ser Flü­ge vom 11. auf den 18.09.2017 hat das Beschwer­de­ge­richt rechts­feh­ler­frei ange­nom­men, dass eine Ver­län­ge­rung der Abschie­bungs­haft bis zum 11.10.2017 erfor­der­lich war, um die Abschie­bung des Betrof­fe­nen mit Sicher­heits­be­glei­tung durch eine wei­te­re Flug­bu­chung zu gewähr­leis­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Novem­ber 2019 – XIII ZB 5/​19

  1. st. Rspr., vgl. BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2017 – V ZB 128/​16, FGPrax 2017, 185 Rn. 6 mwN; vom 25.01.2018 – V ZB 107/​17, Asyl­ma­ga­zin 2018, 224 Rn. 3; und vom 04.07.2019 – V ZB 173/​18 5[]
  2. st. Rspr., vgl. BGH, Asyl­ma­ga­zin 2018, 224 Rn. 3; Beschluss vom 04.07.2019 – V ZB 173/​18[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 20.09.2018 – V ZB 4/​17, InfAuslR 2019, 23 Rn. 11; Beschluss vom 04.07.2019 – V ZB 173/​18 8[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 11.02.2016 – V ZB 24/​14 8 f.; Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384, Rn. 21 bis 24[]