Ver­mö­gens­re­sti­tu­ti­on – und das Straf­ur­teil eines sowje­ti­schen Mili­tär­tri­bu­nals

Der Resti­tu­ti­ons­an­spruch nach § 1 Abs. 7 VermG setzt nicht vor­aus, dass die in dem auf­ge­ho­be­nen Straf­ur­teil eines sowje­ti­schen Mili­tär­tri­bu­nals in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne ver­füg­te Ver­mö­gens­ein­zie­hung den ent­zo­ge­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stand kon­kret bezeich­ne­te. Zwi­schen der in dem Straf­ur­teil ver­füg­ten Ein­zie­hung und der tat­säch­li­chen Ent­zie­hung des Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des muss jedoch ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang bestan­den haben. Das gilt auch, wenn der Ver­mö­gens­ge­gen­stand im Mit­ei­gen­tum eines Drit­ten stand.

Ver­mö­gens­re­sti­tu­ti­on – und das Straf­ur­teil eines sowje­ti­schen Mili­tär­tri­bu­nals

Nach § 1 Abs. 7 VermG gel­ten die Vor­schrif­ten des Ver­mö­gens­ge­set­zes ent­spre­chend für die Rück­ga­be von Ver­mö­gens­wer­ten, die im Zusam­men­hang mit der nach ande­ren Vor­schrif­ten erfolg­ten Auf­he­bung rechts­staats­wid­ri­ger straf, ord­nungs­straf- oder ver­wal­tungs­recht­li­cher Ent­schei­dun­gen steht.

Die Bestim­mun­gen des rus­si­schen Reha­bi­li­tie­rungs­ge­set­zes sind „ande­re Vor­schrif­ten“ im Sin­ne des § 1 Abs. 7 VermG. Auf­grund die­ser Vor­schrif­ten aus­ge­stell­te Reha­bi­li­tie­rungs­be­schei­ni­gun­gen der zustän­di­gen rus­si­schen Behör­den sind geeig­net, die Auf­he­bung rechts­staats­wid­ri­ger straf­recht­li­cher Ent­schei­dun­gen im Sin­ne der Rege­lung nach­zu­wei­sen. Das ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts [1].

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts erfor­dert die Rück­ga­be eines Ver­mö­gens­wer­tes auf der Grund­la­ge von § 1 Abs. 7 VermG, dass die durch das SMT, Urteil bewirk­te Ein­zie­hung den kon­kre­ten Ver­mö­gens­ge­gen­stand in tat­säch­li­cher Hin­sicht erfass­te. Das Urteil muss Ursa­che für den Ver­mö­gens­ver­lust gewe­sen sein. Erst wenn ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen dem Straf­ur­teil und dem tat­säch­li­chen Zugriff auf den Ver­mö­gens­wert fehlt, ist der Aus­spruch der Ver­mö­gens­ein­zie­hung in dem Straf­ur­teil wir­kungs­los geblie­ben [2].

Ein tat­säch­li­cher Zugriff im Zusam­men­hang mit dem Ein­zie­hungs­ur­teil setzt nicht vor­aus, dass das SMT, Urteil den kon­kre­ten Ver­mö­gens­ge­gen­stand im Tenor unmit­tel­bar bezeich­ne­te. Erfor­der­lich ist, wie sich bereits aus dem Wort­laut des § 1 Abs. 7 VermG ergibt, ein hin­rei­chen­der Zusam­men­hang zwi­schen der Ent­schei­dung über die Ver­mö­gens­ein­zie­hung im Urteil des Mili­tär­tri­bu­nals einer­seits und der Ver­mö­gens­ent­zie­hung ande­rer­seits. Die Ent­schei­dung des Mili­tär­tri­bu­nals über die Ein­zie­hung des Ver­mö­gens muss Grund­la­ge und Vor­aus­set­zung der Ver­mö­gens­ent­zie­hung gewe­sen sein und in der Fol­ge auch tat­säch­lich zu die­ser geführt haben [3].

Das gilt auch dann, wenn der ent­zo­ge­ne Ver­mö­gens­wert zugleich im Mit­ei­gen­tum Drit­ter stand. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat bereits mehr­fach ent­schie­den, dass sich auch Dritt­be­trof­fe­ne einer durch Urteil eines rus­si­schen Mili­tär­tri­bu­nals erfolg­ten Ver­mö­gens­ein­zie­hung auf § 1 Abs. 7 VermG stüt­zen kön­nen. Auch mit Blick auf den Drit­ten muss der Ver­mö­gens­ent­zug nicht unmit­tel­bar durch das SMT, Urteil erfolgt sein. Viel­mehr genügt auch dann, dass es im Zusam­men­hang mit der rechts­staats­wid­ri­gen Ent­schei­dung zu einer Ver­mö­gens­ein­zie­hung gekom­men war [4]. Hier­ge­gen kann nicht ein­ge­wen­det wer­den, dass der Zugriff auf das Eigen­tum Drit­ter von dem Straf­aus­spruch gegen den Ver­ur­teil­ten nicht gedeckt sei. Auch dies ent­spricht den Anfor­de­run­gen des soge­nann­ten fak­ti­schen Ent­eig­nungs­be­griffs, wonach ein der Wie­der­gut­ma­chung bedürf­ti­ger und zugäng­li­cher Ver­mö­gens­ver­lust vor­liegt, wenn der Ver­mö­gens­wert dem Eigen­tü­mer tat­säch­lich in der Rechts­wirk­lich­keit greif­bar ent­zo­gen wor­den ist. Die­sen Ent­eig­nungs­be­griff hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Ver­mö­gens­recht im Hin­blick auf den Zweck der Resti­tu­ti­ons­re­ge­lun­gen des Ver­mö­gens­ge­set­zes zugrun­de gelegt und ange­wandt, um dem geschä­dig­ten Eigen­tü­mer im Wege der Wie­der­gut­ma­chung auch sol­che Ver­mö­gens­wer­te zurück­ge­ben zu kön­nen, die ihm unge­ach­tet etwai­ger Rechts­män­gel jeden­falls fak­tisch ent­zo­gen wur­den [5]. Steht im Rege­lungs­zu­sam­men­hang des § 1 Abs. 7 VermG fest, dass ein rechts­staats­wid­ri­ges – und spä­ter des­halb auf­ge­ho­be­nes – Urteil des sowje­ti­schen Mili­tär­tri­bu­nals mit sei­ner Ent­schei­dung über die Ein­zie­hung des Ver­mö­gens des Ver­ur­teil­ten ursäch­li­che Vor­aus­set­zung für eine nach­fol­gen­de tat­säch­li­che Ein­zie­hung des Ver­mö­gens Drit­ter war, sind die Vor­aus­set­zun­gen des fak­ti­schen Ent­eig­nungs­be­griffs erfüllt.

Eine Reha­bi­li­tie­rungs­ent­schei­dung im Sin­ne von § 1 Abs. 7 VermG ist nach ihrem Sinn und Zweck das Spie­gel­bild („actus con­tra­ri­us“) der in dem auf­ge­ho­be­nen Straf­ur­teil aus­ge­spro­che­nen und in sei­nem Voll­zug von ihm ursäch­lich bewirk­ten Rechts­fol­gen [6]. Dem­entspre­chend kann der von der im Zusam­men­hang mit dem Straf­ur­teil erfolg­ten Ver­mö­gens­ein­zie­hung direkt oder als Drit­ter Betrof­fe­ne sei­nen Resti­tu­ti­ons­an­spruch inso­weit auf § 1 Abs. 7 VermG stüt­zen. Denn die Reha­bi­li­tie­rungs­ent­schei­dung hebt den vor­aus­ge­gan­ge­nen „Gegen­akt“ auf und besei­tigt die in sei­nem Voll­zug aus­ge­lös­ten Rechts­fol­gen. Ande­res kann nur dann ange­nom­men wer­den, wenn sich aus einem Zusatz in der Reha­bi­li­tie­rungs­ent­schei­dung ergibt, dass sich die Reha­bi­li­tie­rung auf den Straf­aus­spruch beschränkt und die Ver­mö­gens­ein­zie­hung nicht umfasst [7].

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 11. Febru­ar 2014 – 8 C 49/​12

  1. vgl. u.a. BVerwG, Urtei­le vom 25.02.1999 – 7 C 9.98, BVerw­GE 108, 315, 321 = Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr. 1 S. 5; und vom 25.09.2002 – 8 C 41.01, BVerw­GE 117, 76, 77 f. = Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr. 11 S. 41[]
  2. vgl. u.a. BVerwG, Urteil vom 29.06.2006 – 7 C 18.05, BVerw­GE 126, 213, 216 = Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr. 17 Rn. 11[]
  3. vgl. BVerwG, Beschluss vom 21.08.2001 – 8 B 123.01, Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr. 7 S. 27 12 a.E.[]
  4. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 25.09.2002 a.a.O. S. 79 f. bzw. S. 43 f. m.w.N.; und vom 06.08.2008 – 8 C 2.08, Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr.19 Rn. 15 ff.; Beschluss vom 21.08.2001 a.a.O. S. 27 12[]
  5. BVerwG, Urtei­le vom 06.04.1995 – 7 C 5.94, BVerw­GE 98, 137, 141 = Buch­holz 428 § 1 VermG Nr. 42 S. 105; und vom 28.01.1999 – 7 C 10.98, Buch­holz 428 § 1 Abs. 8 VermG Nr. 1 S. 4 15[]
  6. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 06.04.1995 a.a.O. S. 143 f. bzw. S. 107 f.; vom 19.07.2000 – 8 C 6.99, Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr. 5 S. 21 f.; und vom 20.03.2002 – 8 C 2.01, Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr. 8[]
  7. BVerwG, Urteil vom 17.05.2000 – 8 C 16.99, BVerw­GE 111, 182, 185 = Buch­holz 428 § 1 Abs. 7 VermG Nr. 4 S. 15[]