Ver­säum­te Fris­ten im Dub­lin-Ver­fah­ren

Die Fris­ten im Dub­lin-Ver­fah­ren sind nicht indi­vi­du­al­schüt­zend.

Ver­säum­te Fris­ten im Dub­lin-Ver­fah­ren

Stimmt ein von Deutsch­land ersuch­ter EU-Mit­glied­staat der Auf­nah­me eines Asyl­an­trag­stel­lers im Rah­men des Dub­lin-Ver­fah­rens zu, so kann sich der Asyl­be­wer­ber gegen sei­ne Über­stel­lung in die­sen Mit­glied­staat nicht mit dem Argu­ment weh­ren, dass die in der Dub­lin II-Ver­ord­nung gere­gel­te Frist für ein Auf­nah­me­ge­such abge­lau­fen sei. Die­se Frist gilt nur für den Rechts­ver­kehr zwi­schen den am Dub­lin-Ver­fah­ren betei­lig­ten Staa­ten, dient aber nicht dem Schutz des ein­zel­nen Asyl­be­wer­bers. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.

Den Ent­schei­dun­gen lag der Fall einer paki­sta­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen mit ihren drei Kin­dern zugrun­de, die im Janu­ar 2013 in Deutsch­land Asyl­an­trä­ge stell­ten, weil sie in ihrer Hei­mat aus reli­giö­sen Grün­den ver­folgt wür­den. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bun­des­amt) lehn­te die Asyl­an­trä­ge im Janu­ar 2014 als unzu­läs­sig ab. Zugleich ord­ne­te es die Abschie­bung der Asyl­be­wer­ber nach Spa­ni­en an, weil sie bereits in Spa­ni­en Asyl­an­trä­ge gestellt hät­ten. Die spa­ni­schen Behör­den haben einer Wie­der­auf­nah­me der Asyl­be­wer­ber im Rah­men des Dub­lin-Ver­fah­rens zuge­stimmt.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Wies­ba­den hat die Beschei­de auf­ge­ho­ben, weil die Bun­des­re­pu­blik durch Frist­ab­lauf für die Behand­lung der Asyl­an­trä­ge zustän­dig gewor­den sei1. Das Bun­des­amt hät­te die spa­ni­schen Behör­den spä­tes­tens inner­halb einer Frist von drei Mona­ten um Wie­der­auf­nah­me der Asyl­be­wer­ber ersu­chen müs­sen; dies sei hier nicht gesche­hen. Der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Kas­sel ist dem nicht gefolgt und hat die Kla­gen abge­wie­sen2. Die dage­gen gerich­te­ten Revi­sio­nen der Asyl­be­wer­ber blie­ben vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ohne Erfolg:

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schied, dass sich die Asyl­be­wer­ber nicht auf eine Ver­säu­mung der Drei-Monats-Frist für die Stel­lung eines Auf­nah­me­ge­suchs nach Art. 17 Abs. 1 Dub­lin II-Ver­ord­nung beru­fen kön­nen. Denn die­se Frist dient der orga­ni­sa­to­ri­schen Abwick­lung des Dub­lin-Ver­fah­rens zwi­schen den Mit­glied­staa­ten. Sie schützt jedoch nicht den ein­zel­nen Asyl­be­wer­ber. Die­ser kann in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art einer Über­stel­lung an einen ande­ren Mit­glied­staat nur unter Hin­weis auf sys­te­mi­sche Män­gel des Asyl­ver­fah­rens oder der Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­an­trag­stel­ler im ersuch­ten Staat ent­ge­gen­tre­ten. Das gilt jeden­falls dann, wenn der ersuch­te Mit­glied­staat der Auf­nah­me zuge­stimmt hat. Hier hat­te Spa­ni­en sei­ne Zustim­mung zur Wie­der­auf­nah­me der Asyl­be­wer­ber erklärt.

Zum Pro­zess­recht hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­den, dass die von den Asyl­be­wer­bern erho­be­ne Anfech­tungs­kla­ge die allein statt­haf­te Kla­ge­art dar­stellt. Denn die Dub­lin-Ver­ord­nun­gen unter­schei­den klar zwi­schen dem Ver­fah­ren zur Bestim­mung des zustän­di­gen Staats und der inhalt­li­chen Prü­fung eines Asyl­an­trags.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 27. Okto­ber 2015 – 1 C 32.2014 – 1 C 33.2014 – und 1 C 34.2014

  1. VG Wies­ba­den, Urtei­le vom 22.04.2014 – 2 K 192/​14.WI.A, 2 K 194/​14.WI.A und 2 K 197/​14.WI.A
  2. Hess. VGH, Beschlüs­se vom 25.08.2014 – 2 A 974/​14.A, 2 A 975/​14.A und 2 A 976/​14.A