Ver­wal­tungs­ge­büh­ren­be­frei­ung für staat­li­che Hoch­schu­len

Eine Hoch­schu­le in Trä­ger­schaft des Staa­tes ist auch als staat­li­che Ein­rich­tung kei­ne Lan­des­be­hör­de im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 1 Nie­der­säch­si­sches Ver­wal­tungs­kos­ten­ge­setz in der Fas­sung des Geset­zes vom 7. Dezem­ber 2006 1 und genießt daher kei­ne Ver­wal­tungs­ge­büh­ren­be­frei­ung.

Ver­wal­tungs­ge­büh­ren­be­frei­ung für staat­li­che Hoch­schu­len

Nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 NVw­KostG 2007 wer­den Gebüh­ren nicht erho­ben für Amts­hand­lun­gen, zu denen eine Lan­des­be­hör­de Anlass gege­ben hat (Alt. 1) oder zu denen in Aus­übung öffent­li­cher Gewalt eine ande­re Behör­de im Land, eine Behör­de des Bun­des oder die Behör­de eines ande­ren Bun­des­lan­des Anlass gege­ben hat (Alt 2), es sei denn, dass die Gebühr Drit­ten auf­er­legt oder in sons­ti­ger Wei­se auf Drit­te umge­legt wer­den kann 2.

Eine Hoch­schu­le in staat­li­cher Trä­ger­schaft ist kei­ne Lan­des­be­hör­de im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 1 NVw­KostG 2007. Lan­des­be­hör­den im Sin­ne die­ser Vor­schrift sind nur die dem Land Nie­der­sach­sen unmit­tel­bar, also nicht rechts­fä­hig zuge­ord­ne­ten Behör­den und Ein­rich­tun­gen der Lan­des­ver­wal­tung 3. Hier­zu zählt die Hoch­schu­le nicht. Sie ist als Hoch­schu­le in Trä­ger­schaft des Staa­tes (vgl. §§ 1 Abs. 1 Satz 1, 2 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. f NHG) zwar nicht nur Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts, son­dern auch staat­li­che Ein­rich­tung (vgl. § 58 Abs. 1 Satz 1 HRG; §§ 15, 47 NHG) und nimmt als sol­che ins­be­son­de­re die Kran­ken­ver­sor­gung und ande­re Auf­ga­ben auf dem Gebiet des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens wahr (vgl. § 47 Satz 2 Nr. 5 NHG). Die Hoch­schu­le bedient sich zur Erfül­lung die­ser ver­schie­de­nen Auf­ga­ben aber einer ein­heit­li­chen (kör­per­schaft­li­chen) Ver­wal­tungs­struk­tur (vgl. §§ 36, 63b Satz 1 NHG und § 58 Abs. 3 HRG a.F., § 75 Abs. 3 NHG a.F.), die es aus­schließt, die Hoch­schu­le als Teil der unmit­tel­ba­ren Lan­des­ver­wal­tung anzu­se­hen. Auch die staat­li­chen Ange­le­gen­hei­ten wer­den daher nur im Wege der mit­tel­ba­ren Lan­des­ver­wal­tung wahr­ge­nom­men 4.

Die­ses Ergeb­nis wider­spricht auch nicht dem Wil­len des Gesetz­ge­bers, wie er im NVw­KostG 2007 Nie­der­schlag gefun­den hat.

Den Geset­zes­ma­te­ria­li­en des NVw­KostG 2007 kann nicht ent­nom­men wer­den, dass der Gesetz­ge­ber die Hoch­schu­len in Trä­ger­schaft des Staa­tes als "Lan­des­be­hör­den" im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 1 NVw­KostG 2007 ange­se­hen hat. Erkenn­bar ist viel­mehr, dass sich der Gesetz­ge­ber mit der Recht­spre­chung des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts aus­ein­an­der­ge­setzt, die­se aber nur zum Anlass genom­men hat, künf­tig auch bereits die mit­tel­ba­re Abwäl­zungs­mög­lich­keit einer Gebühr zum Weg­fall der per­sön­li­chen Gebüh­ren­frei­heit nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 NVw­KostG genü­gen zu las­sen 5. Den sei­ner­zeit eben­falls in der Recht­spre­chung bereits ent­wi­ckel­ten Begriff der "Lan­des­be­hör­de" 6 woll­te der Gesetz­ge­ber mit dem NVw­KostG 2007 hin­ge­gen offen­bar (noch) nicht kor­ri­gie­ren.

Dies ist viel­mehr erst mit dem am 1. Janu­ar 2008 in Kraft getre­te­nen Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2008 7 gesche­hen, mit dem der Gesetz­ge­ber die Gebüh­ren­frei­heit nach § 2 Abs. 1 NVw­KostG auch auf sol­che Amts­hand­lun­gen erstreckt hat, "zu denen eine Hoch­schu­le in staat­li­cher Ver­ant­wor­tung im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Satz 1 NHG oder eine Stif­tung, die nach § 55 NHG Trä­ge­rin einer Hoch­schu­le ist, Anlass gege­ben hat, es sei denn, dass die Gebühr Drit­ten auf­er­legt oder in sons­ti­ger Wei­se auf Drit­te umge­legt wer­den kann". Zur Begrün­dung die­ser Rege­lung wird im Gesetz­ent­wurf der Regie­rungs­frak­tio­nen 8 aus­ge­führt:

"Die Ein­fü­gung der neu­en Num­mer 2 in § 2 Abs. 1 NVw­KostG beruht auf der Über­le­gung, dass eine Hoch­schu­le nach § 55 Abs. 1 NHG auf Antrag durch Ver­ord­nung der Lan­des­re­gie­rung in die Trä­ger­schaft einer rechts­fä­hi­gen Stif­tung des öffent­li­chen Rechts über­führt wer­den kann. Durch die Num­mer 2 wird klar­ge­stellt, dass die Hoch­schu­len in staat­li­cher Ver­ant­wor­tung (Hoch­schu­len in Trä­ger­schaft des Staa­tes und Hoch­schu­len in Trä­ger­schaft von rechts­fä­hi­gen Stif­tun­gen des öffent­li­chen Rechts) nach § 1 NHG gleich behan­delt wer­den und den Lan­des­be­hör­den nach Num­mer 1 gleich­ge­stellt sind. Die­ses recht­fer­tigt sich durch das bei­den Hoch­schul­ty­pen imma­nen­te Struk­tur­prin­zip der staat­li­chen Ver­ant­wor­tung, das ins­be­son­de­re auch die finan­zi­el­le Ver­ant­wor­tung des Staa­tes umfasst, und ent­spricht dem Sinn und Zweck der Befrei­ungs­norm, Zah­lun­gen inner­halb des­sel­ben Kas­sen­krei­ses mög­lichst zu ver­mei­den. Die Klar­stel­lung dient zugleich der Rechts­si­cher­heit. Dabei han­delt es sich bei der neu­en Num­mer 2 um einen Son­der­fall, der teil­wei­se auch bereits durch Num­mer 1 gere­gelt ist. Im gege­be­nen Zusam­men­hang ist es jedoch not­wen­dig, die­sen Son­der­fall in sei­ner Gesamt­heit aus­drück­lich zu regeln."

Mit die­ser Begrün­dung gibt auch der Gesetz­ge­ber zu erken­nen, dass er die Hoch­schu­len in staat­li­cher Trä­ger­schaft ledig­lich den Lan­des­be­hör­den gleich­stel­len möch­te, die­se aber nicht als sol­che ansieht. Die zwar als sol­che bezeich­ne­te Klar­stel­lung durch das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2008 gewährt die Gebüh­ren­be­frei­ung den Hoch­schu­len in staat­li­cher Trä­ger­schaft damit kon­sti­tu­tiv. Bestä­tigt wird die­se Annah­me durch die Auf­fas­sung des Gesetz­ge­bers, mit der im NVw­KostG 2007 zunächst nur vor­ge­se­he­nen Gebüh­ren­be­frei­ung für Lan­des­be­hör­den ledig­lich Zah­lun­gen inner­halb des­sel­ben Kas­sen­krei­ses zu ver­mei­den. Denn die­ser Zweck wird für die Hoch­schu­len in staat­li­cher Trä­ger­schaft mit einer Gebüh­ren­be­frei­ung nicht erreicht. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Hoch­schu­le wer­den ihre Ein­nah­men und Aus­ga­ben näm­lich nicht unmit­tel­bar und voll­stän­dig im Haus­halts­plan des Lan­des Nie­der­sach­sen abge­bil­det. Gemäß § 49 NHG wird die Hoch­schu­le viel­mehr als Lan­des­be­trieb nach § 26 Abs. 1 Lan­des­haus­halts­ord­nung Nie­der­sach­sen – LHO – geführt. Sie erstellt damit nach § 26 Abs. 1 Satz 2 LHO einen Wirt­schafts­plan, der dem Haus­halts­plan ledig­lich als Anla­ge bei­gefügt oder in die Erläu­te­run­gen auf­ge­nom­men wird. Im Haus­halts­plan selbst sind für die Hoch­schu­le nur die Zufüh­run­gen oder die Ablie­fe­run­gen ver­an­schlagt 9. Damit erschei­nen ledig­lich die wirt­schaft­li­chen Ergeb­nis­se der Hoch­schu­le als staat­li­cher Ein­rich­tung im Lan­des­haus­halts­plan; ihre Ein­nah­men und Aus­ga­ben wer­den dage­gen nicht unmit­tel­bar im Lan­des­haus­halts­plan geführt und die Kas­sen­krei­se des Lan­des Nie­der­sach­sen und der Hoch­schu­le als staat­li­cher Ein­rich­tung sind getrennt 10.

Die Hoch­schu­le kann sich als "ande­re Behör­de im Land" im vor­lie­gen­den Fall auch nicht auf den Befrei­ungs­tat­be­stand des § 2 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 2 NVw­KostG 2007 beru­fen. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung zutref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die letzt­lich die Ver­wal­tungs­ge­büh­ren­pflicht ver­an­las­sen­de medi­zi­ni­sche Strah­len­an­wen­dung (vgl. § 83 Strah­len­schutz­an­wen­dung) und Anwen­dung von Rönt­gen­strah­lung am Men­schen (vgl. § 17a Rön­ten­ver­ord­nung) durch die Hoch­schu­le kei­ne Aus­übung öffent­li­cher Gewalt dar­stellt 11.

Ist damit die Hoch­schu­le kei­ne "Lan­des­be­hör­de" im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 1 NVw­KostG 2007 und hat sie hier auch nicht "in Aus­übung öffent­li­cher Gewalt (als) eine ande­re Behör­de im Land" im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 1 Alt. 2 NVw­KostG 2007 gehan­delt, kommt es für das Nicht­vor­lie­gen der Gebüh­ren­be­frei­ung nach die­sen Bestim­mun­gen ent­schei­dungs­er­heb­lich nicht mehr dar­auf an, ob die Hoch­schu­le die von der Beklag­ten erho­be­ne Gebühr auf Drit­te abwäl­zen kann. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt kann daher hier dahin­ste­hen las­sen, ob die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen die­ses Aus­schluss­grun­des für eine Gebüh­ren­be­frei­ung erfüllt sind. Es weist gleich­wohl dar­auf hin, dass ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Hoch­schu­le bereits nach dem am 1. Janu­ar 2007 in Kraft getre­te­nen und hier anzu­wen­den­den Gesetz zur Ände­rung des Nie­der­säch­si­schen Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes, des Nie­der­säch­si­schen Ver­wal­tungs­kos­ten­ge­set­zes und ande­rer Geset­ze 12 auch die mit­tel­ba­re Abwäl­zungs­mög­lich­keit einer Gebühr zum Weg­fall der per­sön­li­chen Gebüh­ren­frei­heit nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 NVw­KostG führt und die­se Vor­aus­set­zun­gen nach den zutref­fen­den Aus­füh­run­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts hier vor­lie­gen dürf­ten.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Mai 2011 – 8 LA 73/​10

  1. Nds. GVBl. S. 575[]
  2. vgl. zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt der bei Anfech­tungs­kla­gen zu berück­sich­ti­gen­den Sach- und Rechts­la­ge: Nds. OVG, vom 15.06.2010 – 8 LB 115/​09, m.w.N.[]
  3. vgl. Nds. OVG, Urteil vom 14.09.1993 – 1 L 334/​91, Nds­Rpfl. 1994, 27 f.; Loeser/​Barthel, Nie­der­säch­si­sches Ver­wal­tungs­kos­ten­ge­setz, Stand: August 2010, § 2 Anm. 2.1[]
  4. vgl. VG Göt­tin­gen, Urteil vom 04.10.2007 – 2 A 607/​05; VG Göt­tin­gen, Urteil vom 16.11.1995 – 4 A 4063/​95; Hailbronner/​Geis, HRG, § 58 Rn. 18; Oldi­ges, Hoch­schul­lei­tung und Hoch­schul­ver­wal­tung, in: Fest­schrift für Wer­ner Thie­me zum 70. Geburts­tag, 1993, S. 647, 652 ff.; Thie­me, Deut­sches Hoch­schul­recht, 3. Aufl., Rn. 595[]
  5. vgl. Gesetz­ent­wurf der Lan­des­re­gie­rung, Ent­wurf eines Geset­zes zur Ände­rung des Nie­der­säch­si­schen Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes, des Nie­der­säch­si­schen Ver­wal­tungs­kos­ten­ge­set­zes und ande­rer Geset­ze, LT-Drs. 15/​3000, S. 12 und 29; Beschluss­emp­feh­lung des Aus­schus­ses für Inne­res und Sport, LT-Drs. 15/​3376, S. 13; Schrift­li­cher Bericht der Bericht­erstat­te­rin, LT-Drs. 15/​3401, S. 2 und 6[]
  6. vgl. Nds. OVG, Urteil vom 14.09.1993, a.a.O.; VG Göt­tin­gen, Urteil vom 16.11.1995 – 4 A 4063/​95[]
  7. vom 17.12. 2007, Nds. GVBl. S. 775[]
  8. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU und der FDP, LT-Drs. 15/​4025, S. 6 f.[]
  9. vgl. Land Nie­der­sach­sen, Haus­halts­rech­nung für das Haus­halts­jahr 2007, Band 1, S. 126 ff. (Anla­ge zu Kapi­tel 06 19), Stand: 03.05.2011[]
  10. vgl. BVerwG, Urteil vom 16.12.2010 – 3 C 43.09, LKV 2011, 134, 135; LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 21.12.2009 – L 1 SF 1/​08 (zur Kos­ten­be­frei­ung nach § 2 Abs. 1 Satz 1 GKG) []
  11. vgl. zu den Anfor­de­run­gen: Nds. OVG, Beschluss vom 05.06.2001 – 1 L 3362/​00; Urteil vom 27.10.1967 – III OVG A 163/​66, KStZ 1968, 99, 101[]
  12. vom 07.12. 2006, Nds. GVBl. S. 575, dort Art. 2 Nr. 1. a.[]