Ver­wal­tungs­ge­richt­li­cher Eil­rechts­schutz in Asyl­sa­chen – und die Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes

Den Anfor­de­run­gen an die Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes müs­sen die Gerich­te auch beim ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Eil­rechts­schutz Rech­nung tra­gen.

Ver­wal­tungs­ge­richt­li­cher Eil­rechts­schutz in Asyl­sa­chen – und die Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes

Abs. 4 GG gewährt nicht nur das for­mel­le Recht, die Gerich­te anzu­ru­fen, son­dern auch die Effek­ti­vi­tät des Rechts­schut­zes [1].

Den Anfor­de­run­gen an die Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes müs­sen die Gerich­te auch bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der Vor­schrif­ten über den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Eil­rechts­schutz Rech­nung tra­gen [2], da die­ser in beson­de­rer Wei­se der Siche­rung grund­recht­li­cher Frei­heit dient.

Dabei ist es von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den, wenn sich die vor­zu­neh­men­de Inter­es­sen­ab­wä­gung in ers­ter Linie an der vor­aus­sicht­li­chen Recht­mä­ßig­keit oder Rechts­wid­rig­keit des ange­grif­fe­nen Ver­wal­tungs­akts ori­en­tiert [3].

Kommt die­se Prü­fung bei einem von Geset­zes wegen sofort voll­zieh­ba­ren Bescheid zu dem Ergeb­nis, dass an des­sen Recht­mä­ßig­keit kei­ne ernst­haf­ten Zwei­fel bestehen oder die­ser sogar offen­sicht­lich recht­mä­ßig ist, kann der Antrag nach § 80 Abs. 5 Satz 1 Alt. 1 VwGO – hier in Ver­bin­dung mit § 34a Abs. 2 AsylG – abge­lehnt wer­den.

Stellt sich bei die­ser Rechts­prü­fung jedoch eine Fra­ge, die im Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­aus­sicht­lich eine Vor­la­ge des dann letzt­in­stanz­lich ent­schei­den­den Gerichts an den EuGH erfor­dert, so las­sen sich weder – ohne Wei­te­res – ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit ver­nei­nen, noch kann die offen­sicht­li­che Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­akts bejaht wer­den [4]. In die­sen Fäl­len wird eine Antrags­ab­leh­nung mit Blick auf Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG nur dann Bestand haben kön­nen, wenn die­ser Umstand – über die not­wen­dig nur vor­läu­fi­ge recht­li­che Ein­schät­zung des Gerichts hin­aus­ge­hend – in die Abwä­gung des Blei­bein­ter­es­ses des Antrag­stel­lers mit dem öffent­li­chen Voll­zugs­in­ter­es­se ein­be­zo­gen wird.

Im Anwen­dungs­be­reich der Dub­lin-III-VO ist dabei die Wer­tung des euro­päi­schen Rechts zu beach­ten, dass grund­sätz­lich in jedem Mit­glied­staat ange­mes­se­ne, durch das Uni­ons­recht ver­ein­heit­lich­te Auf­nah­me­be­din­gun­gen herr­schen, die Min­dest­stan­dards fest­le­gen [5]. Ein Über­wie­gen des Sus­pen­siv­in­ter­es­ses wird bei einer uni­ons­recht­lich nicht geklär­ten Rechts­fra­ge, die das Ver­wal­tungs­ge­richt im Eil­ver­fah­ren vor­läu­fig zu Las­ten des Asyl­be­wer­bers ent­schei­det, des­halb nur dann zu beja­hen sein, wenn beson­de­re, in der Per­son des Asyl­be­wer­bers lie­gen­de Grün­de die Rück­über­stel­lung in einen ande­ren Mit­glied­staat mit der Fol­ge, dass das Haupt­sa­che­ver­fah­ren in Deutsch­land von dort aus betrie­ben wer­den muss, unzu­mut­bar erschei­nen las­sen.

Gemes­sen an die­sen Maß­stä­ben ver­letz­te im vor­lie­gen­den Fall die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG. Die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts beruht auf der Auf­fas­sung, ein Ver­stoß gegen Art. 5 Dub­lin-III-VO sei nach § 46 VwVfG stets unbe­acht­lich. Die­se Rechts­mei­nung ist weder durch die EuGH-Recht­spre­chung im Sin­ne einer Über­ein­stim­mung mit dem Uni­ons­recht geklärt, noch han­delt es sich um einen acte clair oder um einen acte éclai­ré. Uni­ons­recht­lich spricht nach den den Dritt­schutz von Bestim­mun­gen der Dub­lin-III-VO stär­ken­den Ent­schei­dun­gen des EuGH vom 07.06.2016 [6] viel­mehr man­ches dafür, dass das erst­mals in der Dub­lin-III-VO ein­ge­führ­te obli­ga­to­ri­sche per­sön­li­che Gespräch mit dem Asyl­be­wer­ber für die Fra­ge der Recht­mä­ßig­keit des Bescheids beacht­lich ist. Denn in einem sol­chen Gespräch kön­nen sowohl die Vor­aus­set­zun­gen für vor­ran­gi­ge Zustän­dig­keits­grün­de nach Art. 8 ff. Dub­lin-III-VO als auch für eine Aus­übung des Selbst­ein­tritts­recht nach Art. 17 Dub­lin-III-VO geklärt wer­den (vgl. Erwä­gungs­grund 17 und 18 der Dub­lin-III-VO). Es greift zu kurz, wenn das Ver­wal­tungs­ge­richt auf die all­ge­mei­ne Anwend­bar­keit des natio­na­len Ver­fah­rens­rechts ein­schließ­lich des § 46 VwVfG beim natio­na­len Voll­zug von Uni­ons­recht hin­weist. Dies beant­wor­tet gera­de nicht die hier inter­es­sie­ren­de Fra­ge, inwie­weit Art. 5 Dub­lin-III-VO mit der in Absatz 2 ent­hal­te­nen Nor­mie­rung von Fall­grup­pen, in denen von dem Gespräch abge­se­hen wer­den darf, eine spe­zi­el­le und inso­weit abschlie­ßen­de Rege­lung des Ver­fah­rens dar­stellt. Die Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts, die in der ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung umstrit­ten ist [7], läuft des­halb Gefahr, die prak­ti­sche Wirk­sam­keit von Art. 5 Dub­lin-III-VO in Fra­ge zu stel­len. Es ist im Übri­gen gera­de im vor­lie­gen­den Fall nicht aus­ge­schlos­sen, dass nach einem Gespräch mit dem Beschwer­de­füh­rer, in dem die­ser sei­ne schwer behan­del­ba­re Krank­heit geschil­dert hät­te, das Bun­des­amt von dem Selbst­ein­tritts­recht Gebrauch gemacht hät­te. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob dem Flücht­ling inso­weit ein Recht auf ermes­sens­feh­ler­freie Ent­schei­dung zusteht, dürf­te dann jeden­falls für die Anwen­dung des § 46 VwVfG kein Raum mehr bestehen.

Stand mit­hin (zumin­dest) eine unge­klär­te uni­ons­recht­li­che Rechts­fra­ge im Raum, bei der im Haupt­sa­che­ver­fah­ren eine Vor­la­ge an den EuGH nahe­lag, hät­te sich das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht mit einer sum­ma­ri­schen Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten zufrie­den geben dür­fen, son­dern hät­te dar­über hin­aus eine Inter­es­sen­ab­wä­gung unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Situa­ti­on des Beschwer­de­füh­rers bei einer Abschie­bung nach Bul­ga­ri­en durch­füh­ren müs­sen. In die Abwä­gung wäre unter ande­rem ein­zu­stel­len gewe­sen, dass der Beschwer­de­füh­rer einen durch Unver­träg­lich­keits­re­ak­tio­nen kom­pli­zier­ten Krank­heits­ver­lauf vor­ge­tra­gen hat und die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung von Flücht­lin­gen in Bul­ga­ri­en, auch wenn sie nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts noch nicht den Schluss auf sys­te­mi­sche Män­gel zulässt, für schwer­wie­gend erkrank­te Flücht­lin­ge erheb­li­che Lücken auf­weist. Ob es dem Beschwer­de­füh­rer vor die­sem Hin­ter­grund zumut­bar war, das Haupt­sa­che­ver­fah­ren aus Bul­ga­ri­en und dort nach den Fest­stel­lun­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts gege­be­nen­falls aus der Obdach­lo­sig­keit oder Haft her­aus wei­ter zu betrei­ben, hät­te genaue­rer Begrün­dung bedurft.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann offen blei­ben, ob auch die wei­te­re Fra­ge, wann der Asyl­an­trag euro­pa­recht­lich als gestellt gilt und wann des­halb die Frist für die Stel­lung des Auf­nah­me­ge­suchs gemäß Art. 21 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 2 Satz 1 Dub­lin-III-VO oder des Wie­der­auf­nah­me­ge­suchs gemäß Art. 23 Abs. 2 Dub­lin-III-VO in Ver­bin­dung mit Art. 9 der Euro­dac-VO zu lau­fen beginnt, klä­rungs­be­dürf­tig im Sin­ne des Art. 267 AEUV ist. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat einen ent­schei­dungs­re­le­van­ten Frist­ab­lauf mit einem Satz ver­neint, ohne zu erken­nen zu geben, ob es von einem Auf­nah­me- oder einem Wie­der­auf­nah­me­fall aus­geht und war­um die Frist nicht abge­lau­fen ist. Die Auf­fas­sun­gen in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit zu dem Beginn der Frist für die Stel­lung des Auf­nah­me- und Wie­der­auf­nah­me­ge­suchs des ersu­chen­den an den ersuch­ten Mit­glied­staat sind geteilt [8]. Für einen Frist­be­ginn schon mit dem Vor­lie­gen eines Asyl­an­trags im Sin­ne des § 13 Abs. 1 AsylG und nicht erst mit der den Anfor­de­run­gen des § 14 AsylG genü­gen­den Antrag­stel­lung könn­te jedoch das Ziel der Dub­lin-III-VO spre­chen, eine mög­lichst schnel­le, an enge Fris­ten gebun­de­ne Klä­rung des zustän­di­gen Mit­glied­staats zu errei­chen (vgl. Erwä­gungs­grund 5 der Dub­lin-III-VO).

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 17. Janu­ar 2017 – 2 BvR 2013 – /​16

  1. vgl. BVerfGE 93, 1, 13; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 79, 69, 74[]
  3. vgl. BVerfGK 15, 102, 107; zuletzt BVerfG, Beschluss vom 14.09.2016 – 1 BvR 1335/​13[]
  4. vgl. zu ähn­li­chen Situa­tio­nen BVerfG, Beschluss vom 27.04.2005 – 1 BvR 223/​05, juris; BVerfGK 11, 153, 158 f.; ein­fach-recht­lich auch VGH Baden Würt­tem­berg, Beschluss vom 09.10.2012 – 11 S 1843/​12 23[]
  5. vgl. EuGH, Urteil vom 07.06.2016 – C‑63/​15 – Ghe­zel­bash 60[]
  6. EuGH, Urteil vom 07.06.2016 – C‑63/​15 – Ghe­zel­bash 34 ff.; und – C‑155/​15 – Karim19 ff.[]
  7. vgl. etwa abwei­chend und auf die euro­pa­recht­li­che Klä­rungs­be­dürf­tig­keit hin­wei­send VG Frank­furt (Oder), Beschluss vom 22.09.2016 – VG 2 L 300/​16.A 31; VG Cott­bus, Beschluss vom 21.10.2016 – 1 L 397/​16.A 15[]
  8. vgl. VG Köln, Beschluss vom 16.08.2016 – 20 L 1609/​16.A, einer­seits; und VG Min­den, Beschluss vom 24.08.2016 – 1 L 1299/​16.A, ande­rer­seits[]