Ver­wir­kung im öffent­li­chen Recht

Ent­steht ein Anspruch auf Kos­ten­er­stat­tung erst mit prüf­ba­rer Rech­nungs­le­gung, kann der Gläu­bi­ger das Recht, von dem Schuld­ner Erstat­tung der Kos­ten zu ver­lan­gen, bereits vor Rech­nungs­le­gung ver­wirkt haben.

Ver­wir­kung im öffent­li­chen Recht

Der Ein­wand der Ver­wir­kung ist in der Recht­spre­chung seit lan­gem als Son­der­fall der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung für den Fall der ver­spä­te­ten Gel­tend­ma­chung eines Anspruchs aner­kannt. Für die Annah­me eines Ver­sto­ßes gegen den Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) reicht der blo­ße Zeit­ab­lauf indes nicht aus; hin­zu­kom­men muss viel­mehr, dass der Schuld­ner dem Ver­hal­ten des Gläu­bi­gers, das zur ver­spä­te­ten Gel­tend­ma­chung des Anspruchs geführt hat, ent­neh­men muss­te, dass die­ser den Anspruch nicht mehr gel­tend machen woll­te, wenn sich also der Schuld­ner dar­auf ein­rich­ten durf­te, dass er mit die­sem Anspruch nicht mehr zu rech­nen brau­che, und sich dar­auf auch ein­ge­rich­tet hat 1.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­wir­kung auch unter Gel­tung der Rechts­schutz­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG gebil­ligt. Gegen Treu und Glau­ben ver­stößt die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung eines Rechts danach, wenn der Berech­tig­te unter Ver­hält­nis­sen untä­tig bleibt, unter denen ver­nünf­ti­ger­wei­se etwas zur Wah­rung des Rechts unter­nom­men zu wer­den pflegt 2.

Die­se Grund­sät­ze sind in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auf das öffent­li­che Recht über­tra­gen wor­den 3. Ver­wirkt ist ein Anspruch, wenn seit der Mög­lich­keit der Gel­tend­ma­chung län­ge­re Zeit ver­stri­chen ist (Zeit­mo­ment) und beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, die die spä­te­re Gel­tend­ma­chung als treu­wid­rig erschei­nen las­sen (Umstands­mo­ment). Das ist ins­be­son­de­re der Fall, wenn der Ver­pflich­te­te infol­ge eines bestimm­ten Ver­hal­tens des Berech­tig­ten dar­auf ver­trau­en durf­te, dass die­ser sei­nen Anspruch nach län­ge­rer Zeit nicht mehr gel­tend machen wür­de, und wenn er sich infol­ge sei­nes Ver­trau­ens so ein­ge­rich­tet hat, dass ihm durch die ver­spä­te­te Durch­set­zung des Rechts ein unzu­mut­ba­rer Nach­teil ent­ste­hen wür­de 4.

Der Bun­des­ge­richts­hof qua­li­fi­ziert die Ver­wir­kung in sei­ner jün­ge­ren Recht­spre­chung als "illoya­le Ver­spä­tung einer Rechts­aus­übung" und ver­langt hier­für, dass der Berech­tig­te das Recht län­ge­re Zeit hin­durch nicht gel­tend gemacht und der Ver­pflich­te­te sich dar­auf ein­ge­rich­tet hat und sich nach dem gesam­ten Ver­hal­ten des Berech­tig­ten auch dar­auf ein­rich­ten durf­te, dass die­ser das Recht nicht mehr gel­tend machen wer­de 5.

Maß­geb­lich für die Annah­me einer nach Treu und Glau­ben "ver­spä­te­ten" Gel­tend­ma­chung sind damit ande­re Gesichts­punk­te als die­je­ni­gen, die für den Zeit­punkt der Ent­ste­hung, der Fäl­lig­keit oder der Ver­jäh­rung eines Anspruchs aus­schlag­ge­bend sind. Bezugs­punkt der Ver­wir­kung ist ein Ver­hal­ten des Berech­tig­ten, das eine Ver­trau­ens­grund­la­ge des Ver­pflich­te­ten begrün­det und eine spä­te­re Gel­tend­ma­chung als unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung erschei­nen lässt. Der Berech­tig­te muss eine Situa­ti­on geschaf­fen haben, auf die der Ver­pflich­te­te ver­trau­en und sich ein­stel­len durf­te 6. Zeit­li­cher Anknüp­fungs­punkt für die Ver­spä­tung ist damit der vom Berech­tig­ten geschaf­fe­ne Ver­trau­ens­tat­be­stand. Aus die­sen unter­schied­li­chen Bezugs­punk­ten folgt, dass es grund­sätz­lich denk­bar ist, einen Anspruch bereits vor dem Zeit­punkt sei­ner for­ma­len Ent­ste­hung zu ver­wir­ken. Dem­entspre­chend ist etwa im Bau­nach­bar­recht die Mög­lich­keit einer Ver­wir­kung des Wider­spruchs­rechts gera­de in den Fäl­len aner­kannt, in denen die Rechts­be­helfs­frist für den Nach­barn man­gels amt­li­cher Bekannt­ga­be der Bau­ge­neh­mi­gung an ihn nicht in Lauf gesetzt wur­de 7. Eine Ver­wir­kung vor Ent­ste­hung des Anspruchs kommt auch dann in Betracht, wenn der Anspruch – wie hier der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch der Klä­ge­rin – erst mit prüf­ba­rer Rech­nungs­le­gung ent­steht. In einem sol­chen Fall hat es allein der Gläu­bi­ger in der Hand, den Anspruch ent­ste­hen zu las­sen. Legt er nicht Rech­nung, kann der Anspruch prak­tisch nicht ver­jäh­ren 8.

Dass eine Ver­wir­kung von Ansprü­chen, die der regel­mä­ßi­gen Ver­jäh­rung von drei Jah­ren unter­lie­gen und im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung unver­jährt sind, grund­sätz­lich nur bei Vor­lie­gen beson­de­rer Umstän­de ange­nom­men wer­den kann 9, steht dem nicht ent­ge­gen. Die­se Gesichts­punk­te ver­deut­li­chen ledig­lich, dass es bei der Annah­me einer Ver­wir­kung in beson­de­rer Wei­se auf die Umstän­de des Ein­zel­falls ankommt. Aus die­sem Grun­de führt auch die Bezug­nah­me auf den Beschluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 14.06.2017 10, der die Beson­der­hei­ten der Ver­wir­kung eines beam­ten­recht­li­chen Scha­dens­er­satz­an­spruchs wegen ver­spä­te­ter oder unter­blie­be­ner Beför­de­rung in den Blick nimmt, nicht wei­ter.

Ent­schei­dend für die Annah­me einer unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung ist, dass sich objek­tiv das Gesamt­bild eines wider­sprüch­li­chen Ver­hal­tens ergibt, weil das frü­he­re Ver­hal­ten mit dem spä­te­ren sach­lich unver­ein­bar ist und die Inter­es­sen der Gegen­sei­te vor­ran­gig schutz­wür­dig erschei­nen 11. Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen im Ein­zel­fall erfüllt sind, ist der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung vor­be­hal­ten und im Rah­men einer Grund­satz­rü­ge nach § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO nicht zu prü­fen 12.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 29. August 2018 – 3 B 24.18

  1. RG, Urteil vom 17.12 1937 – III 3/​37RGZ 158, 100, 107 f.[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 26.01.1972 – 2 BvR 255/​67, BVerfGE 32, 305, 308 f.[]
  3. BVerwG, Urteil vom 29.08.1996 – 2 C 23.95, BVerw­GE 102, 33, 36[]
  4. BVerwG, Urteil vom 18.07.2012 – 8 C 4.11, BVerw­GE 143, 335 Rn. 86, Beschluss vom 20.01.2017 – 8 B 23.16, Buch­holz 316 § 41 VwVfG Nr. 8 Rn. 14[]
  5. BGH, Urteil vom 16.03.2017 – I ZR 49/​15, Rdnr. 83 m.w.N.[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.01.1972 – 2 BvR 255/​67, BVerfGE 32, 305, 308 f.; BVerwG, Urtei­le vom 29.08.1996 – 2 C 23.95, BVerw­GE 102, 33, 36; und vom 18.07.2012 – 8 C 4.11, BVerw­GE 143, 335 Rn. 86[]
  7. BVerwG, Urteil vom 25.01.1974 – 4 C 2.72, BVerw­GE 44, 294, 298 ff.[]
  8. vgl. Ellen­ber­ger, in: Palandt, BGB, 77. Aufl.2018, § 199 Rn. 6[]
  9. BGH, Urteil vom 16.03.2017 – I ZR 49/​15 83 m.w.N.[]
  10. BVerwG, Beschluss vom 14.06.2017 – 2 B 55.16[]
  11. BGH, Urteil vom 16.03.2017 – I ZR 49/​15 85[]
  12. vgl. BVerwG, Beschluss vom 23.12 2015 – 2 B 40.14, Buch­holz 449 § 3 SG Nr. 82 Rn. 22; hier­zu auch BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 27.12 2012 – 1 BvR 2862/​11 u.a. 3[]