Voll­stän­di­ge Unter­sa­gung sexu­el­ler Dienst­leis­tun­gen nicht mehr gerecht­fer­tigt

Vor­aus­sicht­lich ver­stößt die voll­stän­di­ge Unter­sa­gung aller sexu­el­len Dienst­leis­tun­gen gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. In der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on han­delt es sich nicht mehr um eine not­wen­di­ge Schutz­maß­nah­me, die die damit ver­bun­de­nen Grund­rechts­ein­grif­fe recht­fer­tigt.

Voll­stän­di­ge Unter­sa­gung sexu­el­ler Dienst­leis­tun­gen nicht mehr gerecht­fer­tigt

So hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len in dem hier vor­lie­gen­den Eil­ver­fah­ren ent­schie­den und die Unter­sa­gung des Ange­bots von sexu­el­len Dienst­leis­tun­gen in und außer­halb von Pro­sti­tu­ti­ons­stät­ten, Bor­del­len und ähn­li­chen Ein­rich­tun­gen in der Coro­na­schutz­ver­ord­nung vor­läu­fig außer Voll­zug gesetzt. Damit ist dem Antrag eines Unter­neh­mens mit einem Ero­tik-Mas­sa­ge­stu­dio in Köln statt­ge­ge­ben wor­den.

In sei­ner Ent­schei­dungs­be­grün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len betont, dass zwar das Infek­ti­ons­ge­sche­hen wei­ter­hin dyna­misch und der Erlass von Schutz­maß­nah­men zum Schutz der Bevöl­ke­rung daher grund­sätz­lich gerecht­fer­tigt sei. Aller­dings habe der Ver­ord­nungs­ge­ber mitt­ler­wei­le weit­ge­hen­de Locke­run­gen in nahe­zu allen gesell­schaft­li­chen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Berei­chen zuge­las­sen und begeg­ne dem dar­aus resul­tie­ren­den Infek­ti­ons­ri­si­ko im Grund­satz durch die Anord­nung bestimm­ter Hygie­ne- und Infek­ti­ons­schutz­re­geln. Ange­sichts des­sen sei nicht ersicht­lich, war­um im Gegen­satz dazu bei der Erbrin­gung sexu­el­ler Dienst­leis­tun­gen – gleich wel­cher Art sie sei­en und unter wel­chen Umstän­den sie erfolg­ten – nach wie vor ein voll­stän­di­ger Aus­schluss von Infek­ti­ons­ge­fah­ren erfor­der­lich sei. Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts dür­fe bei den regel­mä­ßig auf zwei Per­so­nen beschränk­ten sexu­el­len Kon­tak­ten die Gefahr zahl­lo­ser Infek­ti­ons­ket­ten, auf deren Ver­mei­dung es dem Ver­ord­nungs­ge­ber offen­bar ankom­me, wohl nicht in glei­chem Maße bestehen, wie bei eini­gen der von ihm zuge­las­se­nen Ver­an­stal­tun­gen. Zu einer vom Land NRW ange­spro­che­nen erhöh­ten Atemak­ti­vi­tät und dem damit ver­bun­de­nen ver­mehr­ten Aus­stoß von mög­li­cher­wei­se virus­hal­ti­gen Aero­so­len kom­me es glei­cher­ma­ßen in Sport­stät­ten, wo die Aus­übung nicht-kon­takt­frei­er Sport­ar­ten gestat­tet sei, und in Fit­ness­stu­di­os.

Außer­dem sei es auch nicht ersicht­lich, dass das mit dem Aus­stoß von Aero­so­len ver­bun­de­ne Risi­ko der Anste­ckung bei sexu­el­len Hand­lun­gen zwei­er Per­so­nen deut­lich grö­ßer sei als bei pri­va­ten Fei­ern mit bis zu 150 Per­so­nen, die zum Teil durch eine aus­ge­las­se­ne Atmo­sphä­re mit Musik, Tanz und dem Kon­sum alko­ho­li­scher Geträn­ke geprägt sei­en und nach Anga­ben des Robert Koch-Insti­tuts lan­des­weit als Ursa­che grö­ße­rer und klei­ne­rer Aus­bruchs­ge­sche­hen gel­ten wür­den.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt weist dar­auf hin, dass den Infek­ti­ons­ge­fah­ren bei der Erbrin­gung sexu­el­ler Dienst­leis­tun­gen durch beglei­ten­de Hygie­ne- und Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men begeg­net wer­den kön­ne. Dass Infek­ti­ons­schutz­kon­zep­te regel­mä­ßig nicht umge­setzt wer­den könn­ten, sei nicht fest­stell­bar.

Aus die­sen Grün­den ist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len der Mei­nung, die voll­stän­di­ge Unter­sa­gung aller sexu­el­len Dienst­leis­tun­gen ver­sto­ße vor­aus­sicht­lich gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, weil es sich in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on nicht mehr um eine not­wen­di­ge Schutz­maß­nah­me han­de­le, die die damit ver­bun­de­nen Grund­rechts­ein­grif­fe recht­fer­ti­ge. Daher sei die Unter­sa­gung sexu­el­ler Dienst­leis­tun­gen in der Coro­na­schutz­ver­ord­nung in vol­lem Umfang vor­läu­fig außer Voll­zug zu set­zen. Der fest­ge­stell­te Man­gel erfas­se das Rege­lungs­kon­zept des Ver­ord­nungs­ge­bers in Gän­ze, weil er sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen, allein an die Tätig­keit anknüp­fend, umfas­send ver­bie­te.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 8. Sep­tem­ber 2020 – 13 B 902/​20.NE