Voll­stre­ckung einer behörd­li­chen Unter­las­sungs­ver­pflich­tung

Die Voll­stre­ckung einer Unter­las­sungs­ver­pflich­tung, die eine Behör­de in einem durch Beschluss nach § 106 Satz 2 VwGO vor­ge­schla­ge­nen Pro­zess­ver­gleich ein­ge­gan­gen ist, rich­tet sich nach § 167 Abs. 1 VwGO in Ver­bin­dung mit dem 8. Buch der ZPO. Eine Voll­stre­ckungs­klau­sel ist nicht ent­behr­lich. Die Andro­hung von Ord­nungs­geld zur Voll­stre­ckung der behörd­li­chen Unter­las­sungs­ver­pflich­tung ist bei Vor­lie­gen der all­ge­mei­nen Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zun­gen aus­zu­spre­chen, ohne dass ein Pflicht­ver­stoß bereits erfolgt sein oder kon­kret dro­hen muss.

Voll­stre­ckung einer behörd­li­chen Unter­las­sungs­ver­pflich­tung

Wäre von § 172 VwGO als zutref­fen­der Rechts­grund­la­ge für das Voll­stre­ckungs­be­geh­ren aus­zu­ge­hen, so könn­te die bean­trag­te Auf­er­le­gung von Zwangs­geld für jeden künf­ti­gen Fall der Zuwi­der­hand­lung schon des­halb nicht aus­ge­spro­chen wer­den, weil es an der erfor­der­li­chen vor­he­ri­gen Andro­hung unter Frist­set­zung für die Erfül­lung der Ver­pflich­tung feh­len wür­de. Dies bedarf aber eben­so wie die Fra­ge, ob im Rah­men des § 172 VwGO eine Voll­stre­ckungs­klau­sel im Wege ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 171 VwGO ent­behr­lich ist, hier kei­ner wei­te­ren Erör­te­rung. Denn nach rich­ti­ger, von der Voll­stre­ckungs­schuld­ne­rin bereits im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren expli­zit ver­tre­te­ner Ansicht kann die Voll­stre­ckung einer in einem Pro­zess­ver­gleich von einer Behör­de über­nom­me­nen Unter­las­sungs­ver­pflich­tung nur nach § 167 Abs. 1 VwGO in Ver­bin­dung mit den ein­schlä­gi­gen zivil­pro­zes­sua­len Voll­stre­ckungs­vor­schrif­ten, hier ins­be­son­de­re der §§ 890, 724, 750 ZPO durch­ge­führt wer­den. Dafür spricht, dass § 172 VwGO nach sei­nem Wort­laut einen auf bestimm­te Fall­grup­pen beschränk­ten Anwen­dungs­be­reich hat, zu wel­chen Unter­las­sungs­ver­pflich­tun­gen nicht gehö­ren, und dass die in der Vor­schrift neben der Andro­hung von Zwangs­geld ver­lang­te Frist­set­zung für die Erfül­lung einer titu­lier­ten Ver­pflich­tung im Fal­le einer Unter­las­sungs­pflicht schwer­lich einen Sinn ergibt, weil damit schon ein Ver­stoß gegen die­se Pflicht vor­aus­ge­setzt und damit effek­ti­ver Rechts­schutz inso­weit vor­ent­hal­ten wür­de. Da zudem § 167 Abs. 1 VwGO i.V.m. § 890 ZPO ein gera­de für Unter­las­sungs­pflich­ten taug­li­ches Instru­men­ta­ri­um zur Ver­fü­gung stellt, fehlt es auch an einer aus­fül­lungs­fä­hi­gen und ‑bedürf­ti­gen Lücke, die durch ent­spre­chen­de Anrei­che­rung des Bedeu­tungs­ge­halts des § 172 VwGO zu schlie­ßen wäre 1.

Hier­aus folgt zunächst, dass für die Voll­stre­ckung aus dem gemäß § 168 Abs. 1 Nr. 3 VwGO einen Voll­stre­ckungs­ti­tel dar­stel­len­den Pro­zess­ver­gleich nach § 167 Abs. 1 VwGO i.V.m. §§ 795, 724, 750 ZPO es der Zustel­lung einer mit Voll­stre­ckungs­klau­sel ver­se­he­nen Aus­fer­ti­gung des Pro­zess­ver­gleichs an die Voll­stre­ckungs­schuld­ne­rin bedurf­te 2. Dar­an fehlt es hier nach Akten­la­ge, ins­be­son­de­re ist eine der Form des § 725 ZPO genü­gen­de voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gung nicht her­ge­stellt und der Voll­stre­ckungs­schuld­ne­rin zuge­stellt wor­den. Hier­für besteht aber gera­de in den Fäl­len eines auf Grund schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlags nach § 106 VwGO zustan­de gekom­me­nen Pro­zess­ver­gleichs im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit ein prak­ti­sches Bedürf­nis. Denn die Annah­me eines sol­chen Ver­gleichs­vor­schlags und damit der Abschluss des Ver­gleichs erfolgt durch schlich­te schrift­li­che Annah­me­er­klä­rung gegen­über dem Gericht. Da auch ein in Beschluss­form unter­brei­te­ter Ver­gleichs­vor­schlag im Lau­fe des gericht­li­chen Ver­fah­rens nicht sel­ten noch geän­dert wird, schafft erst eine voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gung eine hin­rei­chend siche­re Voll­stre­ckungs­grund­la­ge.

Für die bean­trag­te Auf­er­le­gung von Zwangs­geld für künf­ti­ge Ver­stö­ße – im Rah­men des § 890 ZPO rich­tig: Ord­nungs­geld – fehlt es des wei­te­ren, abge­se­hen von Bestimmt­heits­be­den­ken hin­sicht­lich einer sol­chen vor­aus­grei­fen­den Sank­tio­nie­rung, an der auch gemäß § 890 Abs. 2 ZPO erfor­der­li­chen vor­aus­ge­hen­den Andro­hung. Inso­weit hält der Senat aber den Hin­weis für ange­zeigt, dass auf ent­spre­chen­den, die all­ge­mei­nen Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zun­gen wah­ren­den Antrag (Titel, Klau­sel, Zustel­lung) eine sol­che Andro­hung vom Ver­wal­tungs­ge­richt zu erlas­sen wäre, ohne dass es auf die von den Betei­lig­ten kon­tro­vers dis­ku­tier­ten, vom Ver­wal­tungs­ge­richt noch nicht als Ver­stö­ße gegen die Unter­las­sungs­ver­pflich­tung der Voll­stre­ckungs­schuld­ne­rin gewer­te­ten Vor­komm­nis­se im Jah­re 2011 ankä­me. Denn eine sol­che Andro­hung ist schon aus Grün­den effek­ti­ven Recht­schut­zes bei Vor­lie­gen der all­ge­mei­nen Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zun­gen ohne Rück­sicht auf einen bereits erfolg­ten oder wenigs­tens dro­hen­den Pflicht­ver­stoß zu erlas­sen, um dem Voll­stre­ckungs­gläu­bi­ger die Mög­lich­keit zu geben, im Fall tat­säch­li­cher Zuwi­der­hand­lun­gen sofort gegen den Voll­stre­ckungs­schuld­ner vor­ge­hen zu kön­nen 3. Inner­halb ihres nach Sank­ti­ons­art und ‑höhe bestimm­ten Rah­mens ermäch­tigt die Andro­hung in der Fol­ge auch zu einer wie­der­hol­ten – mehr­ma­li­ge Ver­stö­ße sank­tio­nie­ren­den – Fest­set­zung von Ord­nungs­geld; inso­weit genügt die ein­ma­li­ge Andro­hung 4. Ob und wel­che Zuwi­der­hand­lun­gen der Voll­stre­ckungs­schuld­ner im Zeit­raum nach der Andro­hung objek­tiv began­gen hat, muss dann aller­dings zur Gewiss­heit des Gerichts bewie­sen wer­den 5. Bei der Bemes­sung des Ord­nungs­gel­des sind vor­nehm­lich das Maß der Pflicht­wid­rig­keit, die Art des Ver­sto­ßes, die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des Betrof­fe­nen, sein Ver­schul­den und sein Ver­hal­ten nach dem Ver­stoß zu berück­sich­ti­gen; fer­ner geht es dar­um, den Voll­stre­ckungs­schuld­ner von wei­te­ren gleich­ar­ti­gen Bege­hungs­hand­lun­gen wirk­sam abzu­hal­ten 6.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 29. August 2012 – 10 S 1085/​12

  1. vgl. eben­so VGH Bad.-Württ., Beschlüs­se vom 20.05.1992 – 10 S 379/​92, NVwZ-RR 1993, 520; und vom 12.01.1995 – 10 S 488/​94, NVwZ-RR 1995, 619; VGH Bad.-Württ., Beschlüs­se vom 03.04.1990 – 8 S 341/​90, NVwZ-RR 1990, 447; vom 25.06.2003 – 4 S 118/​03, NVwZ-RR 2004, 459; vom 08.02.2012 – 4 S 3153/​11; OVG Thü­rin­gen, Beschluss vom 08.01.2010 – 2 VO 327/​08, ThürVBl 2010, 230; Kopp, VwGO, 17. Aufl., § 172 RdNrn. 1, 10 m.N. zum Streit­stand[]
  2. vgl. außer der oben zitier­ten Recht­spre­chung OVG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 18.10.2007 – 1 E 10786/​07[]
  3. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 15.08.2012 – 3 S 767/​12; vom 08.02.2012 – 4 S 3153/​11; vom 03.04.1990 – 8 S 341/​90, VBlBW 1990, 335; OVG Thü­rin­gen, Beschluss vom 08.01.2010, a.a.O.[]
  4. vgl. Hart­mann in: Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 69. Aufl., § 890 RdNr. 35 m.w.N.[]
  5. vgl. Hart­mann, a.a.O., § 890 RdNr.20[]
  6. vgl. VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 15.08.2012, a.a.O., m.w.N.[]