Voll­zug eines Bür­ger­ent­scheids in Nie­der­sach­sen

Die Ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten eines Bür­ger­be­geh­rens und die Bür­ger der Gemein­de in Nie­der­sach­sen haben nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts kein sub­jek­ti­ves öffent­li­ches Recht auf Voll­zug des Bür­ger­ent­scheids.

Voll­zug eines Bür­ger­ent­scheids in Nie­der­sach­sen

Die Ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten eines Bür­ger­be­geh­rens nach § 22b NGO kön­nen unge­ach­tet des­sen, dass dies in Nie­der­sach­sen anders als in Bay­ern nicht aus­drück­lich gesetz­lich gere­gelt ist, gegen die Ent­schei­dung über die Unzu­läs­sig­keit des Bür­ger­be­geh­rens Kla­ge erhe­ben 1. Das gibt ihnen zugleich das Recht, die Belan­ge, wel­che das Zustan­de­kom­men und die Zulas­sung des Bür­ger­be­geh­rens sowie die Durch­füh­rung des Bür­ger­ent­scheids erfor­dern, im eige­nen Namen wahr­zu­neh­men und wegen des Gebots wirk­sa­men Rechts­schut­zes (Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG) unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen den Anspruch auf Durch­füh­rung des Bür­ger­ent­scheids gericht­lich sichern zu las­sen 2. Mit der Durch­füh­rung des Bür­ger­ent­scheids hat sich das Bür­ger­be­geh­ren aber erle­digt. Das Recht der Ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten, für das Bür­ger­be­geh­ren tätig zu wer­den und des­sen Belan­ge zu wah­ren, ist damit ent­fal­len. Fort­wir­ken­de sub­jek­ti­ve Rech­te der Ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten bestehen unab­hän­gig vom Ergeb­nis des Bür­ger­ent­scheids nicht. Ins­be­son­de­re ist ihnen nicht die Mög­lich­keit ein­ge­räumt, nach erfolg­rei­cher Durch­füh­rung des Bür­ger­ent­scheids des­sen ord­nungs­ge­mä­ße Umset­zung durch die gemeind­li­chen Orga­ne, also des­sen ord­nungs­ge­mä­ßen Voll­zug, gericht­lich über­prü­fen zu las­sen. 3. Die­se Kon­trol­le obliegt allein der Kom­mu­nal­auf­sicht 4.

Auch ein abstim­mungs­be­rech­tig­ter Bür­ger hat jedoch, so das Lüne­bur­ger OVG, kein Recht auf Über­prü­fung des Voll­zugs des Bür­ger­ent­scheids. Indi­vi­du­al­rechts­schutz wäre ihm nur dann zu gewäh­ren, wenn er gegen einen nega­ti­ven Bür­ger­ent­scheid gel­tend machen wür­de, durch die Art und Wei­se der Durch­füh­rung des Bür­ger­ent­schei­des (Abstim­mungs­ver­fah­ren) in der Aus­übung sei­nes eige­nen Stimm­rech­tes ver­letzt wor­den zu sein. Ein förm­li­ches Über­prü­fungs­ver­fah­ren etwa ana­log dem kom­mu­na­len Wahl­prü­fungs­ver­fah­ren (§§ 46 ff. NKWG) fin­det hin­ge­gen nicht statt 5.

Die gegen­tei­li­gen Auf­fas­sun­gen, wonach der abstim­mungs­be­rech­tig­te Bür­ger 6, jeden­falls aber die Ver­tre­ter des Bür­ger­be­geh­rens 7 einen auf dem Ver­wal­tungs­rechts­weg durch­setz­ba­ren sub­jek­ti­ven Voll­zugs­an­spruch haben, füh­ren zu einem vom Gesetz­ge­ber nicht gewoll­ten sys­tem­wid­ri­gen Ergeb­nis. Denn der (posi­ti­ve) Bür­ger­ent­scheid hat nach § 22b Abs. 11 Satz 1 NGO die Wir­kung eines Rat­be­schlus­ses. Das ein­zel­ne Rats­mit­glied hat nur unter der – sel­ten erfüll­ten – Vor­aus­set­zung einer durch die Ver­let­zung eige­ner Rech­te begrün­de­ten per­sön­li­chen Kla­ge­be­fug­nis einen indi­vi­du­ell durch­setz­ba­ren Anspruch auf Voll­zug bzw. gericht­li­che Über­prü­fung des Voll­zugs eines Rats­be­schlus­ses. Folg­te man der Min­der­mei­nung käme es mit­hin zu einer Bes­ser­stel­lung abstim­mungs­be­rech­tig­ter Bür­ger und/​oder Ver­tre­tungs­be­rech­tig­ter eines Bür­ger­be­geh­rens gegen­über den Mit­glie­dern einer kom­mu­na­len Ver­tre­tungs­kör­per­schaft. Eine sol­che Bes­ser­stel­lung ist aber sowohl nach der Nds. Gemein­de­ord­nung als auch der Nds. Land­kreis­ord­nung nicht gerecht­fer­tigt, weil der Bür­ger­ent­scheid gegen­über den Beschlüs­sen der gewähl­ten Ver­tre­tungs­kör­per­schaft ledig­lich ein ergän­zen­des demo­kra­ti­sches Ent­schei­dungs­mit­tel dar­stellt 8.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Mai 2009 – 10 ME 277/​08

  1. vgl. OVG Lüne­burg, Beschluss vom 11.8.2008 – 10 ME 204/​08 – NST‑N 2008, 193 = Nds­VBl 2008, 314 = DVBl 2008, 1268 [Leit­satz] = DÖV 2009, 86 [Leit­satz] = Nor­dÖR 2008, 559 [Leit­satz][]
  2. vgl. BayVGH, Urteil vom 2.7.2002 – 4 B 00.3532BayVBl 2002, 670 = DVBl 2003, 277 = NVwZ-RR 2003, 448[]
  3. BayVGH, Urteil vom 2.7.2002, a.a.O.; VG Aachen, Beschluss vom 16.3.2005 – 4 L 166/​05 – zitiert nach juris[]
  4. eben­so: Wefel­mei­er in: KVR-NGO, Stand: Dezem­ber 2008, § 22b NGO, RdNr. 86[]
  5. OVG Lüne­burg, Urteil vom 20.2.2001 – 10 L 2705/​99Nds­VBl 2001, 165 = Nds­Rpfl 2001, 240 = DÖV 2002, 253[]
  6. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 14.11.1974 – I 453/​74DVBl 1975, 552[]
  7. Peine/​Starke, Rechts­pro­ble­me beim Voll­zug von Bür­ger­ent­schei­den, DÖV 2007, 740[]
  8. OVG Lüne­burg, Urteil vom 20.2.2001, a.a.O.; BayVGH, Urteil vom 2.7.2002, a.a.O.; VG Aachen, Beschluss vom 16.3.2005, a.a.O.[]