Von Grab­plat­ten und Wachs­lei­chen

Das Ver­bot von Grab­plat­ten – also der voll­flä­chi­gen Abde­ckung des Gra­bes mit Stein- oder Mar­mor­plat­ten – kann wirk­sam in der Fried­hofs­sat­zung erfol­gen, sofern dies zur Wah­rung eines wich­ti­gen Belan­ges des Fried­ho­fes wie etwa der Gewähr­leis­tung einer unge­hin­der­ten Lei­chen­ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zei­ten not­wen­dig ist. Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Lüne­burg in einem Ver­fah­ren des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes ein in der kom­mu­na­len Fried­hofs­sat­zung der Stadt Emden ent­hal­te­nes Ver­bot der voll­flä­chi­gen Abde­ckung von Grab­stät­ten für wirk­sam erach­tet.

Von Grab­plat­ten und Wachs­lei­chen

Dort hat­te ein Wit­wer hat­te – wohl ent­spre­chend dem Wil­len sei­ner ver­stor­be­nen Ehe­frau Fol­ge leis­tend – die Grab­stät­te auf einem Fried­hof der Stadt Emden voll­stän­dig mit einer Grab­plat­te abde­cken und ein Denk­zei­chen anbrin­gen las­sen. Der Fried­hofs­trä­ger for­der­te den Ehe­mann in der Fol­ge zur Besei­ti­gung der Grab­plat­te auf, ord­ne­te die sofor­ti­ge Voll­zie­hung an und droh­te für den Fall der Nicht­be­fol­gung die Ersatz­vor­nah­me an. Zur Begrün­dung ver­wies der Fried­hofs­trä­ger auf die feh­len­de Geneh­mi­gung für die Grab­plat­te und auch auf deren feh­len­de Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit. Nach der kom­mu­na­len Fried­hofs­sat­zung sei es auf dem kon­kre­ten Fried­hof ver­bo­ten, Grab­stät­ten voll­flä­chig abzu­de­cken.

Den hier­ge­gen gerich­te­ten Antrag auf Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg abge­lehnt. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die­se Ent­schei­dung im Beschwer­de­ver­fah­ren nun bestä­tigt und dar­auf hin­ge­wie­sen, dass kei­ne ernst­haf­ten Zwei­fel an der Wirk­sam­keit des in der kom­mu­na­len Fried­hofs­sat­zung ent­hal­te­nen Ver­bo­tes der voll­flä­chi­gen Abde­ckung von Grab­stät­ten bestehen. Auf­grund einer gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­me hat der Fried­hofs­trä­ger glaub­haft gemacht, dass die Ver­wen­dung von Grab­plat­ten für eine Sarg-Erd­grab­stät­te in die­sem Teil des Fried­hofs zu einer deut­li­chen Ver­län­ge­rung der Ver­we­sungs­dau­er und einer Erhö­hung der Gefahr der Bil­dung einer Wachs­lei­che füh­ren wür­de. Die beson­de­ren Boden­ver­hält­nis­se und die durch die Grab­plat­te ver­rin­ger­te Sauer­stoff­zu­fuhr ver­zö­gert den Ver­we­sungs­pro­zess der­art, dass inner­halb der fest­ge­leg­ten Ruhe­zeit von 30 Jah­ren eine Ver­we­sung nicht sicher­ge­stellt ist, die pro­gnos­ti­zier­te Ver­we­sungs­dau­er die Ruhe­zeit viel­mehr um mehr als zehn Jah­re über­schrei­tet. Das sat­zungs­recht­li­che Ver­bot der voll­flä­chi­gen Abde­ckung von Grab­stät­ten ist damit maß­geb­lich auf die Gewähr­leis­tung der Lei­chen­ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zei­ten gerich­tet und dient all­ge­mei­nen Fried­hofs­zwe­cken. Es ist daher zuläs­sig, ohne dass es noch dar­auf ankommt, ob dem Betrof­fe­nen eine Grab­mal­ge­stal­tung nach eige­nen ästhe­ti­schen Vor­stel­lun­gen an ande­rer Stel­le auf dem­sel­ben Fried­hof oder auf nahe gele­ge­nen ande­ren Fried­hö­fen mög­lich ist.

Der mit dem in der Fried­hof­sat­zung ent­hal­te­nen Ver­bot von Grab­ab­de­ckun­gen ver­bun­de­ne Ein­griff in das Recht des Antrag­stel­lers auf freie Ent­fal­tung sei­ner Per­sön­lich­keit nach Art. 2 Abs. 1 GG, das den Wunsch naher Ange­hö­ri­ger eines Ver­stor­be­nen umfasst, des Toten nach eige­nen Vor­stel­lun­gen zu geden­ken und hier­zu auch Grab­ma­le nach eige­ner Gestal­tung zu errich­ten 1, ist gerecht­fer­tigt. Denn die durch Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­te Gestal­tungs­frei­heit der Fried­hofs­be­nut­zer fin­det ihre Gren­ze unter ande­rem in der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung. Hier­zu gehö­ren auch Rege­lun­gen in einer Fried­hofs­sat­zung betref­fend die Gestal­tung von Grab­ma­len, die der Ver­wirk­li­chung all­ge­mei­ner Fried­hofs­zwe­cke die­nen. Zu die­sen all­ge­mei­nen Fried­hofs­zwe­cken zäh­len unter ande­rem die geord­ne­te und wür­di­ge Bestat­tung der Toten, ein unge­stör­tes Toten­ge­den­ken sowie die Gewähr­leis­tung einer unge­hin­der­ten Lei­chen­ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zei­ten 2.

In dem kon­kre­ten Fall der Stadt Emden hät­te die Ver­wen­dung von Grab­plat­ten für eine Sarg-Erd­grab­stät­te in dem unter­such­ten Bereich des Fried­hofs nach Ansicht eines Gut­ach­ters zu einer deut­li­chen Ver­län­ge­rung der Ver­we­sungs­dau­er geführt, da sich auf­grund der beson­de­ren Boden­ver­hält­nis­se und der durch die Grab­plat­te ver­rin­ger­ten Sauer­stoff­zu­fuhr der Ver­we­sungs­pro­zess ver­zö­gert. Zudem erhöht sich durch eine ver­rin­ger­te Sauer­stoff­zu­fuhr das Risi­ko der soge­nann­ten Wachs­lei­chen­bil­dung. Die für Fäl­le einer voll­flä­chi­gen Abde­ckung pro­gnos­ti­zier­te Ver­we­sungs­dau­er von mehr als 40 Jah­ren über­schrei­tet die in der Fried­hof­sat­zung jeden­falls nicht unver­tret­bar kurz fest­ge­leg­te Ruhe­frist von 30 Jah­ren deut­lich. Das Ver­bot der voll­flä­chi­gen Abde­ckung einer Grab­stät­te in der Fried­hof­sat­zung dient daher der Gewähr­leis­tung einer unge­hin­der­ten Lei­chen­ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zei­ten.

Auch auf den Ein­wand, der Fried­hof sei ein "Mono­pol­fried­hof" und die Stadt als Trä­ge­rin des Fried­hofs daher gehal­ten, auch gestal­tungs­freie Fried­hofs­flä­chen vor­zu­hal­ten, kommt es damit ent­schei­dungs­er­heb­lich nicht mehr an. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 3 und des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts 4 kön­nen auch stren­ge­re Gestal­tungs­an­for­de­run­gen, als sie zur Errei­chung des all­ge­mei­nen Fried­hofs­zwecks erfor­der­lich sind, mit dem Grund­recht der frei­en Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit der­art zu ver­ein­ba­ren sein, dass auf Tei­len des­sel­ben Fried­hofs eine gestal­tungs­freie Fried­hofs­flä­che vor­ge­se­hen ist oder eine ent­spre­chen­de Flä­che in zumut­ba­rer Ent­fer­nung auf einem ande­ren Fried­hof im sel­ben Gebiet zur Ver­fü­gung steht. Aller­dings, so das OVG in Lüne­burg, beinhal­tet die Fried­hof­sat­zung im kon­kre­ten Fall der Stadt Emden aber eine Grab­mal­ge­stal­tungs­vor­schrift, die gera­de auf die Ver­wirk­li­chung eines all­ge­mei­nen Fried­hofs­zwecks gerich­tet ist, und stellt daher kei­ne "stren­ge­re Gestal­tungs­vor­schrift" im Sin­ne der genann­ten Recht­spre­chung dar, die die beson­de­ren Recht­fer­ti­gungs­vor­aus­set­zun­gen erfül­len müss­te.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Juni 2010 – 8 ME 125/​10

  1. vgl. grund­le­gend BVerwG, Urteil vom 08.11.1963 – VII C 148.60, BVerw­GE 17, 119, 120 f.[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 13.05.2004 – 3 C 26/​03, BVerw­GE 121, 17, 19 f.; OVG NRW, Beschluss vom 11.04.1997 – 19 A 1211/​96, NVwZ 1998, 869; VGH B‑W, Urteil vom 13.12.1993 – 1 S 428/​93, NVwZ 1994, 793, 794; Bay. VGH, Urteil vom 30.07.1990 – 7 B 90.136, NVwZ-RR 1991, 250, 251 f. jeweils m.w.N.[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 20.11.2007 – 7 BN 5.07; Urteil vom 13.05.2004 – 3 C 26/​03, BVerw­GE 121, 17, 20[]
  4. Nds. OVG, Beschluss vom 11.05.2007 – 8 ME 30/​07; Beschluss vom 26.04.2005 – 8 LA 296/​04, Nds­VBl. 2005, 221, 222[]