Vor­aus­ge­zahl­te Erschlie­ßungs­kos­ten – und die um 40 Jah­re ver­zö­ger­te Erschlie­ßung

Grund­stücks­ei­gen­tü­mer, die sich mit der Gemein­de ver­trag­lich über die von ihnen zu tra­gen­den Erschlie­ßungs­kos­ten geei­nigt haben, kön­nen bei ver­zö­ger­ten Stra­ßen­bau­ar­bei­ten nicht für Mehr­kos­ten her­an­ge­zo­gen wer­den, die im Wesent­li­chen infla­ti­ons­be­dingt ent­stan­den sind.

Vor­aus­ge­zahl­te Erschlie­ßungs­kos­ten – und die um 40 Jah­re ver­zö­ger­te Erschlie­ßung

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall schloss die beklag­te Stadt Men­den (Sauer­land) Anfang der 1970er Jah­re mit den Klä­gern sog. Ablö­sungs­ver­trä­ge. Dar­in ver­pflich­te­ten sich die Klä­ger, die auf ihre Bau­grund­stü­cke ent­fal­len­den antei­li­gen Erschlie­ßungs­kos­ten bereits vor Fer­tig­stel­lung der Erschlie­ßungs­stra­ße zu zah­len. Damit soll­te der nach der end­gül­ti­gen Her­stel­lung der Stra­ße an sich fäl­li­ge Erschlie­ßungs­bei­trag voll­stän­dig abge­gol­ten sein. Die Klä­ger zahl­ten dar­auf­hin an die beklag­te Stadt Beträ­ge zwi­schen 3 283 DM und 4 144 DM. Die Stra­ße wur­de jedoch erst 2007 fer­tig­ge­stellt. Mitt­ler­wei­le hat­te sich der Erschlie­ßungs­auf­wand von den ursprüng­lich ver­an­schlag­ten 261 272 DM auf 407 172 € erhöht. Dar­auf­hin zog die Beklag­te die Klä­ger im Jahr 2012 – unter Anrech­nung der in den 1970er Jah­ren geleis­te­ten Zah­lun­gen – zu Erschlie­ßungs­bei­trä­gen zwi­schen 4 069 € und 6 426 € her­an. Sie berief sich hier­bei auf ein Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aus dem Jahr 1990, dem zufol­ge ein Nach­er­he­bungs­recht besteht, wenn der auf das Grund­stück ent­fal­len­de Erschlie­ßungs­bei­trag das Dop­pel­te oder mehr als das Dop­pel­te des ver­ein­bar­ten Ablö­sungs­be­trags aus­macht (sog. Miss­bil­li­gungs­gren­ze).

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Arns­berg gab den dage­gen gerich­te­ten Kla­gen der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer statt und hob die ange­foch­te­nen Erschlie­ßungs­bei­trags­be­schei­de auf 1. Die dage­gen gerich­te­ten Sprung­re­vi­sio­nen der beklag­ten Stadt Men­den wies das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun zurück:

An der Miss­bil­li­gungs­gren­ze hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus­drück­lich nicht fest. Die vor­lie­gen­den Fäl­le eines rein preis­stei­ge­rungs­be­ding­ten Über­schrei­tens die­ser Gren­ze zei­gen, dass die­se zu unan­ge­mes­se­nen Ergeb­nis­sen zu Las­ten des Bür­gers füh­ren kann.

Auch soweit aus ande­ren, nicht preis­stei­ge­rungs­be­ding­ten Grün­den in Ein­zel­fäl­len ein nicht mehr tole­rier­ba­res Miss­ver­hält­nis zwi­schen der Belas­tung eines Grund­stücks mit Erschlie­ßungs­kos­ten und dem ihm ver­mit­tel­ten Vor­teil bestehen soll­te, bedarf es kei­ner abso­lu­ten Gren­ze. Den bun­des­recht­li­chen Vor­ga­ben ist viel­mehr nach den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen über den Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge unter Abwä­gung aller sich im Zusam­men­hang mit Ablö­sungs­ver­trä­gen erge­ben­den Umstän­de und gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen Rech­nung zu tra­gen. Eine Stei­ge­rung des Erschlie­ßungs­auf­wan­des, die im Wesent­li­chen infla­ti­ons­be­dingt ist, stellt danach ein ablö­sungs­ty­pi­sches Risi­ko dar und begrün­det kei­nen Anpas­sungs­an­spruch der Gemein­de.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 21. Janu­ar 2015 – 9 C 1.2014 – 5.2014 -

  1. VG Arns­berg, Urtei­le vom 28.11.2013 – 6 K 2696/​12, 6 K 2583/​12, 6 K 2458/​12, 6 K 2697/​12 und 6 K 2547/​12[]