Wai­sen­geld bei Über­schrei­ten der Über­gangs­zeit

Wai­sen­geld wird im Fal­le des Über­schrei­tens der in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 b) EStG fest­ge­leg­ten zeit­li­chen Höchst­gren­zen nicht gewährt.

Wai­sen­geld bei Über­schrei­ten der Über­gangs­zeit

In dem hier vom Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall for­der­te der Klä­ger die Gewäh­rung von Wai­sen­geld für die Zeit zwi­schen der Been­di­gung sei­nes Zivil­diens­tes und dem Beginn sei­nes Stu­di­ums, das heißt vom 1. April 2007 bis zum 30. Sep­tem­ber 2007 (6 Mona­te).

Gemäß § 61 Abs. 2 Satz 1 BeamtVG wird das Wai­sen­geld nach Voll­endung des acht­zehn­ten Lebens­jah­res auf Antrag nur gewährt, solan­ge die in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buch­sta­be a, b und d, Nr. 3 und Abs. 5 Satz 1, 2 und 4 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes in der bis zum 31. Dezem­ber 2006 gel­ten­den Fas­sung (EStG a. F.) genann­ten Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sind. So besteht ein Anspruch auf Wai­sen­geld gemäß § 61 Abs. 2 Satz 1 BeamtVG i. V. m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. b) EStG a. F. nur, wenn die Über­gangs­zeit inner­halb des Vier-Monats-Zeit­raums liegt und dass bei der Über­schrei­tung des Vier-Monats-Zeit­raums auch nicht zumin­dest für die ers­ten vier Mona­te der Über­gangs­zeit Wai­sen­geld zu gewäh­ren ist.

Die Vor­schrift des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. b) EStG a. F., die § 61 Abs. 2 Satz 1 BeamtVG in Bezug nimmt, begüns­tigt nach ihrem ein­deu­ti­gen Wort­laut nur eine Über­gangs­zeit von höchs­tens vier Mona­ten 1. Die­ser Zeit­raum ist hier mit sechs Mona­ten zwei­fels­frei über­schrit­ten.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts kommt beim Über­schrei­ten der Über­gangs­zeit von vier Mona­ten die Gewäh­rung von Wai­sen­geld auch nicht zumin­dest für die ers­ten vier Mona­te in Betracht. Der unmiss­ver­ständ­li­che Wort­laut des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. b) EStG a. F. und die Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en bestä­ti­gen die­se Aus­le­gung 2. Durch Art. 1 Nr. 1. b) des Neun­ten Geset­zes zur Ände­rung des Bun­des­kin­der­geld­ge­set­zes – BKGG – vom 22. Dezem­ber 1981 3 hat der Gesetz­ge­ber in § 2 BKGG eine dem § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. b) EStG a. F. ver­gleich­ba­re Rege­lung geschaf­fen. In der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs ist deut­lich gemacht wor­den, dass sich ein Kind, das Über­gangs- und War­te­zei­ten von mehr als vier Mona­ten zu über­brü­cken hat, dar­auf ein­stel­len kann und muss, wäh­rend die­ser Zeit einer Erwerbs­tä­tig­keit nach­zu­ge­hen 4. Aus dem Wort­laut des § 61 Abs. 2 Satz 1 BeamtVG lässt sich nichts Gegen­tei­li­ges her­lei­ten. Aus der unein­ge­schränk­ten Anknüp­fung in § 61 Abs. 2 Satz 1 BeamtVG an die dort im Ein­zel­nen und abschlie­ßend auf­ge­führ­ten Vor­schrif­ten des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes ist zu erken­nen, dass eine nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz zu beja­hen­de oder zu ver­nei­nen­de Über­gangs­zeit ohne Wei­te­res auch für die ver­sor­gungs­recht­li­chen Fol­ge­run­gen über die Gewäh­rung von Wai­sen­geld maß­geb­lich sein soll 5.

Ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken gegen die sich aus § 61 Abs. 2 Satz 1 BeamtVG i. V. m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. b) EStG a. F. erge­ben­de Beschrän­kung des Anspruchs auf Gewäh­rung von Wai­sen­geld bestehen nicht. Der Gesetz­ge­ber war nicht gehal­ten, für Fäl­le der vor­lie­gen­den Art einen Auf­fang­tat­be­stand zu schaf­fen. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Göt­tin­gen hat in sei­nem Urteil vom 23. Febru­ar 2004 6 zutref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung 7 ent­spricht, dass bei einem grund­sätz­lich stark typi­sie­ren­den Leis­tungs­sys­tem wie dem Wai­sen­geld Här­te­fal­le im Inter­es­se der not­wen­di­gen Fle­xi­bi­li­tät des Besol­dungs- und Ver­sor­gungs­ge­fü­ges und der hier beson­ders zu ach­ten­den Gestal­tungs­frei­heit des Gesetz­ge­bers grund­sätz­lich hin­zu­neh­men sind. Grün­de, in den Fäl­len der vor­lie­gen­den Art von die­sem Grund­satz abzu­wei­chen, bestehen nicht.

Es ist recht­lich uner­heb­lich, ob der Klä­ger den einem Anspruch auf Gewäh­rung von Wai­sen­geld ent­ge­gen ste­hen­den sechs­mo­na­ti­gen Zeit­raum zwi­schen der Been­di­gung des Zivil­diens­tes und dem Beginn des Stu­di­ums durch einen spä­te­ren Antritt des Zivil­diens­tes hät­te ver­mei­den kön­nen. Denn der Wort­laut des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. b) EStG a. F. stellt auf das Vor­lie­gen einer Über­gangs­zeit von höchs­tens vier vol­len Kalen­der­mo­na­ten ab, ohne inso­weit sub­jek­ti­ve Tat­be­stands­merk­ma­le wie Ver­schul­den oder Ver­tre­ten­müs­sen her­an­zu­zie­hen 8.

Ein Anspruch des Klä­gers auf Gewäh­rung von Wai­sen­geld für die Zeit vom 1. April 2007 bis zum 30. Sep­tem­ber 2007 ergibt sich auch nicht aus § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. c) EStG a. F., wonach für ein acht­zehn, jedoch noch nicht sie­ben­und­zwan­zig Jah­re altes Kind Anspruch auf Kin­der­geld besteht, wenn es eine Berufs­aus­bil­dung man­gels Aus­bil­dungs­plat­zes nicht begin­nen oder fort­set­zen kann. Nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 15. Juli 2003 9, mit dem das von dem Klä­ger ange­führ­te Urteil des Finanz­ge­richts Mün­chen vom 8. Dezem­ber 1999 10 teil­wei­se auf­ge­ho­ben wor­den ist, liegt der Tat­be­stand des Feh­lens eines Aus­bil­dungs­plat­zes zwar nicht nur dann vor, wenn das Kind noch kei­nen Aus­bil­dungs­platz gefun­den hat, son­dern auch dann, wenn ihm ein Aus­bil­dungs­platz bereits zuge­sagt wur­de, es die­sen aber aus schul‑, stu­di­en- oder betriebs­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Grün­den erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt antre­ten kann. Die Vor­schrift des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2. c) EStG a. F. wird von § 61 Abs. 2 Satz 1 BeamtVG jedoch nicht in Bezug genom­men. Gegen die sich dar­aus erge­ben­de Beschrän­kung des Anspruchs auf Gewäh­rung von Wai­sen­geld bestehen – wie scho­ner­wähnt – kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Lüne­burg, Beschluss vom 30.August 2011 – 5 LA 214/​10

  1. vgl. BFH, Urteil vom 15.07.2003 – VIII R 78/​99; Schmidt, EStG, 22. Aufl. 2003, § 32 Rn 42; vgl. eben­so z. B. VG Göt­tin­gen, Urteil vom 23.02.2004 – 3 A 3490/​02; VG Lüne­burg, Urteil vom 27.08.2009 – 1 A 292/​06[]
  2. vgl. eben­so BFH, Urteil vom 15.07.2003, a. a. O.; VG Göt­tin­gen, Urteil vom 23.02.2004, a. a. O.[]
  3. BGBl. I S. 1566[]
  4. vgl. BT-Drucks. 9/​842 S. 54[]
  5. vgl. zutref­fend VG Göt­tin­gen, Urteil vom 23.02.2004, a. a. O., unter Hin­weis auf BVerwG, Urteil vom 22.09.1993 – 2 C 21.92[]
  6. VG Göttingen,a. a. O.[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.05.1985 – 2 BvL 24/​82[]
  8. vgl. Hess. FG, Urteil vom 25.06.1997 – 2 K 626/​97; Schmidt, a. a. O., § 32 Rn 42; VG Göt­tin­gen, Urteil vom 23.02.2004, a. a. O.[]
  9. BFH, Urteil vom 15.07.2003 – VIII R 77/​00[]
  10. FG Mün­chen, Urteil vom 08.12.1999 – 9 K 2076/​99[]