Wehr­dienst­ent­zie­hung als Asyl­grund für syri­sche Flücht­lin­ge

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts stel­len die an eine Wehr­dienst­ent­zie­hung geknüpf­ten Sank­tio­nen, selbst wenn sie von tota­li­tä­ren Staa­ten aus­ge­hen, nur dann eine flücht­lings­recht­lich erheb­li­che Ver­fol­gung dar, wenn sie nicht nur der Ahn­dung eines Ver­sto­ßes gegen eine all­ge­mei­ne staats­bür­ger­li­che Pflicht die­nen, son­dern dar­über hin­aus den Betrof­fe­nen auch wegen sei­ner Reli­gi­on, sei­ner poli­ti­schen Über­zeu­gung oder eines sons­ti­gen asyl­erheb­li­chen Merk­mals tref­fen sol­len 1.

Wehr­dienst­ent­zie­hung als Asyl­grund für syri­sche Flücht­lin­ge

Auch für ande­re Fall­ge­stal­tun­gen wur­de eine flücht­lings­recht­lich rele­van­te Ver­fol­gung dann ver­neint, wenn die ver­häng­te Sank­ti­on an eine alle Staats­bür­ger glei­cher­ma­ßen tref­fen­de Pflicht anknüpft. So hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Aus­bür­ge­rung eines tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, der der Auf­for­de­rung zur Ableis­tung des Wehr­diens­tes nicht nach­ge­kom­men war, als nicht asyl­erheb­lich gewer­tet 2. Es hat sich dabei auf eine Vor­schrift des tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­rig­keits­ge­set­zes gestützt, wonach der Minis­ter­rat den­je­ni­gen die tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit aberken­nen kann, die sich im Aus­land auf­hal­ten und ohne trif­ti­gen Grund drei Mona­te lang der amt­li­chen Ein­be­ru­fung zur Ableis­tung des Mili­tär­diens­tes nicht nach­kom­men.

Die­se Recht­spre­chung hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einer Ent­schei­dung bestä­tigt und kon­kre­ti­siert, in der es um eine Aus­bür­ge­rung auf­grund der feh­len­den Regis­trie­rung in einer ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­blik ging. Auch hier wur­de her­vor­ge­ho­ben, dass eine ord­nungs­recht­li­che Sank­ti­on für die Ver­let­zung einer alle Staats­bür­ger glei­cher­ma­ßen tref­fen­den Pflicht nicht als flücht­lings­recht­lich rele­van­te Ver­fol­gung ange­se­hen wer­den kann 3.

Von die­sen recht­li­chen Maß­stä­ben geht auch der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 12.12 2016 4 aus. Sei­ne im Ergeb­nis von jener des OVG Rhein­land-Pfalz abwei­chen­de Bewer­tung, dass Rück­keh­rern im mili­tär­dienst­pflich­ti­gen Alter (Wehr­pflich­ti­ge, Reser­vis­ten), die sich durch Flucht ins Aus­land einer in der Bür­ger­kriegs­si­tua­ti­on dro­hen­den Ein­be­ru­fung zum Mili­tär­dienst ent­zo­gen haben, bei der Ein­rei­se im Zusam­men­hang mit den Sicher­heits­kon­trol­len von den syri­schen Sicher­heits­kräf­ten in Anknüp­fung an eine (unter­stell­te) oppo­si­tio­nel­le Gesin­nung mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine men­schen­rechts­wid­ri­ge Behand­lung, ins­be­son­de­re Fol­ter, droht, grün­det in der in Aus­wer­tung der Erkennt­nis­la­ge gefun­de­nen Über­zeu­gung, dass die Sicher­heits­kräf­te zurück­keh­ren­de Per­so­nen Maß­nah­men nicht wahl­los oder allein wegen der Nicht­er­fül­lung einer alle Staats­bür­ger männ­li­chen Geschlechts und einer bestimm­ten Alters­grup­pe (wehr­fä­hi­ge Män­ner) glei­cher­ma­ßen tref­fen­den Pflicht unter­zie­hen, son­dern ihnen durch­weg eine illoya­le, poli­tisch oppo­si­tio­nel­le Hal­tung unter­stel­len; die­se Ein­schät­zung beruht mit der Zuschrei­bung einer bestimm­ten Hand­lungs­mo­ti­va­ti­on an das syri­sche Régime und sei­ne Sicher­heits­kräf­te auf einer den Tat­sa­chen­ge­rich­ten vor­be­hal­te­nen Sach­ver­halts­wür­di­gung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Juni 2017 – 1 B 108.17

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 19.08.1986 – 9 C 322.85, Buch­holz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 54; vom 06.12 1988 – 9 C 22.88, BVerw­GE 81, 41, 44; und vom 25.06.1991 – 9 C 131.90, Buch­holz 402.25 § 2 AsylVfG Nr. 21 S. 63; all­ge­mein zur Anknüp­fung an die poli­ti­sche Über­zeu­gung als Grund­la­ge eines ziel­ge­rich­te­ten Ein­griffs in ein flücht­lings­recht­lich geschütz­tes Rechts­gut s.a. BVerfG, Beschluss vom 10.07.1989 – 2 BvR 502/​86 u.a., BVerfGE 80, 315, 335; BVerwG, Urteil vom 19.01.2009 – 10 C 52.07, BVerw­GE 133, 55, 60 f.[]
  2. BVerwG, Urteil vom 24.10.1995 – 9 C 3.95, Buch­holz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 180 S. 63 f.[]
  3. BVerwG, Urteil vom 26.02.2009 – 10 C 50.07, BVerw­GE 133, 203 Rn. 24[]
  4. BayVGH, Urteil vom 12.12 2016 – 21 B 16.30372[]