Wei­ter­lei­tung unbe­glei­te­ter min­der­jäh­ri­ger Asyl­be­wer­ber

Die erst­ma­li­ge Wei­ter­lei­tung unbe­glei­te­ter min­der­jäh­ri­ger Asyl­be­wer­ber rich­tet sich nicht nach dem AsylG.

Wei­ter­lei­tung unbe­glei­te­ter min­der­jäh­ri­ger Asyl­be­wer­ber

Eine Wei­ter­lei­tungs­ver­fü­gung ist ein Ver­wal­tungs­akt. Im Fal­le unbe­glei­te­ter min­der­jäh­ri­ger Asyl­be­wer­ber wer­den die Vor­schrif­ten der Wei­ter­lei­tung nach §§ 22 f., 46 ff. AsylG durch die spe­zi­el­le­ren Bestim­mun­gen der §§ 42, 42a ff. SGB VIII voll­stän­dig ver­drängt. Eine Wei­ter­lei­tungs­ent­schei­dung der Aus­län­der­be­hör­de kann nicht auf Grund­la­ge des SGB VIII erfol­gen, da die­se Ent­schei­dung vom Jugend­amt zu tref­fen ist.

Rechts­grund­la­ge für Erst­ver­tei­lung war bis zum 30.10.2015 §§ 22, 46 ff. AsylG. Die Anwen­dung die­ser Vor­schrift war indes­sen im Fall von unbe­glei­te­ten Kin­dern und Jugend­li­chen aus­ge­schlos­sen. Denn nach § 42 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SGB VIII war das Jugend­amt auch ohne Vor­lie­gen einer drin­gen­den Gefahr berech­tigt und ver­pflich­tet, ein Kind oder einen Jugend­li­chen in sei­ne Obhut zu neh­men, wenn ein aus­län­di­sches Kind oder ein aus­län­di­scher Jugend­li­cher unbe­glei­tet nach Deutsch­land kommt und sich weder Per­so­nen­sor­ge- noch Erzie­hungs­be­rech­tig­te im Inland auf­hal­ten. Die­se im vor­lie­gen­den Fall durch § 42 Abs. 2 Abs. 1 Nr. 3 SGB VIII begrün­de­te Pri­märzu­stän­dig­keit für Erst­un­ter­brin­gung und –ver­sor­gung unbe­glei­te­ter Kin­der und Jugend­li­cher ist lex spe­cia­lis zu den all­ge­mei­nen Erst­ver­tei­lungs­be­stim­mun­gen an §§ 22 f., 46 ff. AsylG anzu­se­hen und ver­dräng­te die­se voll­stän­dig (vgl. auch §§ 14 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AsylG, 47 Abs. 1 AsylG) [1].

Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat mit Wir­kung vom 01.11.2015 in § 42a ff. SGB VIII ein spe­zi­el­les Obhuts- und Umver­tei­lungs­ver­fah­ren für unbe­glei­te­te aus­län­di­sche Kin­der und Jugend­li­che durch Art. 1 Nr. 4 des Geset­zes zur Ver­bes­se­rung der Unter­brin­gung, Ver­sor­gung und Betreu­ung aus­län­di­scher Kin­der und Jugend­li­cher vom 28.10.2015 [2] auf­ge­nom­men [3].

Danach sind unbe­glei­te­te aus­län­di­sche Min­der­jäh­ri­ge vom Jugend­amt vor­läu­fig in Obhut zu neh­men und kön­nen nur nach Maß­ga­be der §§ 42a ff. SGB VIII auf ande­re Bun­des­län­der ver­teilt wer­den.

Gemäß § 77 Abs. 1 AsylG ist unab­hän­gig von der Kla­ge­art maß­ge­bend die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der münd­li­chen Ver­hand­lung, so dass die §§ 42a ff. SGB VIII hier der Ent­schei­dung zu Grun­de zu legen sind. Dies führt indes­sen nicht dazu, im vor­lie­gen­den Fall die Recht­mä­ßig­keit der ange­grif­fe­nen Wei­ter­lei­tungs­ver­fü­gung her­bei­zu­füh­ren.

Die Anwen­dung der genann­ten Bestim­mun­gen des Sozi­al­ge­setz­bu­ches VIII im vor­lie­gen­den Fall schei­tert bereits dar­an, dass die Aus­län­der­be­hör­de in for­mel­ler Hin­sicht nicht zur Ent­schei­dung für die Wei­ter­lei­tung unbe­glei­te­ter Min­der­jäh­ri­ger beru­fen ist. Die Ent­schei­dung ist aus­schließ­lich dem Jugend­amt vor­be­hal­ten. Dies folgt aus § 42a Abs. 1 SGB VIII, wonach nur die­se Behör­de berech­tigt und ver­pflich­tet ist, unbe­glei­te­te aus­län­di­sche Min­der­jäh­ri­ge vor­läu­fig in Obhut zu neh­men. Streit­ge­gen­stand ist hier jedoch die Wei­ter­lei­tungs­ent­schei­dung. Die­se ist von der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung Ham­burg als Teil der Aus­län­der­be­hör­de erlas­sen wor­den (Behör­de für Inne­res und Sport, vgl. dazu II. Abs. 4 der Anord­nung über Zustän­dig­kei­ten im Aus­län­der- und Asyl­ver­fah­rens­recht vom 17.12 2004 [4]).

Nach § 2 Abs. 3 Nr. 1 SGB VIII ist die Inob­hut­nah­me eine ande­re Auf­ga­be der Jugend­hil­fe, die gemäß § 3 Abs. 3 Satz 1 SGB VIII durch Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe wahr­ge­nom­men wird. Nach § 85 Abs. 1 SGB VIII ist der ört­li­che Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe zustän­dig, da die Auf­ga­be nicht im Kata­log des § 85 Abs. 2 SGB VIII für den über­ört­li­chen Trä­ger auf­ge­führt ist. Nach § 69 Abs. 1 SGB VIII errich­ten die ört­li­chen Trä­ger Jugend­äm­ter nach Maß­ga­be des Lan­des­rechts. Nach Art. II Abs. 3 Nr. 22 Anord­nung über Zustän­dig­kei­ten im Kin­der- und Jugend­hil­fe­recht vom 12.02.2002 [5] ist für die Inob­hut­nah­me von Kin­dern und Jugend­li­chen die Behör­de für Arbeit, Sozia­les Fami­lie und Inte­gra­ti­on zustän­dig. Für Auf­ga­ben nach dem Aus­län­der- und Asyl­recht sind hin­ge­gen Bezirks­äm­ter und die Behör­de für Inne­res und Sport als Aus­län­der­be­hör­de zustän­dig [6]. Eine Umdeu­tung der asyl­recht­li­chen Wei­ter­lei­tungs­ent­schei­dung in eine sol­che nach Jugend­hil­fe­recht schei­det bereits des­halb aus (vgl. auch § 47 Abs. 1 VwVfG).

In mate­ri­el­ler Hin­sicht ist zu beach­ten, dass dem Jugend­amt in den genann­ten Obhuts- und Wei­ter­lei­tungs­vor­schrif­ten ein wei­ten Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum ein­ge­räumt ist, den das Gericht nicht durch eine eige­ne Ein­schät­zung und Aus­übung des Ermes­sens aus­zu­fül­len berech­tigt ist (vgl. § 114 Satz 1 VwGO). Nach § 42a Abs. 2 Nr. 1 und 4 SGB VIII hat das Jugend­amt im Hin­blick auf die in § 42b Abs. 4 SGB VIII genann­ten Aus­schlie­ßungs­grün­de u. a. ein­zu­schät­zen, ob das Kin­des­wohl durch die Durch­füh­rung des Ver­tei­lungs­ver­fah­rens gefähr­det wür­de und/​oder der Gesund­heits­zu­stand eine Ver­tei­lung aus­schlie­ßen. Die­se Ein­schät­zun­gen dür­fen nicht durch das Gericht vor­ge­nom­men wer­den.

Zudem dürf­te ein Wei­ter­lei­tung heu­te bereits in zeit­li­cher Hin­sicht dar­an schei­tern, dass die­se nach § 42b Abs. 4 Nr. 4 SGB VIII aus­ge­schlos­sen ist, wenn sie nicht inner­halb eines Monats nach der Inob­hut­nah­me erfolgt ist. Im Übri­gen sol­len die Kin­der und Jugend­li­chen mög­lichst in dem Land ver­blei­ben, indem sie vor­läu­fig in Obhut genom­men wor­den sind.

Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin, Urteil vom 8. April 2016 – 15 A 262/​16 As SN

  1. Vgl. dazu BayVGH, Beschluss vom 23.09.2014 – 12 CE 14.1833, 12 C 14.1865 – 14; VG Mün­chen, Gerichts­be­scheid vom 17.04.2015 – M 24 K 14.4797, Rdnr. 21 ff.; VG Schwe­rin, Beschluss vom 23.12 2015 – 3 B 4387/​15; Wies­ner, in: ders., SGB VIII, 5. Aufl.2015, § 42 Rn. 17; Kepert/​Röchling, in: Kun­kel (Hrsg.), SGB VIII, 5. Aufl.2014, § 42 Rn. 44; Tren­c­zek, in: Münder/​Meysen/​Trenczek (Hrsg.), SGB VIII 7. Aufl.2013, § 42 Rn. 15; Marx, AsylVfG, 8. Aufl.2014, § 12 Rn. 26, § 14 Rn. 12; je mwN.[]
  2. BGBl. I S. 1802[]
  3. Vgl. Bruns, in: Hof­mann (Hrsg.), Aus­län­der­recht, 2. Aufl.2016, § 12 Rn. 22; Wies­ner, aaO, § 73 Rn. 42 ff. mwN; dazu Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung BT-Drs. 18/​3160[]
  4. Amt­li­cher Anzei­ger, 2004, S. 2621[]
  5. Amt­li­cher Anzei­ger 2002, S. 817[]
  6. vgl. im Ein­zel­nen die o.g. Anord­nung über Zustän­dig­kei­ten im Aus­län­der- und Asyl­ver­fah­rens­recht[]