Wei­ter­lei­tung von Sen­dun­gen aus dem Aus­land ins Hoheits­ge­biet

Die Wei­ter­lei­tung von Sen­dun­gen in kur­di­scher Spra­che, die Roj TV von Däne­mark aus aus­strahlt, kann Deutsch­land in sei­nem Hoheits­ge­biet nicht ver­hin­dern.

Wei­ter­lei­tung von Sen­dun­gen aus dem Aus­land ins Hoheits­ge­biet

Nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on kann Deutsch­land jedoch die Betä­ti­gung von Roj TV und von Meso­po­ta­mia Broad­cast als Ver­ei­ne in sei­nem Hoheits­ge­biet ver­bie­ten, soweit die Wei­ter­ver­brei­tung die­ser Sen­dun­gen nicht ver­hin­dert wird.

Die Richt­li­nie „Fern­se­hen ohne Gren­zen“ [1] soll die Beschrän­kun­gen der Frei­heit, inner­halb der Uni­on Fern­seh­sen­dun­gen aus­zu­strah­len, auf­he­ben. Die Richt­li­nie bestimmt, dass die Mit­glied­staa­ten dafür zustän­dig sind, für die Recht­mä­ßig­keit der Tätig­keit der in ihrem Hoheits­ge­biet ansäs­si­gen Fern­seh­ver­an­stal­ter zu sor­gen. Sie haben ins­be­son­de­re zu gewähr­leis­ten, dass die Sen­dun­gen nicht zu Hass auf­grund von Ras­se, Geschlecht, Reli­gi­on oder Natio­na­li­tät auf­sta­cheln. Außer­dem kön­nen die Mit­glied­staa­ten nicht die Wei­ter­ver­brei­tung von Sen­dun­gen, die von Fern­seh­ver­an­stal­tern mit Sitz in einem ande­ren Mit­glied­staat aus­ge­strahlt wer­den, in ihrem Hoheits­ge­biet aus Grün­den beschrän­ken, die mit der Auf­sta­che­lung zu Hass in Zusam­men­hang ste­hen; deren Beur­tei­lung ist nach der Richt­li­nie die­sem ande­ren Mit­glied­staat vor­be­hal­ten. Die däni­sche Gesell­schaft Meso­po­ta­mia Broad­cast hält in Däne­mark meh­re­re Fern­seh­li­zen­zen. Sie betreibt den Fern­seh­sen­der Roj TV, eben­falls eine däni­sche Gesell­schaft. Letz­te­rer strahlt über Satel­lit in ganz Euro­pa und im Nahen Osten ein Pro­gramm in vor­wie­gend kur­di­scher Spra­che aus und lässt Sen­de­bei­trä­ge u. a. durch eine in Deutsch­land ansäs­si­ge Gesell­schaft pro­du­zie­ren.

Im Jahr 2008 unter­sag­ten die deut­schen Behör­den Meso­po­ta­mia Broad­cast, sich durch Roj TV in Deutsch­land zu betä­ti­gen, mit der Begrün­dung, die Sen­dun­gen von Roj TV rich­te­ten sich gegen den „Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung“, wie er im deut­schen Ver­fas­sungs­recht fest­ge­legt sei. Der Ver­bots­grund beru­he dar­auf, dass die Pro­gram­me von Roj TV dazu anstif­te­ten, die Inter­es­sen­ge­gen­sät­ze zwi­schen Kur­den und Tür­ken – auch in Deutsch­land – unter Anwen­dung von Gewalt zu ent­schei­den, und die Bemü­hun­gen der PKK (Arbei­ter­par­tei Kur­di­stans, von der Euro­päi­schen Uni­on als ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on ein­ge­stuft) unter­stütz­ten, jun­ge Kur­den für den Gue­ril­la­kampf gegen die Repu­blik Tür­kei zu rekru­tie­ren.

Die bei­den Gesell­schaf­ten haben unter Beru­fung dar­auf, dass auf­grund der Richt­li­nie allein Däne­mark ihre Tätig­keit kon­trol­lie­ren dür­fe, in Deutsch­land gericht­lich die Auf­he­bung die­ses Ver­bots bean­tragt.

Im Wege eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof ent­schei­det nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

So hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (Deutsch­land) dem Gerichts­hof die Fra­ge gestellt, ob die deut­schen Behör­den berech­tigt waren, die Tätig­keit von Meso­po­ta­mia Broad­cast und von Roj TV zu ver­bie­ten. Das deut­sche Gericht möch­te wis­sen, ob der Begriff der Auf­sta­che­lung zu Hass auf­grund von Ras­se, Geschlecht, Reli­gi­on oder Natio­na­li­tät, des­sen Aus­le­gung im vor­lie­gen­den Fall den däni­schen Behör­den vor­be­hal­ten ist, auch Ver­stö­ße gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung umfasst.

Der Gerichts­hof nimmt eine Aus­le­gung des Begriffs der Auf­sta­che­lung zu Hass vor, der mit dem Ziel in die Richt­li­nie auf­ge­nom­men wur­de, jeg­li­che men­schen­ver­ach­ten­de Ideo­lo­gie, ins­be­son­de­re Bestre­bun­gen, Gewalt durch Ter­ror­an­schlä­ge gegen eine bestimm­te Per­so­nen­grup­pe zu ver­herr­li­chen, zu ver­hin­dern. Nach Ansicht des vor­le­gen­den Gerichts tra­gen Meso­po­ta­mia Broad­cast und Roj TV dazu bei, die gewalt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen tür­ki­schen und kur­di­schen Volks­zu­ge­hö­ri­gen in der Tür­kei anzu­hei­zen und die Span­nun­gen zwi­schen den in Deutsch­land leben­den Tür­ken und Kur­den zu erhö­hen. Unter die­sen Umstän­den stellt der Gerichts­hof fest, dass das Ver­hal­ten von Meso­po­ta­mia Broad­cast und von Roj TV, wie es von dem deut­schen Gericht beschrie­ben wird, unter den Begriff der Auf­sta­che­lung zu Hass fällt. Aller­dings betont der Gerichts­hof, dass im vor­lie­gen­den Fall allein die däni­schen Behör­den dafür zustän­dig sind, zu prü­fen, ob die­ses Ver­hal­ten tat­säch­lich eine Auf­sta­che­lung zu Hass dar­stellt, und dafür zu sor­gen, dass in den Sen­dun­gen von Roj TV eine sol­che Auf­sta­che­lung nicht ent­hal­ten ist.

Sodann weist der Gerichts­hof dar­auf hin, dass die Mit­glied­staa­ten Rechts­vor­schrif­ten erlas­sen kön­nen, die der öffent­li­chen Ord­nung die­nen und nicht spe­zi­ell die Aus­strah­lung und Ver­brei­tung von Pro­gram­men betref­fen. Hin­ge­gen sind die Mit­glied­staa­ten nicht berech­tigt, die Wei­ter­ver­brei­tung von Sen­dun­gen aus einem ande­ren Mit­glied­staat in ihrem Hoheits­ge­biet zu beschrän­ken. Inso­weit stellt der Gerichts­hof fest, dass die ange­foch­te­nen Maß­nah­men nach den von der deut­schen Regie­rung über­mit­tel­ten Infor­ma­tio­nen nicht die Wei­ter­ver­brei­tung der von Roj TV ver­an­stal­te­ten Fern­seh­sen­dun­gen in Deutsch­land ver­hin­dern sol­len, son­dern dass damit die Tätig­keit die­ses Fern­seh­sen­ders und von Meso­po­ta­mia Broad­cast in ihrer Eigen­schaft als Ver­ei­ne ver­bo­ten wird.

Vor die­sem Hin­ter­grund sind der Emp­fang und die pri­va­te Nut­zung des Pro­gramms von Roj TV in Deutsch­land nicht ver­bo­ten und tat­säch­lich wei­ter­hin mög­lich. Aller­dings darf sich Roj TV als ver­bo­te­ner Ver­ein in Deutsch­land nicht mehr betä­ti­gen, und auch eine zu sei­nen Guns­ten in Deutsch­land erfol­gen­de Betä­ti­gung ist ver­bo­ten. Folg­lich sind dort ins­be­son­de­re die Pro­duk­ti­on von Sen­dun­gen und die Orga­ni­sa­ti­on von Ver­an­stal­tun­gen, bei denen Sen­dun­gen von Roj TV in einem öffent­li­chen Rah­men, ins­be­son­de­re in einem Sta­di­on, gezeigt wer­den, eben­so wie im deut­schen Hoheits­ge­biet statt­fin­den­de Unter­stüt­zungs­ak­ti­vi­tä­ten ver­bo­ten.

Die Ant­wort des Gerichts­hofs lau­tet daher, dass die gegen­über Meso­po­ta­mia Broad­cast und Roj TV getrof­fe­nen Maß­nah­men grund­sätz­lich kein Hin­der­nis für die Wei­ter­ver­brei­tung der durch Roj TV von Däne­mark aus aus­ge­strahl­ten Pro­gram­me dar­stel­len. Gleich­wohl hat das vor­le­gen­de Gericht zu prü­fen, ob die kon­kre­ten Wir­kun­gen, die sich aus der Ver­bots­ver­fü­gung erge­ben, nicht in der Pra­xis die Wei­ter­ver­brei­tung die­ser Pro­gram­me in Deutsch­land ver­hin­dern.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 22. Sep­tem­ber 2011 – C‑244/​10 und C‑245/​10, Meso­po­ta­mia Broad­cast A/​S METV und Roj TV A/​S/​– Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land

  1. Richt­li­nie 89/​552/​EWG des Rates vom 3. Okto­ber 1989 zur Koor­di­nie­rung bestimm­ter Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Aus­übung der Fern­seh­tä­tig­keit, ABl. L 298, S. 23, in der durch die Richt­li­nie 97/​36/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 30. Juni 1997, ABl. L 202, S. 60, geän­der­ten Fas­sung[]