Wenn das Gebet den Schul­frie­den stört

Ist der Schul­frie­den gefähr­det, ist es kei­nem Schü­ler erlaubt, dass er wäh­rend des Besuchs der Schu­le außer­halb der Unter­richts­zeit ein Gebet ver­rich­tet.

Wenn das Gebet den Schul­frie­den stört

Zu die­ser Ent­schei­dung ist das Bun­des­ver­wal­tungs­amt in einem kon­kre­ten Ein­zel­fall eines Ber­li­ner Schü­lers gelangt: Hier war der Klä­ger, ein Schü­ler eines Gym­na­si­ums in Ber­lin, mus­li­mi­schen Glau­bens. Im Novem­ber 2007 ver­rich­te­te er in der Pau­se zwi­schen zwei Unter­richts­stun­den zusam­men mit Mit­schü­lern auf einem Flur des Schul­ge­bäu­des das Gebet nach isla­mi­schem Ritus. Die Schü­ler knie­ten dabei auf ihren Jacken, voll­zo­gen die nach isla­mi­schem Ritus erfor­der­li­chen Kör­per­be­we­gun­gen und dekla­mier­ten den vor­ge­ge­be­nen Text. Am fol­gen­den Tag wies die Schul­lei­te­rin die Schü­ler dar­auf hin, die Ver­rich­tung eines Gebets wer­de auf dem Schul­ge­län­de nicht gedul­det. Mit Schrei­ben vom sel­ben Tag teil­te sie den Eltern des Klä­gers mit, an der Schu­le sei­en reli­giö­se Bekun­dun­gen nicht erlaubt.

Auf die dar­auf­hin erho­be­ne Kla­ge hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin fest­ge­stellt, dass der Klä­ger berech­tigt sei, wäh­rend des Besuchs des Gym­na­si­ums außer­halb der Unter­richts­zeit ein­mal täg­lich sein isla­mi­sches Gebet zu ver­rich­ten [1]. Auf die Beru­fung des beklag­ten Lan­des Ber­lin hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg die Kla­ge abge­wie­sen [2] .

Die Revi­si­on des Klä­gers blieb erfolg­los. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat aller­dings nicht fest­ge­stellt, dass die Ver­rich­tung eines Gebets in der Schu­le von der Schul­ver­wal­tung gene­rell unter­bun­den wer­den kann. Im Gegen­teil ist ein Schü­ler auf­grund der im Grund­ge­setz garan­tier­ten Glau­bens­frei­heit grund­sätz­lich berech­tigt, außer­halb der Unter­richts­zeit in der Schu­le ein Gebet zu ver­rich­ten, wenn dies einer Glau­bens­re­gel sei­ner Reli­gi­on ent­spricht. Die soge­nann­te nega­ti­ve Glau­bens­frei­heit von Mit­schü­lern und Lehr­kräf­ten ver­pflich­tet und berech­tigt die Schul­ver­wal­tung nicht, sie vor einer Begeg­nung mit frem­den Glau­bens­be­kun­dun­gen, kul­ti­schen Hand­lun­gen und reli­giö­sen Sym­bo­len gänz­lich zu ver­scho­nen. Das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot reli­giö­ser Neu­tra­li­tät des Staa­tes ver­langt eben­falls kei­ne Schu­le, die von jeg­li­chen reli­giö­sen Bezü­gen frei gehal­ten wird. Die Schu­le ist viel­mehr gehal­ten, die welt­an­schau­li­chen und reli­giö­sen Zusam­men­hän­ge unter Berück­sich­ti­gung der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten zu ver­mit­teln, ohne sie in die eine oder ande­re Rich­tung ein­sei­tig zu bewer­ten. Dul­det die Schul­ver­wal­tung die Ver­rich­tung des isla­mi­schen Gebets durch den Klä­ger, liegt dar­in kei­ne ein­sei­ti­ge Bevor­zu­gung des isla­mi­schen Glau­bens oder eine Beein­flus­sung ande­rer im Sin­ne die­ses Glau­bens, die die staat­li­che Neu­tra­li­tät in Fra­ge stel­len könn­ten.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat dann aber für den kon­kre­ten Fall des Klä­gers ent­schie­den, dass hier auf­grund der Ver­hält­nis­se an der von ihm besuch­ten Schu­le die Ver­rich­tung des Gebets auf dem Schul­flur eine bereits ohne­hin bestehen­de Gefahr für den Schul­frie­den erhö­hen konn­te. Damit ist ein Zustand der Kon­flikt­frei­heit und ‑bewäl­ti­gung gemeint, der im Inter­es­se der Ver­wirk­li­chung des staat­li­chen Bil­dungs- und Erzie­hungs­auf­trags den ord­nungs­ge­mä­ßen Unter­richts­ab­lauf ermög­licht. Der Schul­frie­den kann beein­träch­tigt wer­den, wenn ein reli­gi­ös moti­vier­tes Ver­hal­ten eines Schü­lers reli­giö­se Kon­flik­te in der Schu­le her­vor­ruft oder ver­schärft. Nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, an die das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt als Revi­si­ons­ge­richt gebun­den war, waren an der vom Klä­ger besuch­ten Schu­le zwi­schen mus­li­mi­schen Schü­le­rin­nen und Schü­lern teil­wei­se sehr hef­tig Kon­flik­te wegen des Vor­wurfs aus­ge­tra­gen wor­den, nicht den Ver­hal­tens­re­geln gefolgt zu sein, die sich aus einer bestimm­ten Aus­le­gung des Korans ergä­ben. Eben­falls nach den bin­den­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts wür­de sich die­se ohne­hin bestehen­de Kon­flikt­la­ge ver­schär­fen, wenn die Aus­übung reli­giö­ser Riten auf dem Schul­ge­län­de gestat­tet wäre und deut­lich an Prä­senz gewön­ne, wäh­rend erzie­he­ri­sche Mit­tel allein nicht genüg­ten, den zu erwar­ten­den erheb­li­chen Kon­flik­ten aus­rei­chend zu begeg­nen und den Schul­frie­den zu wah­ren. Die Ein­rich­tung eines eige­nen Raums zur Ver­rich­tung des Gebets wür­de nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts die orga­ni­sa­to­ri­schen Mög­lich­kei­ten der Schu­le spren­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. Novem­ber 2011 – 6 C 20.10

  1. VG Ber­lin, Urteil vom 29.09.2009 – 3 A 984.07[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 27.05.2010 -3 B 29.09[]