Wenn die Spei­chel­pro­be zur Daten­spei­che­rung führt

Auch wenn eine Per­son bei der Poli­zei vor der Ent­nah­me einer Spei­chel­pro­be eine schrift­li­che Ein­wil­li­gungs­er­klä­rung unter­schrie­ben hat, reicht die­se Ein­wil­li­gung für sich als Recht­fer­ti­gung für die anschlie­ßen­de Daten­er­he­bung und Daten­ver­ar­bei­tung nicht aus. Viel­mehr muss die Poli­zei vor der Ent­nah­me der Spei­chel­pro­be deren mate­ri­el­le Recht­mä­ßig­keits­vor­aus­set­zun­gen gemäß § 81g StPO prü­fen. Maß­ge­bend ist dabei, ob auf der Basis der zu dem Zeit­punkt zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen eine hin­rei­chend ver­läss­li­che Pro­gno­se erstellt wer­den kann, dass der Betrof­fe­ne zukünf­tig vor­aus­sicht­lich Straf­ta­ten von erheb­li­chem Gewicht im Sin­ne des § 81g StPO bege­hen wird. Mit einer blo­ßen Auf­lis­tung der bis dahin poli­zei­lich bekannt gewor­de­nen Tat­vor­wür­fe gegen den Betrof­fe­nen darf sich die Poli­zei nicht begnü­gen, son­dern muss die dazu gehö­ren­den Ermitt­lungs­ak­ten bei­zie­hen, sich­ten und bewer­ten.

Wenn die Spei­chel­pro­be zur Daten­spei­che­rung führt

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Kla­ge eines Bür­gers statt­ge­ge­ben, der die Löschung des über ihn in der DNA-Ana­ly­se­da­tei des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes gespei­cher­ten Daten­sat­zes (DNa-Iden­ti­fi­zie­rungs­mus­ter) begehrt hat.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Han­no­ver sei bereits die im Jahr 2007 ver­an­lass­te Daten­er­he­bung und nach­fol­gen­de Daten­spei­che­rung rechts­wid­rig gewe­sen. Zwar habe der Klä­ger sei­ner­zeit bei der Poli­zei vor der Ent­nah­me der Spei­chel­pro­be, aus der die Daten gewon­nen wur­den, eine schrift­li­che Ein­wil­li­gungs­er­klä­rung unter­schrie­ben. Die­se Ein­wil­li­gung rei­che aber für sich als Recht­fer­ti­gung für die anschlie­ßen­de Daten­er­he­bung und ‑ver­ar­bei­tung nicht aus. Viel­mehr müs­se die Poli­zei in einem sol­chen Fall vor der Ent­nah­me der Spei­chel­pro­be deren mate­ri­el­le Recht­mä­ßig­keits­vor­aus­set­zun­gen gemäß § 81g StPO mit der erfor­der­li­chen Sorg­falt und Inten­si­tät anhand der in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dafür auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en prü­fen. Dabei kom­me es dar­auf an, ob auf der Basis der zu dem Zeit­punkt zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen eine hin­rei­chend ver­läss­li­che Pro­gno­se erstellt wer­den kön­ne, dass der Betrof­fe­ne zukünf­tig vor­aus­sicht­lich Straf­ta­ten von erheb­li­chem Gewicht im Sin­ne des § 81g StPO bege­hen wer­de. Im vor­lie­gen­den Fall sei vor der Ent­nah­me der Spei­chel­pro­be eine sol­che Pro­gno­se gar nicht erstellt wor­den.

Aber auch die im Fal­le des Klä­gers nach­träg­lich erstell­te Pro­gno­se wer­de die­sen Anfor­de­run­gen nicht gerecht. Gera­de weil kon­kre­ter Anlass für die Ent­nah­me der Spei­chel­pro­be beim Klä­ger nicht eine ein­zi­ge Tat von erheb­li­chem Gewicht son­dern die Sum­me der bis dahin bekannt gewor­de­nen Vor­fäl­le war, hät­te die pro­gnos­ti­sche Bewer­tung, er wer­de zukünf­tig vor­aus­sicht­lich der­ar­ti­ge Taten bege­hen, einer inten­si­ven Begrün­dung bedurft und sich nicht in stan­dar­di­sier­ten For­mu­lie­run­gen erschöp­fen dür­fen. Die Poli­zei habe sich nicht mit einer blo­ßen Auf­lis­tung der bis dahin poli­zei­lich bekannt gewor­de­nen Tat­vor­wür­fe gegen den Klä­ger begnü­gen dür­fen, son­dern sie hät­te die dazu gehö­ren­den Ermitt­lungs­ak­ten bei­zie­hen, sich­ten und bewer­ten müs­sen.

Es sei zudem ins­be­son­de­re nicht erkenn­bar, dass die Poli­zei sich, wie vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gefor­dert, mit dem Umstand aus­ein­an­der­ge­setzt gehabt habe, dass der Klä­ger in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit vor der Ent­nah­me der Spei­chel­pro­be aus einer Straf­haft ent­las­sen wor­den war und ob das auf Grund einer güns­ti­gen Sozi­al­pro­gno­se gesche­hen sei.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2013 – 10 A 2028/​11