Wider­ruf einer Erle­di­gungs­er­klä­rung

Eine Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens nach § 153 Abs. 1 VwGO in Ver­bin­dung mit §§ 578ff. ZPO schei­det im Hin­blick auf Ein­stel­lungs­be­schlüs­se nach über­ein­stim­men­den Haupt­sa­cheer­le­di­gungs­er­klä­run­gen aus.

Wider­ruf einer Erle­di­gungs­er­klä­rung

Nach § 153 Abs. 1 VwGO kann ein rechts­kräf­tig been­de­tes Ver­fah­ren nach den Vor­schrif­ten des Vier­ten Buches der Zivil­pro­zess­ord­nung (ZPO wie­der­auf­ge­nom­men wer­den. Zwar setzt § 578 Abs. 1 ZPO sei­nem Wort­laut nach vor­aus, dass das Ver­fah­ren, wel­ches wie­der­auf­ge­nom­men wer­den soll, durch rechts­kräf­ti­ges End­ur­teil abge­schlos­sen wur­de. Es ent­spricht aber all­ge­mei­ner Auf­fas­sung, dass über den Wort­laut die­ser von ande­ren Pro­zess­ord­nun­gen eben­falls in Bezug genom­me­nen Bestim­mung hin­aus auch ver­fah­rens­be­en­den­de Beschlüs­se der Wie­der­auf­nah­me unter­lie­gen [1]. Die ent­spre­chen­de Anwen­dung der Wie­der­auf­nah­me­vor­schrif­ten auf ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Beschlüs­se recht­fer­tigt sich des­halb, weil Män­gel im Sin­ne der §§ 578, 579 ZPO auch in Ver­fah­ren auf­tre­ten kön­nen, die durch Beschluss been­det wer­den, so dass auch in die­sen Fäl­len wegen des Gewichts der gesetz­lich gere­gel­ten Nich­tig­keits- und Resti­tu­ti­ons­grün­de die Mög­lich­keit bestehen muss, aus­nahms­wei­se einen nicht mehr anfecht­ba­ren Beschluss auf­he­ben zu kön­nen [2]. Außer­dem setzt die Ver­wei­sungs­vor­schrift des § 153 VwGO ledig­lich vor­aus, dass es sich um ein rechts­kräf­tig been­de­tes "Ver­fah­ren" han­delt [3]. Im Unter­schied zum Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren gegen ein rechts­kräf­ti­ges Urteil wird das Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren gegen einen Beschluss nach ein­hel­li­ger Auf­fas­sung aller­dings nicht durch Kla­ge, son­dern durch einen Antrag eröff­net, über den durch Beschuss zu ent­schei­den ist [4].

Indes ist ein ver­fah­rens­be­en­den­der Beschluss im Sin­ne der zitier­ten Recht­spre­chung und Lite­ra­tur nicht schon dann gege­ben, wenn die­ser Beschluss unan­fecht­bar ist, wie dies beim Ein­stel­lungs­be­schluss nach Erle­di­gung der Haupt­sa­che in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 92 Abs. 3 Satz 2 VwGO und hin­sicht­lich der nach § 161 Abs. 2 VwGO zu tref­fen­den Kos­ten­ent­schei­dung gemäß § 158 Abs. 2 VwGO der Fall ist. Erfor­der­lich ist viel­mehr eine Ent­schei­dung, wel­che das gericht­li­che Ver­fah­ren rechts­kräf­tig abschließt [5], d. h. der Beschluss muss auf einer Sach­prü­fung beru­hen und ein Ver­fah­ren kon­sti­tu­tiv been­den [6], mit­hin der mate­ri­el­len Rechts­kraft fähig sein [7]. Dies ergibt sich aus dem Ziel der Wie­der­auf­nah­me­vor­schrif­ten, näm­lich der Besei­ti­gung eines rechts­kräf­ti­gen Urteils bzw. Beschlus­ses sowie der Neu­ver­hand­lung und Neu­ent­schei­dung der Sache [8]. Eine neue (Sach-)Entscheidung setzt aber vor­aus, dass auch die Ent­schei­dung, deren Auf­he­bung begehrt wird, auf einer Sachprüfung/​Sachentscheidung beruht; in mate­ri­el­ler Rechts­kraft erwächst nur die Ent­schei­dung des Gerichts über den Streit­ge­gen­stand [9].

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze hal­ten Recht­spre­chung und Lite­ra­tur die §§ 578 ff. ZPO für ent­spre­chend anwend­bar bei sog. urteils­ver­tre­ten­den Beschlüs­sen – also Beschlüs­sen, durch die die Beru­fung ver­wor­fen oder zurück­ge­wie­sen wird – [10], aber auch bei Beschlüs­sen, mit denen die Zulas­sung der Beru­fung abge­lehnt [11] oder die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on zurück­ge­wie­sen wur­de [12].

Wie bei der Rück­nah­me­er­klä­rung ent­zie­hen bereits die über­ein­stim­men­den Erle­di­gungs­er­klä­run­gen der Betei­lig­ten dem Ver­fah­ren den Streit­ge­gen­stand; anhän­gig bleibt es nur wegen der Kos­ten­ent­schei­dung [13]; der in ana­lo­ger Anwen­dung des § 92 Abs. 3 Satz 1 VwGO erge­hen­de Ein­stel­lungs­be­schluss stellt die ein­ge­tre­te­ne Ver­fah­rens­be­en­di­gung ledig­lich dekla­ra­to­risch fest [14]. Die nach § 161 Abs. 2 Satz 1 VwGO zu tref­fen­de Kos­ten­ent­schei­dung erwächst nicht in mate­ri­el­ler Rechts­kraft; sie beinhal­tet kei­ne Sach­prü­fung, son­dern stellt eine Bil­lig­keits­ent­schei­dung unter Berück­sich­ti­gung des bis­he­ri­gen Sach- und Streit­stan­des dar. Dem­entspre­chend schei­det im Hin­blick auf Ein­stel­lungs­be­schlüs­se nach über­ein­stim­men­den Haupt­sa­cheer­le­di­gungs­er­klä­run­gen eine Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens nach § 153 Abs. 1 VwGO in Ver­bin­dung mit §§ 578ff. ZPO aus [15].

Die­se Rechts­auf­fas­sung steht bereits des­halb nicht im Wider­spruch zu der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, weil die­se einen urteils­ver­tre­ten­den Beschluss – näm­lich einen Beschluss des Bun­des­fi­nanz­hofs nach §§ 115 Abs. 3, 132 FGO, wel­cher die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on durch das Finanz­ge­richt als unbe­grün­det zurück­ge­wie­sen hat­te – betraf [16].

Dass ein Wie­der­auf­nah­me­an­trag nach §§ 153 VwGO, 578ff. ZPO aus­schei­det, bedeu­tet indes nicht, dass sich die Pro­zess­be­tei­lig­ten an ihrer Erle­di­gungs­er­klä­rung aus­nahms­los fest­hal­ten las­sen müss­ten. In der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ist viel­mehr aner­kannt, dass Pro­zess­hand­lun­gen unter bestimm­ten Umstän­den wider­ru­fen wer­den kön­nen, und dass ein Wider­ruf ins­be­son­de­re in Betracht kommt, wenn ein Resti­tu­ti­ons­grund im Sin­ne des § 580 ZPO vor­liegt [17]. Denn lässt der Gesetz­ge­ber es nach Maß­ga­be der §§ 153 VwGO, 578ff. ZPO aus­drück­lich zu, sich selbst von der Bin­dung an ein rechts­kräf­ti­ges Urteil zu lösen, so ent­spricht es sei­nem Rege­lungs­wil­len, die von ihm gezo­ge­nen Kon­se­quen­zen unter den in § 580 ZPO genann­ten Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen auch dann zu zie­hen, wenn ein Ver­fah­ren ander­wei­tig been­det wor­den ist.

Ein sol­cher Wider­ruf ist jedoch erst­in­stanz­lich nicht erklärt wor­den; viel­mehr hat sich die Klä­ge­rin, wel­che Juris­tin ist, aus­drück­lich dar­auf beru­fen, dass eine Wie­der­auf­nah­me­kla­ge gegen einen Ein­stel­lungs­be­schluss nach über­ein­stim­men­den Haupt­sa­cheer­le­di­gungs­er­klä­run­gen im Hin­blick auf die kon­sti­tu­ti­ve Kos­ten­ent­schei­dung statt­haft sei. Das­sel­be gilt für das Zulas­sungs­ver­fah­ren, in dem sich die Klä­ge­rin durch einen eme­ri­tier­ten Rechts­leh­rer an einer staat­li­chen Hoch­schu­le mit der Befä­hi­gung zum Rich­ter­amt ver­tre­ten lässt.

Nie­der­säch­si­ches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 5. Sep­tem­ber 2014 – 5 LA 57/​14

  1. BVerfG, Beschluss vom 22.01.1992 – 2 BvR 40/​92 6; Beschluss vom 09.06.1993 – 1 BvR 380/​93 5; BVerwG, Beschluss vom 26.03.1997 – BVerwG 5 A 1.97 (5 PKH 14.97) 2; BSG, Beschluss vom 23.04.2014 – B 14 AS 368/​13 B 5; OVG NRW, Beschluss vom 18.12.2002 – 21 A 4534/​02 5; Bader, in: Bader u. a., VwGO, 5. Auf­la­ge 2011, § 153 Rn. 2; Kopp/​Schenke, VwGO, 18. Auf­la­ge 2012, § 153 Rn. 5; Guckel­ber­ger, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. Auf­la­ge 2010, § 153 Rn. 10[]
  2. vgl. BVerwG, Beschluss vom 30.09.1958 – BVerwG 1 A 19.57 III, NJW 1959, 117, 117f.[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 26.03.1997, a. a. O., Rn. 2[]
  4. vgl. etwa BVerfG, Beschluss vom 22.01.1992, a. a. O., Rn. 6; BVerwG, Beschluss vom 11.05.1960 – BVerwG 5 A 1.58, DVBl 1960, 641, 642; Beschluss vom 26.03.1997, a. a. O., Rn. 2[]
  5. BVerwG, Beschluss vom 30.05.1958, a. a. O., Rn. 117, 118; BAG, Beschluss vom 11.01.1995 – 4 AS 24/​94 11; Hamb. OVG, Beschluss vom 16.01.2006 – 4 Bf 435/​03 6[]
  6. OVG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 13.03.2000 – A 2 S 323/​9920; Mey­er-Lade­wi­g/­Ru­di­si­le, in: Scho­ch u. a., VwGO, Stand: März 2014, § 153 Rn. 5f.[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 22.01.1992, a. a. O., Rn. 6; BGH, Beschluss vom 08.05.2006 – II ZB 10/​05 5[]
  8. Kopp/​Schenke, a. a. O., § 153 Rn. 1[]
  9. Renert, in: Eyer­mann, VwGO, 14. Auf­la­ge 2014, § 121 Rn.19[]
  10. vgl. etwa BGH, Urteil vom 29.07.2010 – Xa ZR 118/​09 11; Guckel­ber­ger, a. a. O., § 153 Rn. 11[]
  11. Hamb. OVG, Beschluss vom 16.01.2006, a. a. O., Rn. 6; Redeker/​von Oert­zen, VwGO, 15. Auf­la­ge 2010, § 153 Rn. 5; vgl. auch Nds. OVG, Beschluss vom 24.05.2005 – 2 PS 225/​05[]
  12. BVerfG, Beschluss vom 22.01.1992, a. a. O., Rn. 6; BVerwG, Beschluss vom 11.05.1960, a. a. O., 641, 642; Beschluss vom 26.03.1997, a. a. O., Rn. 2; BAG, Beschluss vom 12.09.2012 – 5 AZN 1743/​12 (F) 3[]
  13. OVG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 13.03.2000 – A 2 S 323/​99 21[]
  14. Kopp/​Schenke, a. a. O., § 161 Rn. 15[]
  15. BayVGH, Urteil vom 06.11.2008 – 13 A 08.2579 24; Urteil vom 29.01.2009 – 13 A 08.1688 25; Beschluss vom 08.08.2011 – 13a B 10.30362 7; OVG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 13.03.2000, a. a. O., Rn.20, 25; Guckel­ber­ger, a. a. O., § 153 Rn. 11; a. Auff. offen­bar Baum­bach u. a., ZPO, 72. Auf­la­ge 2014, Grundz § 578 Rn. 12[]
  16. BVerfG, Beschluss vom 22.01.1992, a. a. O., Rn. 6[]
  17. BVerwG, Beschluss vom 07.08.1998 BVerwG 4 B 75.98 3 m. w. Nw.; eben­so BayVGH, Urteil vom 06.11.2008, a. a. O., Rn. 25; Urteil vom 29.01.2009, a. a. O., Rn. 26; Beschluss vom 08.08.2011, a. a. O., Rn. 8; Ren­nert, a. a. O., § 153 Rn. 2[]