Wochen­end­haus in der Wald­sied­lung

Auf der Grund­la­ge des § 9 Abs. 1 Nr. 18 Buchst. b Bau­GB kön­nen in einem aus­ge­wie­se­nen Wald­ge­biet nur Flä­chen für bau­li­che Nut­zun­gen fest­ge­setzt wer­den, die mit den Funk­tio­nen des Wal­des (Nutz‑, Schutz‑, Erho­lungs­funk­ti­on) ver­bun­den sind und ihnen die­nen. Wohn- und Wochen­end­haus­nut­zun­gen erfül­len die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht. Sie kön­nen auch nicht nach § 1 Abs. 10 BauN­VO (direkt oder ana­log) zuge­las­sen wer­den.

Wochen­end­haus in der Wald­sied­lung

Die Gemein­de bestimmt durch den Bebau­ungs­plan Inhalt und Schran­ken des im Plan­be­reich gele­ge­nen Grund­ei­gen­tums. Hier­für bedarf sie gemäß Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG einer gesetz­li­chen Grund­la­ge. Sie ist in § 9 Bau­GB und den ergän­zen­den Vor­schrif­ten der nach § 9a Bau­GB (und den ihm ent­spre­chen­den frü­he­ren Rege­lun­gen) erlas­se­nen Bau­nut­zungs­ver­ord­nung ent­hal­ten. Durch sie wird der fest­set­zungs­fä­hi­ge Inhalt eines Bebau­ungs­plans abschlie­ßend gere­gelt1.

Auf § 9 Abs. 1 Nr. 18 Buchst. b Bau­GB, der Rechts­grund­la­ge für § 1 des Bebau­ungs­plans, lässt sich eine Rege­lung in einem Bebau­ungs­plan, die auch Wochen­end­häu­ser zulässt, nicht stüt­zen. § 9 Abs. 1 Nr. 18 Buchst. b Bau­GB nimmt mit dem Begriff „Wald“ Bezug auf die Begriffs­be­stim­mung in § 2 BWaldG2. § 2 Abs. 1 Satz 1 BWaldG defi­niert als Wald jede mit Forst­pflan­zen bestock­te Grund­flä­che. Nach § 2 Abs. 1 Satz 2 BWaldG gel­ten als Wald auch kahl­ge­schla­ge­ne oder ver­lich­te­te Grund­flä­chen, Wald­we­ge, Wald­ein­tei­lungs- und Siche­rungs­strei­fen, Wald­blö­ßen und Lich­tun­gen, Wald­wie­sen, Wild­ä­sungs­plät­ze, Holz­la­ger­plät­ze sowie wei­te­re mit dem Wald ver­bun­de­ne und ihm die­nen­de Flä­chen. Da die Art der bau­li­chen Nut­zung nicht nur durch die Fest­set­zung von Bau­ge­bie­ten im Sin­ne des § 1 Abs. 2 BauN­VO, son­dern auch durch Fest­set­zun­gen auf­grund ein­zel­ner Tat­be­stän­de des § 9 Abs. 1 Bau­GB bestimmt wer­den kann3, dür­fen gemäß § 9 Abs. 1 Nr. 18 Buchst. b Bau­GB in einem Wald­ge­biet auch Flä­chen für bau­li­che Nut­zun­gen fest­ge­setzt wer­den, die im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Satz 2 BWaldG mit dem Wald ver­bun­den sind und ihm die­nen. Die Fest­set­zung von Flä­chen für eine Bebau­ung, die mit der Zweck­be­stim­mung „Wald“ nicht über­ein­stimmt, ist dage­gen von § 9 Abs. 1 Nr. 18 Buchst. b Bau­GB nicht gedeckt4. Für die Aus­wei­sung von Wald gilt inso­weit nichts ande­res als für die Aus­wei­sung von Flä­chen für die Land­wirt­schaft nach § 9 Abs. 1 Nr. 18 Buchst. a Bau­GB, die dazu dient, die Flä­chen für eine land­wirt­schaft­li­che Nut­zung zu sichern und damit zugleich land­wirt­schafts­frem­de Nut­zun­gen aus­zu­schlie­ßen5.

Die Fest­set­zung von Flä­chen für Wohn­be­bau­ung ist mit der Zweck­be­stim­mung „Wald“ unver­ein­bar. Glei­ches gilt für Wochen­end­häu­ser, auch wenn der Wald nach § 1 BWaldG neben der Nutz­funk­ti­on für die Forst­wirt­schaft und der Schutz­funk­ti­on für ver­schie­de­ne Natur­gü­ter auch Erho­lungs­funk­ti­on für die Bevöl­ke­rung hat (vgl. § 1 Nr. 1 BWaldG). Wochen­end­häu­ser die­nen nicht dem Erho­lungs­in­ter­es­se der All­ge­mein­heit, son­dern den indi­vi­du­el­len Erho­lungs­wün­schen ihrer Nut­zer.

§ 1 Abs. 10 BauN­VO ist eben­falls kei­ne taug­li­che Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für die die Zuläs­sig­keit von Wochen­end­häu­sern rege­len­den Fest­set­zun­gen im Bebau­ungs­plan. So lässt sich § 1 Abs. 10 BauN­VO nicht mit § 9 Abs. 1 Nr. 18 Buchst. b Bau­GB „kom­bi­nie­ren“. Erwei­te­run­gen, Ände­run­gen, Nut­zungs­än­de­run­gen und Erneue­run­gen vor­han­de­ner Fremd­kör­per dür­fen nach § 1 Abs. 10 BauN­VO im Bebau­ungs­plan zuge­las­sen wer­den, wenn sie bei Fest­set­zung eines Bau­ge­biets nach den §§ 2 bis 9 BauN­VO in über­wie­gend bebau­ten Gebie­ten unzu­läs­sig wären. Die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt ein fest­ge­setz­tes Wald­ge­biet schon des­halb nicht, weil es kein Bau­ge­biet nach den §§ 2 bis 9 BauN­VO ist. Dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist des­halb dar­in bei­zu­pflich­ten, dass sich die Antrags­geg­ne­rin mit ihrer Fest­set­zungs­tech­nik außer­halb der Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge des § 1 Abs. 10 BauN­VO bewegt.

Aus dem Beschluss des Senats vom 10.10.20056 ergibt sich nichts Gegen­tei­li­ges. Die dar­in ent­hal­te­ne Aus­sa­ge, die Zuläs­sig­keit von Fest­set­zun­gen über das Maß der bau­li­chen Nut­zung nach den §§ 16 ff. BauN­VO sei nicht auf Bebau­ungs­plä­ne zu beschrän­ken, die ein Bau­ge­biet im Sin­ne der Bau­nut­zungs­ver­ord­nung aus­wei­sen, son­dern gel­te auch für Bebau­ungs­plä­ne, die die Art der bau­li­chen Nut­zung auf­grund ein­zel­ner Rege­lun­gen des § 9 Abs. 1 Bau­GB bestim­men, ist auf § 1 Abs. 10 BauN­VO nicht über­trag­bar. Wäh­rend sich eine Beschrän­kung der Vor­schrif­ten über das Maß der bau­li­chen Nut­zung auf Bau­ge­bie­te im Sin­ne der Bau­nut­zungs­ver­ord­nung weder aus § 9 Abs. 1 Nr. 1 Bau­GB noch aus den §§ 16 ff. BauN­VO her­lei­ten lässt, ist der Anwen­dungs­be­reich des § 1 Abs. 10 BauN­VO nach dem unmiss­ver­ständ­li­chen Wort­laut auf Bau­ge­biets­fest­set­zun­gen nach den §§ 2 bis 9 BauN­VO beschränkt.

Eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 1 Abs. 10 BauN­VO auf aus­ge­wie­se­ne Wald­ge­bie­te schei­tert bereits am Feh­len einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke. Die Beschrän­kung auf Bau­ge­bie­te im Sin­ne der §§ 2 bis 9 BauN­VO ent­spricht dem Wil­len des Ver­ord­nungs­ge­bers. Nach sei­ner Ein­schät­zung ist die Auf­stel­lung von Bebau­ungs­plä­nen in Bestands­ge­bie­ten für die Innen­ent­wick­lung von erheb­li­cher Bedeu­tung. Weil sich die vor­han­de­nen Struk­tu­ren oft anders ent­wi­ckelt haben, als Bau­ge­biets­vor­schrif­ten dies im Ergeb­nis vor­se­hen (Gemenge­la­gen), hat er mit § 1 Abs. 10 BauN­VO eine Rege­lung erlas­sen, die es erlaubt, mit der Fest­set­zung eines Bau­ge­biets auch Fest­set­zun­gen zuguns­ten bau­li­cher Nut­zun­gen zu ver­bin­den, die nach der Bau­ge­biets­vor­schrift nicht vor­ge­se­hen sind7. Der Ver­ord­nungs­ge­ber will den erwei­ter­ten Bestands­schutz nicht auch bau­li­chen „Fremd­kör­pern“ zuteil wer­den las­sen, die in Gebie­ten ste­hen, für die das Bau­ge­setz­buch und die Bau­nut­zungs­ver­ord­nung im Grund­satz kei­ne bau­li­che Nut­zung vor­se­hen. Der Senat ver­kennt nicht, dass die Pla­nung der Antrags­geg­ne­rin zur Ent­schär­fung eines städ­te­bau­li­chen Miss­stan­des und zum Rechts­frie­den bei­getra­gen haben mag. Die­ser Umstand sowie die – unter­stellt rich­ti­ge – Ein­schät­zung der Antrags­geg­ne­rin, dass die Über­pla­nung von „Wald­sied­lun­gen“ städ­te­bau­lich nicht befrie­di­gend gere­gelt ist, recht­fer­ti­gen es indes nicht, die Vor­aus­set­zun­gen zu erwei­tern, unter denen § 1 Abs. 10 BauN­VO ent­spre­chend ange­wandt wer­den kann.

Die Fest­set­zung in dem Bebau­ungs­plan lässt sich schließ­lich nicht auf § 9 Abs. 1 Nr. 1 Bau­GB stüt­zen. Art der bau­li­chen Nut­zung im Sin­ne der Vor­schrift ist nur die all­ge­mein­ge­biet­li­che Nut­zungs­wei­se, wie sie in § 1 Abs. 2 BauN­VO – abschlie­ßend – bestimmt ist8. § 9 Abs. 1 Nr. 1 Bau­GB ermäch­tigt nicht dazu, eigen­stän­di­ge Arten der bau­li­chen Nut­zung zu „erfin­den“.

Zu Fest­set­zun­gen, die nicht auf § 9 Bau­GB oder auf die Bau­nut­zungs­ver­ord­nung gestützt wer­den kön­nen, ist die Gemein­de nicht ermäch­tigt9. Die­se Rechts­fol­ge über­spielt das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, indem es die – behaup­te­te – Ver­ein­bar­keit von Fest­set­zun­gen mit dem „Typen­zwang“ offen­sicht­lich als Ersatz für die feh­len­de Rechts­grund­la­ge ansieht. Das Gericht misst dem Typen­zwang eine Bedeu­tung bei, die er nicht hat. Der Typen­zwang nötigt zwar nicht dazu, in den Bebau­ungs­plä­nen regel­mä­ßig oder vor­ran­gig Bau­ge­bie­te ent­spre­chend den Bau­ge­biets­ty­pen der Bau­nut­zungs­ver­ord­nung fest­zu­set­zen. Er ver­langt aber, dass sich die gemeind­li­che Bau­leit­pla­nung des gesetz­lich zur Ver­fü­gung gestell­ten Instru­men­ta­ri­ums bedient10, und erlaubt nicht, wie dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt vor­zu­schwe­ben scheint, Nut­zungs­ar­ten auch ohne gesetz­li­che Grund­la­ge zu kom­bi­nie­ren, wenn sie – wie hier aller­dings nicht – städ­te­bau­lich mit­ein­an­der ver­träg­lich sind.

Die Unwirk­sam­keit die­ser Fest­set­zung des Bebau­ungs­plans führt dazu, dass der Bebau­ungs­plan ins­ge­samt unwirk­sam ist. Die Aus­wei­sung des Plan­ge­biets allein als Wald, wie in § 1 des Bebau­ungs­plans gere­gelt, ohne die in § 2 zuge­las­se­ne Bebau­ung ent­spricht nicht dem Pla­nungs­wil­len der Antrags­geg­ne­rin, die sich das Ziel gesetzt hat, im gere­gel­ten Umfang die Exis­tenz von Wohn- und Wochen­end­häu­sern recht­lich zu sichern. In der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Senat hat der Ver­tre­ter der Antrags­geg­ne­rin noch­mals her­vor­ge­ho­ben, dass es ihr dar­um gehe, die Anwoh­ner, die zum Teil schon meh­re­re Jahr­zehn­te im Plan­ge­biet leben, „aus der Ille­ga­li­tät zu holen“. Ohne Rege­lung zum Bestands­schutz vor­han­de­ner bau­li­cher Anla­gen, die auch „Schwarz­bau­ten“ erfasst, ist der Pla­nung der Antrags­geg­ne­rin die Grund­la­ge ent­zo­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. Okto­ber 2011 – 4 CN 7.10

  1. BVerwG, Beschlüs­se vom 15.08.1991 – 4 N 1.89, Buch­holz 406.12 § 1 BauN­VO Nr. 14, vom 25.08.1997 – 4 BN 4.97, Buch­holz 406.11 § 1 Bau­GB Nr. 94; und vom 17.12.1998 – 4 NB 4.97 – BRS 60 Nr.20
  2. BR-Drucks 575/​85 S. 68 zu Dop­pel­buch­sta­be dd ; Bra­cher, in: Bracher/​Gelzer/​Reidt, Bau­pla­nungs­recht, 7. Aufl.2004, Rn. 310
  3. BVerwG, Beschlüs­se vom 23.12.1997 – 4 BN 23.97, Buch­holz 406.11 § 9 Bau­GB Nr. 86 und vom 10.10.2005 – 4 B 56.05, Buch­holz 406.11 § 9 Bau­GB Nr. 102
  4. Gaent­zsch, in: Ber­li­ner Kom­men­tar zum Bau­GB, Stand Mai 2011, § 9 Rn. 47
  5. BVerwG, Beschluss vom 17.12.1998 a.a.O.
  6. BVerwG, a.a.O.
  7. BR-Drucks 354/​89 S. 24
  8. BVerwG, Beschluss vom 15.08.1991 – 4 N 1.89, Buch­holz 406.12 § 1 BauN­VO Nr. 14
  9. Beschluss vom 23.12.1997 a.a.O.
  10. BVerwG, Beschluss vom 23.12.1997 a.a.O.