Zeu­gen Jeho­vas – und ihre ört­li­chen Ver­ei­ne

Die kir­chen­ge­setz­li­chen Rege­lun­gen von "Jeho­vas Zeu­gen in Deutsch­land KdöR" über die Ein­glie­de­rung der ört­li­chen Ver­ei­ne in die öffent­lich-recht­li­che Kör­per­schaft sind nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs unwirk­sam.

Zeu­gen Jeho­vas – und ihre ört­li­chen Ver­ei­ne

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ver­letz­te sich im Okto­ber 2003 die Ver­si­che­rungs­neh­me­rin der Klä­ge­rin in dem damals im Eigen­tum des Beklag­ten ste­hen­den "König­reichs­saal" schwer. Die Klä­ge­rin ver­langt des­halb von ihm aus über­ge­gan­ge­nem Recht Scha­dens­er­satz wegen einer Ver­let­zung der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht.

Der Beklag­te ist eine ört­li­che Unter­glie­de­rung des deut­schen Zweigs der Glau­bens­ge­mein­schaft Jeho­vas Zeu­gen. Der deut­sche Zweig der Glau­bens­ge­mein­schaft war ursprüng­lich als "Jeho­vas Zeu­gen in Deutsch­land e.V." orga­ni­siert, der Beklag­te als "Jeho­vas Zeu­gen, Ver­samm­lung Ö. e.V.". Am 13. Juni 2006 wur­den dem Ver­ein "Jeho­vas Zeu­gen in Deutsch­land e.V." vom Land Ber­lin die Rech­te einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts ver­lie­hen. Die­se nun­mehr öffent­lich-recht­li­che Kör­per­schaft erließ am 8. Juli 2006 ein Über­gangs­ge­setz, in dem gere­gelt ist, dass die bestehen­den Ver­samm­lun­gen mit der Ver­lei­hung der Kör­per­schafts­rech­te reli­gi­ons­recht­lich selb­stän­di­ge Unter­glie­de­run­gen des öffent­li­chen Rechts sind, deren Eigen­tum ihnen zuge­ord­net bleibt und von ihnen ver­wal­tet wird. Spä­ter stell­te sie in § 5 Abs. 4 Sta­tus­rechts­ge­setz in der Fas­sung vom 27. Mai 2009 klar, dass die reli­gi­ons­recht­lich selb­stän­di­gen Glie­de­run­gen grund­sätz­lich nicht über eine eige­ne Rechts­per­sön­lich­keit im staat­li­chen Recht ver­fü­gen. Am 12. Dezem­ber 2007 lösch­te das Amts­ge­richt den Beklag­ten aus dem Ver­eins­re­gis­ter.

Im Dezem­ber 2010 hat die Klä­ge­rin gegen den Ver­ein "Jeho­vas Zeu­gen, Ver­samm­lung Ö. e.V." Kla­ge erho­ben. Die Kla­ge war erst­in­stanz­lich vor dem Land­ge­richt Heil­bronn erfolg­reich 1. Dage­gen hat auf die Beru­fung des Beklag­ten das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart das Urteil des Land­ge­richts Heil­bronn auf­ge­ho­ben und die Kla­ge als unzu­läs­sig abge­wie­sen, da der beklag­te Ver­ein im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung nicht mehr exis­tiert habe 2. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Klä­ge­rin hat­te vor dem Bun­des­ge­richts­hof Erfolg:

Der Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­te den beklag­ten Ver­ein als recht­lich noch exis­tent, so dass er auch ver­klagt wer­den kann. Das von der Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts "Jeho­vas Zeu­gen in Deutsch­land" erlas­se­ne Kir­chen­ge­setz hat man­gels hin­rei­chen­der Klar­heit des­sen recht­li­che Exis­tenz nicht been­det.

Zwar kann eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, die den Sta­tus einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts erlangt hat, in Aus­übung ihres Selbst­be­stim­mungs­rechts (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Satz 1 und Abs. 5 WRV) in ihrer Grün­dungs­pha­se durch Kir­chen­ge­setz einen zu der Gemein­schaft gehö­ren­den pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­ten Ver­ein in die Kör­per­schaft ein­glie­dern und damit des­sen eigen­stän­di­ge recht­li­che Exis­tenz been­den. Dies erfor­dert jedoch ein – im Amts­blatt der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft zu ver­öf­fent­li­chen­des – hin­rei­chend kla­res Gesetz der Kör­per­schaft, in wel­chem Gesamt­rechts­nach­fol­ge ange­ord­net, der ein­zu­glie­dern­de Ver­ein benannt und der Zeit­punkt des Wirk­sam­wer­dens der Ein­glie­de­rung ein­deu­tig gere­gelt ist. Zudem muss sich der Ver­ein der Rege­lungs­be­fug­nis der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft hin­sicht­lich einer Ein­glie­de­rung und einer damit ver­bun­de­nen Ver­mö­gens­über­tra­gung unter­wor­fen haben.

Das von der Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts "Jeho­vas Zeu­gen in Deutsch­land" erlas­se­ne Gesetz genügt die­sen Anfor­de­run­gen nicht, ins­be­son­de­re fehlt es an der erfor­der­li­chen Klar­heit der Rege­lun­gen. Die­sen lässt sich nicht hin­rei­chend deut­lich ent­neh­men, dass die Kör­per­schaft Gesamt­rechts­nach­fol­ge­rin des Ver­ei­nes sein soll. Die eigen­stän­di­ge recht­li­che Exis­tenz des Beklag­ten ist daher nicht been­det.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart zurück­ver­wie­sen, damit dort über die Berech­ti­gung der von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ent­schie­den wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. März 2013 – V ZR 156/​12

  1. LG Heil­bronn, Urteil vom 17.05.2011 – 1 O 181/​10[]
  2. OLG Stutt­gart, Urteil vom 15.02.2012 – 3 U 115/​11[]