Zu kur­zer Schul­weg

Für die Beför­de­rungs­kos­ten­er­stat­tung wird bei der Bemes­sung der Län­ge des Schul­wegs maß­geb­lich dar­auf geach­tet, wie weit die fuß­läu­fi­ge Stre­cke ist, die zwi­schen der Haus­tür der Woh­nung des Schü­lers und dem auf dem Schul­weg nächs­ten, von dem Schü­ler benutz­ba­ren Ein­gang des Schul­ge­bäu­des, in dem der Unter­richts­mit­tel­punkt des Schü­lers liegt, ist.

Zu kur­zer Schul­weg

Dabei ist eine sat­zungs­mä­ßig fest­ge­leg­te Min­dest­ent­fer­nung von 4 km für die Schul­jahr­gän­ge 5 bis 10 der Sekun­dar­stu­fe I der Regel­schu­le mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar.

Nach Ansicht des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts in Lüne­burg bestehen dass kei­ne recht­li­chen Beden­ken gegen eine sol­che, die Jahr­gangs­stu­fen 5 bis 10 der Sekun­dar­stu­fe I undif­fe­ren­ziert umfas­sen­de pau­scha­lie­ren­de Fest­le­gung. Dies gilt unter Berück­sich­ti­gung des sehr wei­ten Gestal­tungs­spiel­raums des Lan­des­ge­setz­ge­bers und des kom­mu­na­len Sat­zungs­ge­bers auch mit Blick auf das Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip und das Will­kür­ver­bot des Art. 3 Abs. 1 GG, da für Schü­ler von Regel­schu­len der Sekun­dar­stu­fe I ein Schul­weg von 4 km und mit­hin knapp 60 Minu­ten zu Fuß in eine Rich­tung zumut­bar sind. Dies gilt zumin­dest, wenn – wie im ent­schie­de­nen Fall – der Schul­weg auch weder aus ver­kehr­li­cher noch aus sons­ti­ger Sicht beson­ders gefähr­lich ist, ins­be­son­de­re kei­ne gestei­ger­te Gefahr kri­mi­nel­ler Über­grif­fe besteht.

Bei der Bemes­sung der Län­ge des maß­geb­li­chen Schul­we­ges muss nicht berück­sich­tigt wer­den, dass der Sohn im Fall des Zurück­le­gens sei­nes Schul­we­ges mit dem Fahr­rad auf dem Schul­hof zunächst den Fahr­rad­stän­der auf­sucht, um dort sein Fahr­rad ord­nungs­ge­mäß abzu­stel­len, und sich erst von dort zu dem von dem Beklag­ten gewähl­ten Schul­ein­gang bewe­gen kann.

Wenn – wie hier der beklag­te Land­kreis in sei­ner Sat­zung über die Schü­ler­be­för­de­rung – der Trä­ger der Schü­ler­be­för­de­rung die Mess­punk­te "Woh­nung" und "Schu­le" nicht in sei­ner Schü­ler­be­för­de­rungs­sat­zung fest­ge­legt hat, ist die fuß­läu­fi­ge Stre­cke zwi­schen der Haus­tür des Schü­lers und dem auf dem Schul­weg nächs­ten, von dem Schü­ler benutz­ba­ren Ein­gang des Schul­ge­bäu­des, in dem der Unter­richts­mit­tel­punkt des Schü­lers liegt, zu mes­sen 1. Die­sem Erfor­der­nis ist der beklag­te Land­kreis im hier ent­schie­de­nen Fall ord­nungs­ge­mäß nach­ge­kom­men und hat mit Hil­fe des Pro­gramms Web­GIS sowie durch tat­säch­li­ches Abschrei­ten der Stre­cke mit einem Mess­rad die Ent­fer­nung zwi­schen der Haus­tür des Grund­stücks der Klä­ge­rin und dem am wei­tes­ten ent­fernt lie­gen­den Schul­ein­gang über den Pau­sen­hof auf 3.923 m bestimmt.

Auf den von der Klä­ge­rin in den Mit­tel­punkt gestell­ten Ver­gleich mit ver­meint­lich gleich­ge­la­ger­ten Fäl­len, in denen der Beklag­te trotz Unter­schrei­tens der Min­dest­ent­fer­nung jeweils eine Erstat­tung der Schü­ler­be­för­de­rungs­kos­ten gewährt haben soll, kommt es bei die­ser Sach­la­ge nicht an. Selbst wenn die von der Klä­ge­rin geschil­der­ten Fäl­le zutref­fen soll­ten, ergä­be sich hier­aus kein Anspruch der Klä­ge­rin, da es eine "Gleich­be­hand­lung im Unrecht" nicht gibt.

Die von dem beklag­ten Land­kreis in § 1 Abs. 5 Satz 1 i. V. m. Abs. 3 lit. e SBS für die Schul­jahr­gän­ge 5 bis 10 der Sekun­dar­stu­fe I (undif­fe­ren­ziert) fest­ge­leg­te Min­dest­ent­fer­nung zwi­schen Woh­nung und Schu­le von 4 km ist mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar.
Der nie­der­säch­si­sche Gesetz­ge­ber hat den Land­krei­sen und kreis­frei­en Städ­ten die nach Maß­ga­be des § 114 Abs. 1 Satz 2 NSchG durch­zu­füh­ren­de Schü­ler­be­för­de­rung als gesetz­li­che Pflicht­auf­ga­be im eige­nen Wir­kungs­kreis auf­er­legt (§ 114 Abs. 1 Satz 3 NSchG). Die­se Kom­mu­na­li­sie­rung der Schü­ler­be­för­de­rung hat zur Fol­ge, dass die Trä­ger der Schü­ler­be­för­de­rung selbst ent­schei­den, wie und mit wel­chen Maß­ga­ben sie ihre Selbst­ver­wal­tungs­auf­ga­be in dem durch das Gesetz gesetz­ten recht­li­chen Rah­men erfül­len. Ins­be­son­de­re kön­nen die Trä­ger der Schü­ler­be­för­de­rung nach § 114 Abs. 2 Satz 1 NSchG unter Berück­sich­ti­gung der Belast­bar­keit der Schü­le­rin­nen und Schü­ler und der Sicher­heit des Schul­we­ges die Min­dest­ent­fer­nung zwi­schen Woh­nung und Schu­le, von der an die Beför­de­rungs- oder Erstat­tungs­pflicht besteht, selbst fest­le­gen. Wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt mit Blick auf die maß­geb­li­chen Rechts­grund­la­gen für die Schü­ler­be­för­de­rung in sei­ner Recht­spre­chung 2 betont hat, ist es Sache des Lan­des­ge­setz­ge­bers, die maß­geb­li­chen Rege­lun­gen zu tref­fen, ohne dass das Ver­fas­sungs­recht des Bun­des oder des Lan­des und ein­fa­ches Bun­des­recht Vor­ga­ben für die Schü­ler­be­för­de­rung ent­hal­ten.

Die nach Maß­ga­be des Lan­des­rechts für die Schü­ler­be­för­de­rung gewähr­te Kos­ten­er­stat­tung ist – ver­fas­sungs­recht­lich gese­hen – eine frei­wil­li­ge Leis­tung der öffent­li­chen Hand, ohne dass die staat­li­che Ver­pflich­tung zum beson­de­ren Schutz der Fami­lie (Art. 6 Abs. 1 GG), das durch Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG gewähr­leis­te­te Eltern­recht, das Grund­recht des Schü­lers auf Bil­dung (Art. 2 Abs. 1 GG) sowie das in Art. 20 Abs. 1 GG ver­an­ker­te Sozi­al­staats­prin­zip einen Anspruch dar­auf begrün­den, dass die öffent­li­che Hand die Kos­ten der Schü­ler­be­för­de­rung über­nimmt.

Daher bewegt sich der beklag­te Land­kreis mit der Fest­le­gung der Min­dest­ent­fer­nung von 4 km für Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Sekun­dar­stu­fe I inner­halb der zumut­ba­ren Gren­zen des ihm durch § 114 Abs. 1 Satz 2 NSchG ein­ge­räum­ten Gestal­tungs­spiel­raums. In der Recht­spre­chung ist geklärt, dass unter Berück­sich­ti­gung der all­ge­mei­nen alters­ge­mä­ßen Belast­bar­keit für Schü­le­rin­nen und Schü­ler von Regel­schu­len in der Sekun­dar­stu­fe I bereits ab der 5. Jahr­gangs­stu­fe ein Schul­weg von einer Dau­er von 60 Minu­ten je Rich­tung zu Fuß, mit­hin eine ein­fa­che Ent­fer­nung von 4 km (200 m Fuß­weg in 3 Minu­ten = 15 Minu­ten pro km) zumut­bar ist 3.

Der Hin­weis auf die Sat­zungs­be­stim­mun­gen ande­rer Land­krei­se in Nie­der­sach­sen, in denen ent­we­der für die 5. und 6. Jahr­gangs­stu­fen oder ins­ge­samt für die Sekun­dar­stu­fe I eine gerin­ge­re Min­dest­ent­fer­nung als 4 km fest­ge­legt wor­den ist, recht­fer­tigt kein ande­res Ergeb­nis. Dem ein­zel­nen Trä­ger der Schü­ler­be­för­de­rung steht bei der Aus­ge­stal­tung sei­ner Schü­ler­be­för­de­rungs­sat­zung ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zu, der, soweit er sich in dem Rah­men des für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler Zumut­ba­ren hält, eine Pau­scha­lie­rung und Gene­ra­li­sie­rung zulässt. In die­sem Zusam­men­hang ist von maß­geb­li­cher Bedeu­tung, dass die Anknüp­fung an bestimm­te Schü­ler­jahr­gän­ge bei der Fest­le­gung von Min­dest­ent­fer­nun­gen sach­lich gerecht­fer­tigt ist und nicht will­kür­lich erscheint. Dem­ge­gen­über kommt es nicht dar­auf an, ob es ande­re denk­ba­re, ins­be­son­de­re für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler sowie ihre Erzie­hungs­be­rech­tig­ten güns­ti­ge­re Rege­lun­gen gibt, die eben­falls sach­lich gerecht­fer­tigt sind oder mög­li­cher­wei­se sogar sinn­vol­ler erschei­nen 4. Daher geht der in die­sem Zusam­men­hang erho­be­ne Ein­wand, die "über­wie­gen­de Anzahl der Flä­chen­land­krei­se in Nie­der­sach­sen" habe die Min­dest­ent­fer­nung für Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Jahr­gangs­stu­fen 5 und 6 der Sekun­dar­stu­fe I unter­halb der hier von dem Beklag­ten gewähl­ten fest­ge­legt, ins Lee­re.

Glei­ches gilt für den von der Klä­ge­rin ange­führ­ten Umstand, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Jahr­gangs­stu­fe 6 der Sekun­dar­stu­fe I häu­fig gezwun­gen sei­en, auf ihrem Schul­weg Schul­ta­schen mit einem Gewicht von acht kg und mehr sowie gege­be­nen­falls wei­te­re Taschen für Sport und Musik zu trans­por­tie­ren. Die­ser Gesichts­punkt zwingt die Trä­ger der Schü­ler­be­för­de­rung zum einen mit Blick auf die genann­te Pau­scha­lie­rung und Gene­ra­li­sie­rung weder dazu, die Min­dest­ent­fer­nung für die Sekun­dar­stu­fe I ins­ge­samt noch jeden­falls für die Jahr­gän­ge 5 und 6 auf unter 4 km zu sen­ken. Zum ande­ren ist es gege­be­nen­falls vor­ran­gig Auf­ga­be der Schu­le und nicht des Trä­gers der Schü­ler­be­för­de­rung, in die­ser Fra­ge Abhil­fe zu schaf­fen.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 12. August 2011 – 2 LA 283/​10

  1. Nds. OVG, Urteil vom 11.11.2010 – 2 LB 318/​09; Beschluss vom 31.10.2005 – 13 PA 242/​05; Litt­mann, in: Brockmann/​Littmann/​Schip­p­mann, NSchG, Kom­men­tar, Stand: Febru­ar 2011, § 114 Anm. 3[]
  2. Nie­der­säch­si­sches OVG, Urteil vom 24.05.2007 – 2 LC 9/​07, Nds­VBl. 2007, 336; Urteil vom 04.06.2008 – 2 LB 5/​07[]
  3. Nie­der­säch­si­sches OVG, Urteil vom 30.11.1983 – 13 A 56/​83, NVwZ 1984, 812; Urteil vom 16.02.1994 – 13 L 3797/​92, OVGE MüLü 44, 444; Urteil vom 20.02.2002 – 13 L 3502/​00, NVwZ-RR 2002, 580; Urteil vom 04.06.2008 – 2 LB 5/​07, bestä­tigt durch BVerwG, Beschluss vom 15.01.2009 – BVerwG 6 B 78.08; Urteil vom 11.11.2010 – 2 LB 318/​09, Nds­VBl. 2011, 166; so auch Säch­si­sches OVG, Beschluss vom 16.04.2009 – 2 B 305/​08, NVwZ-RR 2009, 729 []
  4. Nie­der­säch­si­sches OVG, Urteil vom 11.11.2010 – 2 LB 318/​09[]