Zulas­sung eines bun­des­wei­ten Fern­seh­pro­gramm – und die Kla­ge einer Lan­des­me­di­en­an­stalt

Kla­gen von Lan­des­me­di­en­an­stal­ten gegen die Ertei­lung der Zulas­sung für ein bun­des­wei­tes Fern­seh­pro­gramm durch eine ande­re Lan­des­me­di­en­an­stalt sind unzu­läs­sig.

Zulas­sung eines bun­des­wei­ten Fern­seh­pro­gramm – und die Kla­ge einer Lan­des­me­di­en­an­stalt

Eine Lan­des­me­di­en­an­stalt kann sich nicht auf eine wehr­fä­hi­ge Rechts­po­si­ti­on beru­fen, um die Auf­he­bung einer Zulas­sung zu errei­chen, die eine ande­re Lan­des­me­di­en­an­stalt einem pri­va­ten Rund­funk­ver­an­stal­ter für ein bun­des­weit ver­brei­te­tes Fern­seh­pro­gramm auf der Grund­la­ge einer Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on für Zulas­sung und Auf­sicht (ZAK) erteilt hat.

Dies hat jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig auf die Kla­ge der Lan­des­zen­tra­le für Medi­en und Kom­mu­ni­ka­ti­on Rhein­land-Pfalz (LMK) und der Hes­si­sche Lan­des­an­stalt für pri­va­ten Rund­funk und neue Medi­en (LPR Hes­sen) gegen die Medi­en­an­stalt Ham­burg/Schles­wig-Hol­stein (MA HSH) ent­schie­den. Alle drei Lan­des­me­di­en­an­stal­ten sind nach dem jewei­li­gen Lan­des­recht für die Zulas­sung pri­va­ter Rund­funk­ver­an­stal­ter zustän­dig. Die LMK hat­te der SAT.1 Satel­li­ten­Fern­se­hen GmbH, einer einer Toch­ter­ge­sell­schaft der ProSiebenSat.1 Media SE, mit Bescheid vom 26. August 2008 die Zulas­sung zur Aus­strah­lung des bun­des­wei­ten Fern­seh­pro­gramms „SAT.1“ ab dem 1. Juni 2010 erteilt. Im Haupt­pro­gramm „SAT.1“ wer­den werk­täg­lich Regio­nal­fens­ter­pro­gram­me für die Län­der Rhein­land-Pfalz und Hes­sen gesen­det. Hier­für haben die bei­den kla­gen­den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten einem Regio­nal­fens­ter­ver­an­stal­ter jeweils die Zulas­sung erteilt. Am 2. April 2012 bean­trag­te die ProSiebenSat.1 Media SE bei der beklag­ten Medi­en­an­stalt Ham­bur­g/­Schles­wig-Hol­stein die Ertei­lung einer Zulas­sung zur bun­des­wei­ten Ver­an­stal­tung des Fern­seh­voll­pro­gramms „SAT.1“. Auf der Grund­la­ge eines ent­spre­chen­den Beschlus­ses der ZAK erteil­te die MA HSH der ProSiebenSat.1 Media SE mit Bescheid vom 11. Juli 2012 die bean­trag­te Zulas­sung für die Dau­er von zehn Jah­ren ab dem 1. Juni 2013. Die Zulas­sung ist inso­weit ein­ge­schränkt, als Regio­nal­fens­ter­pro­gram­me bestehen oder orga­ni­siert wer­den; die gesetz­li­che Ver­pflich­tung zur Auf­nah­me von Regio­nal­fens­ter­pro­gram­men im Pro­gramm „SAT.1“ bleibt unbe­rührt. Die Zulas­sung wird erst wirk­sam, wenn die Zulas­sung der SAT.1 Satel­li­ten­Fern­se­hen GmbH aus dem Jahr 2008 durch Rück­ga­be bis spä­tes­tens einen Monat nach Bestands­kraft die­ser Zulas­sung unwirk­sam gewor­den ist.

Die gegen den Bescheid der MA HSH vom 11. Juli 2012 erho­be­nen Anfech­tungs­kla­gen der LMK und der LPR Hes­sen waren in den Vor­in­stan­zen vor dem Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ver­wal­tungs­ge­richt [1] und dem Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt [2] erfolg­los geblie­ben. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auch die Revi­sio­nen der bei­den kla­gen­den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten zurück­ge­wie­sen, da die Kla­gen bereits man­gels Kla­ge­be­fug­nis (§ 42 Abs. 2 VwGO) unzu­läs­sig sei­en. Die Lan­des­me­di­en­an­stal­ten kön­nen sich nicht auf das Grund­recht der Rund­funk­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG) beru­fen. Eine wehr­fä­hi­ge Rechts­po­si­ti­on von Lan­des­me­di­en­an­stal­ten gegen­über ande­ren Lan­des­me­di­en­an­stal­ten ergibt sich auch nicht aus einer Letzt­ver­ant­wor­tung für die Recht­mä­ßig­keit der in ihrem Sen­de­ge­biet aus­ge­strahl­ten Rund­funk­pro­gram­me.

Zwar hat­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einer Ent­schei­dung aus dem Jahr 1997 auf der Grund­la­ge der dama­li­gen Fas­sung des Rund­funk­staats­ver­tra­ges (RStV) sowie mit Blick auf durch Art. 5 Abs. 1 GG aus­ge­lös­te staat­li­che Schutz­pflich­ten eine sol­che Letzt­ver­ant­wor­tung bestä­tigt und dar­aus ein Kla­ge­recht her­ge­lei­tet. Hier­an kann indes jeden­falls seit dem In-Kraft-Tre­ten des 10. Rund­funk­än­de­rungs­staats­ver­tra­ges im Jahr 2008 nicht mehr fest­ge­hal­ten wer­den. Nach der Neu­re­ge­lung (vgl. §§ 35 ff. RStV) trifft nun­mehr im Innen­ver­hält­nis allein die Kom­mis­si­on für Zulas­sung und Auf­sicht (ZAK), die sich aus den gesetz­li­chen Ver­tre­tern der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten zusam­men­setzt, die abschlie­ßen­den Ent­schei­dun­gen im Zusam­men­hang mit der Zulas­sung pri­va­ter bun­des­wei­ter Rund­funk­ver­an­stal­ter und bei Auf­sichts­maß­nah­men gegen­über sol­chen Ver­an­stal­tern, soweit nicht die Kom­mis­si­on zur Ermitt­lung der Kon­zen­tra­ti­on im Medi­en­be­reich (KEK) zustän­dig ist. Die Auf­ga­be der zustän­di­gen Lan­des­me­di­en­an­stalt beschränkt sich dar­auf, die Beschlüs­se der ZAK zu voll­zie­hen, d.h. in Form eines an den betrof­fe­nen Rund­funk­ver­an­stal­ter gerich­te­ten Ver­wal­tungs­akts zu erlas­sen. Die­se ein­fach-recht­li­che Aus­ge­stal­tung steht der Annah­me einer Letzt­ver­ant­wor­tung der ein­zel­nen Lan­des­me­di­en­an­stal­ten im Bereich der Zulas­sung bun­des­wei­ter Rund­funk­ver­an­stal­ter ent­ge­gen.

Das geän­der­te Zulas­sungs- und Auf­sichts­re­gime für bun­des­wei­te Rund­funk­ver­an­stal­ter unter­liegt auch kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Zwar fasst die ZAK ihre Beschlüs­se mit der Mehr­heit ihrer gesetz­li­chen Mit­glie­der. Die­se sind an Wei­sun­gen nicht gebun­den und unter­lie­gen einer Ver­schwie­gen­heits­pflicht. Dass hier­durch die plu­ra­lis­tisch zusam­men­ge­setz­ten Beschluss­gre­mi­en der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten einen erheb­li­chen Bedeu­tungs­ver­lust erfah­ren, ist jedoch sowohl mit den Vor­ga­ben aus Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG als auch mit dem Bun­des­staats- und dem Demo­kra­tie­prin­zip ver­ein­bar. Im Hin­blick auf die im Bereich des Rund­funks offen­sicht­li­chen fak­ti­schen Gren­zen einer iso­lier­ten Auf­ga­ben­er­fül­lung der Län­der und die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dem­entspre­chend ange­nom­me­ne Pflicht zur Koope­ra­ti­on der Län­der bestehen objek­tiv gewich­ti­ge Sach­grün­de für die getrof­fe­nen Rege­lun­gen. Die Zusam­men­set­zung der ZAK und die Rechts­stel­lung ihrer Mit­glie­der tra­gen dem grund­recht­li­chen Gebot der Staats­fer­ne des Rund­funks Rech­nung. Zudem ver­fügt die ZAK nur über einen ein­ge­schränk­ten Ent­schei­dungs­spiel­raum. Solan­ge die KEK kei­ne vor­herr­schen­de Mei­nungs­macht fest­ge­stellt hat (vgl. § 26 RStV), besteht bei Vor­lie­gen der in § 20 a RStV gere­gel­ten per­sön­li­chen und sach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen grund­sätz­lich ein Zulas­sungs­an­spruch des Bewer­bers.

Schließ­lich erge­ben sich auch aus der Auf­sichts­ver­ant­wor­tung für die in Rhein­land-Pfalz bzw. in Hes­sen ver­brei­te­ten Regio­nal­fens­ter­pro­gram­me im Haupt­pro­gramm „SAT.1“ kei­ne wehr­fä­hi­gen Rechts­po­si­tio­nen für die bei­den kla­gen­den Lan­des­rund­funk­an­stal­ten. Die Zustän­dig­keit für die Zulas­sung von Regio­nal­fens­ter­pro­gramm­ver­an­stal­tern und für die Auf­sicht hier­über wird nicht dadurch berührt, dass der jewei­li­ge Haupt­pro­gramm­ver­an­stal­ter wech­selt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 15. Juli 2020 – 6 C 6.19 und 6 C 25.19

  1. VG Schles­wig, Urtei­le vom 23.05.2013 – 11 A 3/​13 und 11 A 4/​13[]
  2. OVG Schles­wig, Urtei­le vom 29.11.2018 – 3 LB 19/​14 und 3 LB 20/​14[]