Zurück­schie­bung, Siche­rungs­haft und der Asyl­an­trag

Mit der förm­li­chen Asyl­an­trag­stel­lung ent­steht die Auf­ent­halts­ge­stat­tung nach § 55 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG auch dann, wenn der Asyl­an­trag gemäß § 27a AsylVfG unzu­läs­sig ist. Sie erlischt unter den wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen des § 67 Abs. 1 Nr. 5 oder Nr. 6 AsylVfG erst mit der Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes über den Asyl­an­trag. Lie­gen im Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung die Vor­aus­set­zun­gen für eine Auf­recht­erhal­tung der Haft nach § 14 Abs. 3 Satz 1 AsylVfG nicht vor, ist eine Fort­dau­er der Siche­rungs­haft rechts­wid­rig. Die Rechts­wid­rig­keit der Haft kann nicht dadurch besei­tigt wer­den, dass das Beschwer­de­ge­richt nach­träg­lich den Haft­grund aus­tauscht.

Zurück­schie­bung, Siche­rungs­haft und der Asyl­an­trag

Mit der Stel­lung des Asyl­an­tra­ges bei dem zustän­di­gen Bun­des­amt hat der Betrof­fe­ne die Auf­ent­halts­ge­stat­tung gemäß § 55 Abs. 1 Satz 1, 3 AsylVfG erwor­ben. Damit ent­fiel sei­ne Aus­rei­se­pflicht, die Tat­be­stands­vor­aus­set­zung für die Siche­rungs­haft ist 1. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass nach den Rege­lun­gen der Dub­lin II-Ver­ord­nung nicht Deutsch­land, son­dern ein ande­rer Mit­glied­staat für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist.

§ 55 Abs. 1 Satz 1, 3 AsylVfG macht die Ent­ste­hung des gesetz­li­chen Auf­ent­halts­rechts nicht von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen als der förm­li­chen Asyl­an­trag­stel­lung abhän­gig. Dies gilt auch, wenn ein Asyl­an­trag nach § 27a AsylVfG unzu­läs­sig ist, weil ein ande­rer Staat auf Grund von Rechts­vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft oder eines völ­ker­recht­li­chen Ver­tra­ges für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Denn auch in den Fäl­len des § 27a AsylVfG ist eine Ent­schei­dung des Bun­des­amts über den Asyl­an­trag erfor­der­lich (§ 31 Abs. 1 Satz 4, Abs. 6 AsylVfG). Erst des­sen Ent­schei­dung führt unter den wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen des § 67 Abs. 1 Nr. 5 oder Nr. 6 AsylVfG zum Erlö­schen der Auf­ent­halts­ge­stat­tung 2.

Auch der For­mu­lie­rung in § 55 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG, wonach der Auf­ent­halt "zur Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens" gestat­tet wird, lässt sich nicht die Ein­schrän­kung ent­neh­men, dass ein Auf­ent­halts­recht erst im Fal­le einer posi­ti­ven Zustän­dig­keits­ent­schei­dung des Bun­des­am­tes und der sich anschlie­ßen­den eigent­li­chen Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens ent­steht. Zwar liegt wäh­rend des Sta­di­ums der Prü­fung, ob ein ande­rer Mit­glied­staat zustän­dig ist, noch kei­ne Prü­fung des Asyl­an­trags im Sin­ne der Vor­schrif­ten der Dub­lin II-Ver­ord­nung vor 3. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung ist jedoch vor allem für die Ent­ste­hung der in Art. 16 Abs. 1 der Ver­ord­nung bestimm­ten Ver­pflich­tun­gen eines Mit­glied­staa­tes maß­geb­lich. Für die Fra­ge einer Auf­ent­halts­ge­stat­tung nach natio­na­lem Recht hat sie hin­ge­gen kei­ne Bedeu­tung. Daher ist dem Asyl­an­trag­stel­ler auch für die Pha­se der Zustän­dig­keits­prü­fung durch das Bun­des­amt der Auf­ent­halt nach § 55 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG gestat­tet 4.

Wird aller­dings ein Asyl­an­trag aus der Abschie­bungs­haft her­aus gestellt, steht die Asyl­an­trag­stel­lung in den Fäl­len des § 14 Abs. 3 Satz 1 AsylVfG der Auf­recht­erhal­tung der Haft nicht ent­ge­gen. Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Norm sind hier aber nicht erfüllt.

§ 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 AsylVfG aF greift nicht ein. Die­se Vor­schrift ermög­licht die Auf­recht­erhal­tung der Siche­rungs­haft trotz Asyl­an­trag­stel­lung, wenn sich der Aus­län­der in Siche­rungs­haft nach § 62 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Auf­en­thG aF befin­det, weil er sich nach der uner­laub­ten Ein­rei­se län­ger als einen Monat ohne Auf­ent­halts­ti­tel im Bun­des­ge­biet auf­ge­hal­ten hat. So ver­hält es sich hier indes nicht. Der Betrof­fe­ne hat sich vor der Antrag­stel­lung nicht mehr als einen Monat ohne Auf­ent­halts­ti­tel im Bun­des­ge­biet auf­ge­hal­ten.

Die Auf­recht­erhal­tung der Siche­rungs­haft war auch nicht nach § 14 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 AsylVfG aF begrün­det. Danach steht die Asyl­an­trag­stel­lung der Auf­recht­erhal­tung von Abschie­bungs­haft nicht ent­ge­gen, wenn sich der Aus­län­der in Siche­rungs­haft nach § 62 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1a bis 5 Auf­en­thG aF befin­det. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier nicht vor. Bei Stel­lung des Asyl­an­tra­ges befand sich der Betrof­fe­ne in Siche­rungs­haft nach § 62 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Auf­en­thG aF.

Zwar hat im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Beschwer­de­ge­richt die Siche­rungs­haft auch mit dem Haft­grund des § 62 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 Auf­en­thG aF begrün­det. Dies ist grund­sätz­lich zuläs­sig, weil das Beschwer­de­ge­richt als Tat­sa­chen­in­stanz an die Stel­le des erst­in­stanz­li­chen Gerichts tritt 5. Hier­von zu tren­nen ist jedoch die Fra­ge, zu wel­chem Zeit­punkt die Vor­aus­set­zun­gen des § 14 Abs. 3 Satz 1 AsylVfG aF vor­lie­gen müs­sen. Aus dem Wort­laut des Geset­zes folgt, dass dies der Zeit­punkt der förm­li­chen Asyl­an­trag­stel­lung ist. Lie­gen daher bei Stel­lung des Asyl­an­tra­ges die Vor­aus­set­zun­gen für eine Auf­recht­erhal­tung der Haft nach § 14 Abs. 3 Satz 1 AsylVfG – wie im vor­lie­gen­den Fall – nicht vor, ist der Betrof­fe­ne aus der Haft zu ent­las­sen; eine Fort­dau­er der Siche­rungs­haft ist rechts­wid­rig. Die Rechts­wid­rig­keit der Haft kann nicht dadurch besei­tigt wer­den, dass das Beschwer­de­ge­richt eine ande­re Begrün­dung nach­schiebt. Denn für die Fra­ge der Auf­recht­erhal­tung der Siche­rungs­haft trotz einer Asyl­an­trag­stel­lung kommt es nicht dar­auf an, auf wel­chen Haft­grund die Haft­an­ord­nung hät­te gestützt wer­den kön­nen, son­dern auf wel­chen Haft­grund sie tat­säch­lich gestützt wor­den ist 6.

Schließ­lich durf­te die Abschie­bungs­haft auch nicht nach § 14 Abs. 3 Satz 3 AsylVfG, auf des­sen Rege­lungs­ge­dan­ken sich das Beschwer­de­ge­richt stützt, auf­recht­erhal­ten wer­den. Die­se Norm kommt nur dann zur Anwen­dung, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des § 14 Abs. 3 Satz 1 AsylVfG erfüllt sind. Das ist – wie aus­ge­führt – nicht der Fall.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. März 2012 – V ZB 183/​11

  1. HK-Aus­l­R/­Wolff, § 14 AsylVfG Rn. 7[]
  2. vgl. OLG Schles­wig, OLGR 2005, 586, 587; LG Saar­brü­cken, Beschluss vom 09.10.2008 – 5 T 468/​08 Rn. 27; Berg­mann in Ren­ner, Aus­län­der­recht, 9. Aufl., § 55 AsylVfG Rn. 8; Hail­bron­ner, Aus­lR, Stand 1998, § 55 AsylVfG Rn 18[]
  3. Filzwieser/​Sprung, 3. Aufl., Art. 2 Dub­lin II-Ver­ord­nung Anm. K 10[]
  4. vgl. OLG Schles­wig, OLGR 2005, 586, 587; LG Saar­brü­cken, Beschluss vom 09.10.2008 – 5 T 468/​08 Rn. 27; LG Göt­tin­gen, InfAuslR 1995, 327, 328; Berg­mann in Ren­ner, Aus­län­der­recht, 9. Aufl., § 55 AsylVfG Rn. 8; Hail­bron­ner, Aus­lR, Stand 1998, § 55 AsylVfG Rn.19; aA AG Frei­berg, Beschluss vom 25.01.2005 – XIV B 00039[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 22.07.2010 – V ZB 29/​10, Rn. 7, 10[]
  6. OLG Frank­furt, Beschluss vom 29.04.2009 – 20 W 129/​09; LG Saar­brü­cken, Beschluss vom 06.12.2010 – 5 T 514/​10 Rn. 27[]
  7. BGH, Beschluss vom 12.12 2013 – V ZB 214/​12[]