Zwangs­ver­hei­ra­tung als Asyl­grund – die Yezi­den in Arme­ni­en

Nach den Erkennt­nis­sen des Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin kann es inner­halb der Volks­grup­pe der Yezi­den in Arme­ni­en zu Fäl­len von Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen kom­men (hier: beab­sich­tig­te Ver­hei­ra­tung einer Wit­we durch ihren Vater)

Zwangs­ver­hei­ra­tung als Asyl­grund – die Yezi­den in Arme­ni­en

Gemäß § 3 Abs. 4 AsylG wird einem Aus­län­der die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt, wenn er Flücht­ling im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylG ist. Danach ist Flücht­ling im Sin­ne des Abkom­mens vom 28.06.1951 über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge (Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on – GFK), wenn er sich wegen begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung wegen sei­ner Ras­se, Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, poli­ti­scher Über­zeu­gung oder Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe außer­halb des Lan­des (Her­kunfts­land) befin­det, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit er besitzt und des­sen Schutz er nicht in Anspruch neh­men kann oder wegen die­ser Furcht nicht in Anspruch neh­men will oder in dem er als Staa­ten­lo­ser sei­nen vor­he­ri­gen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat und in das er nicht zurück­keh­ren kann oder wegen die­ser Furcht nicht zurück­keh­ren will. Dies ent­spricht der Flücht­lings­de­fi­ni­ti­on des Art. 1 A Abs. 2 GFK sowie den euro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben nach Art. 2 c) und d) der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie [Qual­fRL] 2011/​95/​EU 1.

Fol­ge­rich­tig darf nach § 60 Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG in der Fas­sung des Art. 2 des genann­ten Geset­zes zur Umset­zung der Richt­li­nie 2011/​95/​EU in Anwen­dung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (und über­ein­stim­mend mit der genann­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie; vgl. auch Art. 18 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on – GRCh) unter den beschrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen kein Aus­län­der in einen Staat abge­scho­ben wer­den, in dem er wegen der genann­ten unver­än­der­li­chen Merk­ma­le bedroht ist.

Für die Anwen­dung der ein­zel­nen Ele­men­te der Flücht­lings­de­fi­ni­ti­on sind die nach­fol­gend dar­ge­stell­ten Aus­le­gungs­be­stim­mun­gen der §§ 3a bis 3b AsylG maß­ge­bend.

§ 3b AsylG beschreibt in Über­ein­stim­mung mit Art. 10 Qual­fRL die Ver­fol­gungs­grün­de. Ins­be­son­de­re kann nach § 3b Abs. 4 AsylG (Art. 10 Abs. 1 d) Qual­fRL) eine Ver­fol­gung wegen der Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe auch vor­lie­gen, wenn die Bedro­hung allein an das Geschlecht anknüpft. Nach § 3c AsylG kann eine Ver­fol­gung im vor­ste­hen­den Sin­ne vom Staat, von Par­tei­en oder Orga­ni­sa­tio­nen, die den Staat oder wesent­li­che Tei­le des Staats­ge­bie­tes beherr­schen oder von nicht­staat­li­chen Akteu­ren aus­ge­hen (vgl. auch Art. 6 Qual­fRL), es sei denn, es besteht eine inlän­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve ("inter­ner Schutz", näher § 3e AsylG/​Art. 8 Qual­fRL). Nicht­staat­li­che Akteu­re im Sin­ne des § 3c Nr. 3 AsylG kön­nen Orga­ni­sa­tio­nen ohne Gebiets­ge­walt, Grup­pen oder auch Ein­zel­per­so­nen sein, von denen eine Ver­fol­gung aus­geht, sofern erwie­se­ner­ma­ßen weder der Staat noch Par­tei­en oder Orga­ni­sa­tio­nen, die den Staat oder wesent­li­che Tei­le des Staats­ge­bie­tes beherr­schen, noch inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen in der Lage oder wil­lens sind, Schutz vor Ver­fol­gung zu bie­ten (vgl. auch Art. 7 Qual­fRL) 2.

Im Unter­schied zum – in der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie zum Teil nicht vor­ge­se­he­nen – natio­na­len Abschie­bungs­ver­bot nach § 60 Abs. 7 Auf­en­thG stellt § 3 AsylG auf die Ver­fol­gung aus bestimm­ten schutz­re­le­van­ten Grün­den ab, wäh­rend § 60 Abs. 7 Auf­en­thG hin­ge­gen Schutz vor sons­ti­gen kon­kre­ten Gefah­ren für Leib, Leben oder Frei­heit gewährt und damit allein an eine fak­ti­sche Gefähr­dung anknüpft, ohne eine geziel­te Ver­fol­gung vor­aus­zu­set­zen.

Bei der Prü­fung der Ver­fol­gungs­hand­lung ist § 3a AsylG (Art. 9 Qual­fRL) zu beach­ten. Die­ser ist nach sei­nem Wort­laut so gestal­tet, dass er fle­xi­bel und umfas­send aus­zu­le­gen ist. Nach § 3a Abs. 1 AsylG bzw. Art. 9 Abs. 1 Qual­fRL gel­ten als Ver­fol­gungs­hand­lun­gen im Sin­ne des Art. 1 A GFK sol­che Hand­lun­gen, die auf­grund ihrer Art oder Wie­der­ho­lung eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te dar­stel­len. Eine ein­ma­li­ge Ver­fol­gungs­hand­lung kann bereits aus­rei­chend sein, aber auch eine Wie­der­ho­lung schwer­wie­gen­der Hand­lun­gen eben­so wie eine Kumu­lie­rung unter­schied­li­cher Maß­nah­men, sofern die­se Ver­fol­gung gemäß § 3a Abs. 3 (Art. 9 Abs. 3 in Ver­bin­dung mit Art. 2 c) Qual­fRL) mit einem oder meh­re­ren der Ver­fol­gungs­grün­de der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ver­knüpft ist. Als Ver­fol­gung gel­ten aus­schließ­lich Hand­lun­gen, die absicht­lich, fort­dau­ernd oder sys­te­ma­tisch aus­ge­führt wer­den. Zu den grund­le­gen­den Men­schen­rech­ten gehö­ren nach § 3a Abs. 1 Nr. 1 AsylG (Art. 9 Abs. 1 Qual­fRL in Ver­bin­dung mit Art. 15 Abs. 2 EMRK (vgl. auch Art. 53 EU-GRCh) jeden­falls das Recht auf Leben (Art. 2 EMRK/​GRCh), das Ver­bot von Fol­ter und von unmensch­li­chen und ernied­ri­gen­den Stra­fen (Art. 3 EMRK/​Art. 4 GRCh), das Ver­bot der Skla­ve­rei und Leib­ei­gen­schaft (Art. 4 Abs. 1 EMRK/​Art. 5 GRCh) sowie das Ver­bot der Stra­fe ohne Gesetz (Art. 7 EMRK/​Art. 50 GRCh). Die­se Auf­zäh­lung ist aller­dings nicht abschlie­ßend. Als Schutz­gü­ter kom­men grund­sätz­lich alle in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on geschütz­ten Rech­te in Betracht, ins­be­son­de­re das Recht auf Frei­heit und Sicher­heit (Art. 5 EMRK/​Art. 6 GRCh), das Recht auf ein rechts­staat­li­ches Ver­fah­ren (Art. 6 EMRK/​Art. 47 GRCh), der Schutz von Fami­li­en- und Pri­vat­le­ben (Art. 8 EMRK/​Art. 7 GRCh), der Schutz der Woh­nung und des Brief­ver­kehrs bzw. Kom­mu­ni­ka­ti­on (Art. 8 EMRK/​Art. 7 GRCh), die Gedan­ken, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit (Art. 9 EMRK/​Art. 10 GRCh), die Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit (Art. 10 EMRK/​Art. 11 GRCh), die Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit (Art. 11 EMRK/​Art. 12 GRCh) sowie die Ehe­schlie­ßungs­frei­heit (Art. 12 EMRK/​Art. 9 GRCh) 3.

In Über­ein­stim­mung mit Art. 9 Abs. 2 Qual­fRL ent­hält § 3a Abs. 2 AsylG eine – eben­falls nicht abschlie­ßen­de ("[…] unter ande­rem […]") – Auf­zäh­lung unter­schied­li­cher Ver­fol­gungs­hand­lun­gen, zu denen auch Maß­nah­men mit ten­den­zi­ell eher gerin­ger Ein­griffs­qua­li­tät gehö­ren, wie etwa dis­kri­mi­nie­ren­de gesetz­li­che, admi­nis­tra­ti­ve, poli­zei­li­che und/​oder jus­ti­zi­el­le Maß­nah­men oder die Ver­wei­ge­rung gericht­li­chen Rechts­schut­zes mit dem Ergeb­nis einer unver­hält­nis­mä­ßi­gen oder dis­kri­mi­nie­ren­den Bestra­fung bzw. Straf­ver­fol­gung. Die­se Ver­fol­gungs­hand­lun­gen kön­nen in ihrer Gesamt­wir­kung das Gewicht und die Inten­si­tät einer schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zung auf­wei­sen.

§ 3b Abs. 1 AsylG und Art. 10 Qual­fRL erläu­tern hin­sicht­lich der Merk­ma­le Ras­se, Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, Grup­pe und poli­ti­sche Über­zeu­gung die Grund­sät­ze, die im Zusam­men­hang mit den Ver­fol­gungs­grün­den zu beach­ten sind. Maß­ge­bend ist nach § 3 Abs. 2 AsylG/​Art. 10 Abs. 2 Qual­fRL, ob dem Antrag­stel­ler die­se Merk­ma­le vom Ver­fol­ger zuge­schrie­ben wer­den. Die genann­ten Bestim­mun­gen ori­en­tie­ren sich an den Ver­fol­gungs­merk­ma­len der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on. Die dort genann­ten Ver­fol­gungs­grün­de sind eben­so wie in Art. 1 A (2) GFK abschlie­ßend.

Die in der bis­he­ri­gen deut­schen Recht­spre­chung geläu­fi­ge Unter­schei­dung zwi­schen dem Maß­stab der beacht­li­chen Wahr­schein­lich­keit und dem so genann­ten her­ab­ge­stuf­ten Maß­stab bei Vor­ver­fol­gung 4 ent­spricht nicht der Rege­lung in Art. 4 Abs. 4 Qual­fRL 5.

Nach die­ser unmit­tel­bar gel­ten­den Vor­schrift ist die Tat­sa­che, dass ein Antrag­stel­ler bereits ver­folgt wur­de oder einen sons­ti­gen ernst­haf­ten Scha­den erlit­ten hat bzw. von sol­cher Ver­fol­gung oder einem sol­chen Scha­den unmit­tel­bar bedroht war, ein ernst­haf­ter Hin­weis auf die Begründ­etheit sei­ner Furcht bzw. dass er tat­säch­lich Gefahr läuft, ernst­haf­ten Scha­den zu erlei­den. Dies gilt nicht, wenn stich­hal­ti­ge Grün­de dafür spre­chen, dass der Antrag­stel­ler erneut von sol­cher Ver­fol­gung oder einem sol­chen Scha­den bedroht wird. Die­se Beweis­erleich­te­rung in Gestalt einer wider­leg­ba­ren Ver­mu­tung setzt einen inne­ren Zusam­men­hang zwi­schen dem vor Aus­rei­se erlit­te­nen oder unmit­tel­bar dro­hen­den Scha­den einer­seits und dem befürch­te­ten künf­ti­gen Scha­den vor­aus. Die­se sich an der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) ori­en­tier­te, auf die tat­säch­li­che Gefahr ("real risk") abstel­len­de, Ver­fol­gungs­pro­gno­se hat in Umset­zung der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie anhand des Maß­stabs der beacht­li­chen Wahr­schein­lich­keit zu erfol­gen 6.

Die Ver­fol­gungs­hand­lun­gen müs­sen auf den genann­ten Ver­fol­gungs­grün­den beru­hen 7.

Dem Asyl­su­chen­den muss danach bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung der gesam­ten Umstän­de sei­nes Fal­les sein Hei­mat­land aus Furcht vor poli­ti­scher Ver­fol­gung im Sin­ne der §§ 3 AsylG, 60 Abs. 1 Auf­en­thG ver­las­sen haben. Hier­bei darf das Gericht ins­be­son­de­re hin­sicht­lich asyl­be­grün­den­der Vor­gän­ge im Ver­fol­ger­land kei­ne uner­füll­ba­ren Beweis­an­for­de­run­gen stel­len und kei­ne unum­stöß­li­che Gewiss­heit ver­lan­gen, son­dern muss sich in tat­säch­lich zwei­fel­haf­ten Fäl­len mit einem für das prak­ti­sche Leben brauch­ba­ren Grad von Gewiss­heit begnü­gen, der den Zwei­feln Schwei­gen gebie­tet, auch wenn sie nicht völ­lig aus­zu­schlie­ßen sind (sie­he auch Art. 4 Qual­fRL) 8.

Von dem Asyl­su­chen­den muss aber gefor­dert wer­den, dass er eine zusam­men­hän­gen­de, in sich stim­mi­ge Schil­de­rung sei­nes per­sön­li­chen Ver­fol­gungs­schick­sals gibt, die nicht in wesent­li­cher Hin­sicht in unauf­lös­ba­rer Wei­se wider­sprüch­lich ist. Der Art sei­ner Ein­las­sung – bei­spiels­wei­se ob sein Vor­brin­gen gestei­gert ist, sei­ner Per­sön­lich­keit, ins­be­son­de­re sei­ner Glaub­wür­dig­keit kommt inso­weit ent­schei­den­de Bedeu­tung zu 9.

Das Vor­brin­gen eines Asyl­be­wer­bers darf als unglaub­haft beur­teilt wer­den, wenn es erheb­li­che, nicht über­zeu­gend auf­lös­ba­re Wider­sprü­che ent­hält 10.

Bei Beach­tung die­ser Maß­stä­be hat die Asyl­be­wer­be­rin Anspruch auf Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft.

Sie hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung glaub­haft dar­ge­legt, dass und wes­halb sie von ihrem Vater gezwun­gen wer­den soll­te, als Wit­we einen ande­ren Mann zu hei­ra­ten. Wider­sprü­che zum Vor­brin­gen beim Bun­des­amt konn­te sie aus­räu­men. Auch das Gesamt­ver­hal­ten der Asyl­be­wer­be­rin in der münd­li­chen Ver­hand­lung spricht für die Glaub­haf­tig­keit ihres Vor­brin­gens. Ihre Ant­wor­ten auf die gericht­li­chen Nach­fra­gen kamen zum Teil sehr zöger­lich und teil­wei­se unter Trä­nen, so dass die Ver­hand­lung unter­bro­chen wer­den muss­te. Sie hat – wie auch mehr­fach gegen­über ihren behan­deln­den Psych­ia­ter – glaub­haft dar­ge­legt, dass sie sich eher töten wür­de, als den vom Vater aus­ge­such­ten Mann zu hei­ra­ten. Ein ent­schei­den­des Motiv dabei ist, dass ihre Kin­der nicht bei ihr, son­dern bei den Schwie­ger­el­tern ver­blei­ben soll­ten. Ihr Vor­brin­gen wur­de einer­seits bestä­tigt durch glaub­haf­te Äuße­run­gen ihrer Schwie­ger­el­tern im gleich­zei­tig ver­han­del­ten Par­al­lel­ver­fah­ren.

Ihr Vor­brin­gen wird ande­rer­seits durch die vom Gericht ein­ge­hol­ten Erkennt­nis­quel­len gestützt. Ins­be­son­de­re hat die Schwei­zer Flücht­lings­hil­fe in der im Ver­fah­ren ein­ge­hol­ten Stel­lung­nah­me aus­ge­führt, dass Zwangs­hei­ra­ten in der yezi­di­schen Bevöl­ke­rung in Arme­ni­en vor­kom­men kön­nen und die­se – trotz eini­ger Ver­bes­se­run­gen – vom arme­ni­schen Staat man­gels geeig­ne­ter Hand­ha­ben nicht wirk­sam bekämpft wer­den. Das Aus­wär­ti­ge Amt hat in sei­ner vom Gericht ein­ge­hol­ten Aus­kunft zudem aus­ge­führt, dass nach Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den des Yezi­di­schen Zen­tral­ra­tes in Arme­ni­en zwar nur in einer sehr tra­di­tio­nel­len bzw. streng reli­giö­sen Fami­lie der Wunsch einer Wit­we voll­stän­dig igno­riert und sie gegen ihren Wil­len neu ver­hei­ra­tet wer­de. Immer­hin tref­fe dies aber auf 8 bis 10 % der yezi­di­schen Fami­li­en zu. Bei einer Wie­der­ver­hei­ra­tung blie­ben die Kin­der in der Fami­lie des ver­stor­be­nen Ehe­man­nes.

Die­ser Sach­ver­halt erfüllt auch die Merk­ma­le geschlechts­spe­zi­fi­scher Ver­fol­gung i.S.v. § 3b Abs. 1 Nr. 4 AsylG. Danach kann eine Ver­fol­gung wegen der Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe auch vor­lie­gen, wenn sie allein an das Geschlecht anknüpft und von nicht­staat­li­chen Drit­ten i.S.d. § 3c Nr. 3 AsylG aus­geht. Die Asyl­be­wer­be­rin gehört zu der bestimm­ten abgrenz­ba­ren (vgl. § 3b Abs. 4 b) AsylG) sozia­len Grup­pe der­je­ni­gen yezi­di­schen Frau­en in Arme­ni­en, die sich nicht der gegen sie gerich­te­ten gesell­schaft­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung und Ent­rech­tung sowie den archa­isch-patri­ar­cha­li­schen Vor­stel­lun­gen der yezi­di­schen Män­ner unter­wer­fen bzw. anpas­sen. Die Asyl­be­wer­be­rin hat aus­führ­lich dar­ge­stellt, dass sie von ihrem Vater und ihren Brü­dern kör­per­li­chen Schlä­gen und Miss­hand­lun­gen aus­ge­setzt gewe­sen sei, um sie zur Hei­rat zu bewe­gen. Die von ihr geschil­der­ten, gegen sie gerich­te­ten Über­grif­fe ihres Vaters sind unzwei­fel­haft Ver­fol­gungs­hand­lun­gen i.S.v. § 3a Abs. 2 Nr. 1 AsylG (phy­si­sche und psy­chi­sche ein­schließ­lich sexu­el­le Gewalt).

Der Vater der Asyl­be­wer­be­rin (und ihre Brü­der) sind auch als Ver­fol­gungs­ak­teu­re i.S.v. § 3c Nr. 3 AsylG anzu­se­hen. Ins­be­son­de­re ist der arme­ni­sche Staat nicht in der Lage oder nicht wil­lens, den von ihren Män­nern oder männ­li­chen Ange­hö­ri­gen ver­folg­ten Frau­en wirk­sa­men und dau­er­haf­ten Schutz zu bie­ten. Ver­fol­gungs­hand­lun­gen der in Rede ste­hen­den Art wer­den dort unzu­rei­chend ermit­telt, straf­ver­folgt und geahn­det. Ver­folg­te Frau­en haben kei­nen Zugang zu sol­chem Schutz (§ 3d Abs. 2 AsylG). Dies ergibt sich aus den Anga­ben im Gut­ach­ten der Schwei­zer Flücht­lings­hil­fe sowie aus dem Ergeb­nis der all­ge­mei­nen Dar­stel­lung des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on (Schweiz) zur Lage der Frau­en in Arme­ni­en 11.

Danach ist Gewalt gegen Frau­en in Arme­ni­en gesell­schaft­lich weit­ge­hend akzep­tiert. Die Behör­den Arme­ni­ens sind man­gels ent­spre­chen­der Ein­griffs­nor­men nicht in der Lage, Gewalt gegen Frau­en all­ge­mein wirk­sam ent­ge­gen zu tre­ten. Zwar wer­den Anzei­gen von der Poli­zei auf­ge­nom­men, wenn Rechts­an­wäl­tin­nen dabei sind. Häu­fig wer­den Anzei­gen aber nicht mit dem not­wen­di­gen Druck ver­folgt.

Ver­wal­tungs­ge­richt Schwe­rin, Urteil vom 20. Novem­ber 2015 – 15 A 1524/​13 As

  1. Richt­li­nie 2011/​95/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.12 2011 über Nor­men für die Aner­ken­nung und den Sta­tus von Dritt­staa­ten­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen als Flücht­lin­ge oder als Per­so­nen mit Anspruch auf inter­na­tio­na­len Schutz, für einen ein­heit­li­chen Sta­tus für Flücht­lin­ge oder für Per­so­nen mit Anrecht auf sub­si­diä­ren Schutz und für den Inhalt des zu gewäh­ren­den Schut­zes, Abl.EU, L 337/​9[]
  2. vgl. dazu auch BVerwG, Urteil vom 18.07.2006 – 1 C 15/​05, Rn. 22[]
  3. Zur Berück­sich­ti­gung der EMRK vgl. VG Köln, Urteil vom 12.10.2007 – 18 K 6334/​05.A 32; Huber/Gö­bel-Zim­mer­mann, Aus­län­der- und Asyl­recht, 2. Aufl.2008, Rn. 1698; Göbel-Zim­mer­man­n/­Ma­such, in: Huber, Auf­en­thG 2010, § 60 Rn. 60; Bank/​Schneider, Durch­bruch für das Flücht­lings­völ­ker­recht?, Bei­la­ge zum Asyl­ma­ga­zin 6/​2006, S. 5 f. mwN; Hecht, in: Kluth/​Hundt/​Maaßen ((Hrsg.), Zuwan­de­rungs­recht, 1. Aufl.2008, Abschnitt 5, Rn. 149 ff[]
  4. vgl. etwa BVerwG, Urteil vom 8.02.2005 – 1 C 29.03; v.05.05.2009- 10 C 21.08; fer­ner Urteil vom 05.11.1991 – 9 C 118.90[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 24.04.2010 – 10 C 4.10; Urteil vom 7.09.2010 – 10 C 11.09; vgl. auch EuGH, Urteil vom 2.03.2010 – C – 175/​08 – "Abdul­la", LS 3 und ins­be­son­de­re Rn. 96 ff.[]
  6. vgl. nun­mehr BVerwG, Urtei­le v.01.03.2012 – 10 C 8.11, mwN und – 10 C 7.11 – Rn. 12 mwN[]
  7. vgl. auch Möller/​Stiegeler, in: Hofmann/​Hoffmann, Aus­län­der­recht, 1. Aufl.2008, § 60 Auf­en­thG Rn. 9[]
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 16.04.1985 – 9 C 109.84, mwN[]
  9. vgl. BVerwG, Beschluss vom 22.11.1983 – 9 B 1915.82, mwN.; Beschluss vom 20.08.1974 – 1 B 15.74, Buch­holz 402.24 § 28 Aus­lG Nr. 6[]
  10. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.02.1988 – 9 C 273.86, mwN; Beschluss vom 26.10.1989 – 9 C 405.85[]
  11. Focus Arme­ni­en: Häus­li­che Gewalt: Staat­li­cher Schutz und nicht-staat­li­che Unter­stüt­zung, 2.07.2013, S. 6 f., 8 ff. vgl. auch Düch­t­ing, Ezi­di­sche Aka­de­mie, Die Sozi­al­struk­tur in der yezi­di­schen Gesell­schaft; fer­ner amnes­ty inter­na­tio­nal, Bericht Arme­ni­en: Rech­te von Frau­en 2015[]