1,5 Geschäfts­ge­bühr

Eine Erhö­hung der Geschäfts­ge­bühr über die Regel­ge­bühr von 1,3 hin­aus kann nur gefor­dert wer­den, wenn die Tätig­keit des Rechts­an­walts umfang­reich oder schwie­rig war, und ist des­halb nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht unter dem Gesichts­punkt der Tole­ranz­recht­spre­chung bis zu einer Über­schrei­tung von 20 % der gericht­li­chen Über­prü­fung ent­zo­gen [1]. Dem­entspre­chend ist bei der vom Gericht anzu­stel­len­den Schlüs­sig­keits­prü­fung vor Erlass eines Ver­säum­nis­ur­teils zu prü­fen, ob eine Über­schrei­tung der „Kap­pungs­gren­ze“ von 1,3 wegen über­durch­schnitt­li­chen Umfangs oder über­durch­schnitt­li­cher Schwie­rig­keit gerecht­fer­tigt ist.

1,5 Geschäfts­ge­bühr

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall haben die Klä­ger dazu nichts vor­ge­tra­gen. Daher haben die Vor­in­stan­zen [2] nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs zu Recht kei­ne 1,5fache Gebühr, son­dern nur eine 1,3fache Gebühr für gerecht­fer­tigt gehal­ten. Denn die Schwel­len­ge­bühr von 1,3 ist die Regel­ge­bühr für durch­schnitt­li­che Fäl­le [3].

Auch aus der soge­nann­ten Tole­ranz­recht­spre­chung ergibt sich nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nichts ande­res.

Zwar steht dem Rechts­an­walt gemäß § 14 Abs. 1 RVG bei Rah­men­ge­büh­ren wie der Geschäfts­ge­bühr nach Nr. 2300 ein Ermes­sens­spiel­raum zu. Solan­ge sich die vom Rechts­an­walt im Ein­zel­fall bestimm­te Gebühr inner­halb einer Tole­ranz­gren­ze von 20 % bewegt, ist die Gebühr nicht unbil­lig im Sin­ne des § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG und daher von einem ersatz­pflich­ti­gen Drit­ten hin­zu­neh­men [4].

Das Beru­fungs­ge­richt hat aber mit Recht ange­nom­men, dass die­se Tole­ranz­recht­spre­chung zu Guns­ten des Rechts­an­walts, der eine Gebühr von mehr als 1,3 bean­sprucht, nur dann ein­greift, wenn die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Nr. 2300 für eine Über­schrei­tung der Regel­ge­bühr von 1,3 vor­lie­gen [5]. Das ergibt sich auch aus der Geset­zes­be­grün­dung, nach der eine Aus­nut­zung des Gebüh­ren­rah­mens unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 14 Abs. 1 RVG bis zum 2,5fachen der Gebühr nur bei schwie­ri­gen oder umfang­rei­chen Sachen im bil­li­gen Ermes­sen des Anwalts steht, wäh­rend es bei der Regel­ge­bühr von 1,3 ver­bleibt, wenn Umfang und Schwie­rig­keit der Sache nur von durch­schnitt­li­cher Natur sind [6].

Daher ist eine Erhö­hung der Regel­ge­bühr von 1,3 auf eine 1,5fache Gebühr hin­sicht­lich des Vor­lie­gens der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Über­schrei­tung der Regel­ge­bühr von 1,3 nicht der gericht­li­chen Über­prü­fung ent­zo­gen [7]. Andern­falls könn­te der Rechts­an­walt für durch­schnitt­li­che Sachen, die nur die Regel­ge­bühr von 1,3 recht­fer­ti­gen, ohne Wei­te­res eine 1,5fache Gebühr ver­lan­gen. Das ver­stie­ße gegen den Wort­laut und auch gegen den Sinn und Zweck des gesetz­li­chen Gebüh­ren­tat­be­stan­des in Nr. 2300, der eine Erhö­hung der Geschäfts­ge­bühr über die Regel­ge­bühr hin­aus nicht in das Ermes­sen des Rechts­an­walts stellt, son­dern bestimmt, dass eine Gebühr von mehr als 1,3 nur gefor­dert wer­den kann, wenn die Tätig­keit umfang­reich oder schwie­rig und damit über­durch­schnitt­lich war. Der IX. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat auf Anfra­ge mit­ge­teilt, dass er eben­falls die­ser Auf­fas­sung sei und sich aus sei­nem Urteil vom 13. Janu­ar 2011 [8] nichts ande­res erge­be. Der VI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat mit­ge­teilt, dass er im Hin­blick auf die Äuße­rung des IX. Zivil­se­nats, des­sen Ent­schei­dung er sich ange­schlos­sen hat­te [9], kei­ne Beden­ken gegen die in Aus­sicht genom­me­ne Ent­schei­dung des VIII. Zivil­se­nats hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Juli 2012 – VIII ZR 323/​11

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urtei­le vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, NJW 2011, 1603; und vom 08.05.2012 – VI ZR 273/​11).

    Gemäß § 2 Abs. 2 RVG in Ver­bin­dung mit Nr. 2300 des Ver­gü­tungs­ver­zeich­nis­ses in der Anla­ge 1 zu § 2 Abs. 2 RVG kann eine Geschäfts­ge­bühr von mehr als 1,3 nur gefor­dert wer­den, wenn die Tätig­keit umfang­reich oder schwie­rig, mit­hin „über­durch­schnitt­lich“ war ((BGH, Urteil vom 31.10.2006 – VI ZR 261/​05, NJW-RR 2007, 420 Rn. 6 mwN zu der wort­glei­chen Vor­gän­ger­be­stim­mung in Nr. 2400[]

  2. AG Mem­min­gen, Urteil vom 06.07.2011 – 12 C 745/​11; LG Mem­min­gen, Urteil vom 07.10.2011 – 12 S 1187/​11[]
  3. BGH, Urteil vom 31.10.2006 – VI ZR 261/​05, aaO Rn. 8; Urteil vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, NJW 2011, 1603 Rn. 16; BT-Drucks. 15/​1971, S.207[]
  4. BGH, Urteil vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, aaO Rn. 18; Urteil vom 31.10.2006 – VI ZR 261/​05, aaO Rn. 5[]
  5. eben­so OLG Cel­le, ZfSch 2012, 20; AG Hal­le, Beschluss vom 20.07.2011 – 93 C 57/​10; AG Kehl, Urteil vom 09.09.2011 – 4 C 59/​11; vgl. auch FG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 12.07.2011 – 2 KO 225/​11[]
  6. BT-Drucks. 15/​1971, aaO[]
  7. eben­so OLG Cel­le, aaO mwN[]
  8. BGH, Urteil vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, aaO Rn. 18[]
  9. BGH, Urteil vom 08.05.2012 – VI ZR 273/​11[]