Die Aus­schrei­bung einer Notar­stel­le – und ihr Abbruch

Mit dem Abbruch der Aus­schrei­bung einer Notar­stel­le hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall zu befas­sen, in dem sich kein geeig­ne­ter Bewer­ber bewor­ben hat:

Die Aus­schrei­bung einer Notar­stel­le – und ihr Abbruch

Im kon­kre­ten Fall hielt der Bun­des­ge­richts­hof den Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch [1] des klä­ge­ri­schen Not­ar­be­wer­bers als erlo­schen, weil der Beklag­te das im Mai 2010 ein­ge­lei­te­te Stel­len­be­set­zungs­ver­fah­ren mit Ver­fü­gung vom 28.12.2012 aus sach­li­chem Grund abge­bro­chen hat. Unter Nr. 1 der Ver­fü­gung hat der Beklag­te ver­merkt, dass drei der am 15.05.2010 aus­ge­schrie­be­nen vier Notar­stel­len für den Amts­ge­richts­be­zirk M. mit den vor­ge­schla­ge­nen Bewer­bern besetzt wer­den sol­len und von einer Beset­zung der vier­ten Stel­le auf­grund der man­geln­den Qua­li­fi­ka­ti­on des ein­zi­gen ver­blei­ben­den Bewer­bers abge­se­hen wer­den soll. Damit wur­de das Beset­zungs­ver­fah­ren abge­bro­chen.

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts steht dem Bewer­ber um eine aus­ge­schrie­be­ne Stel­le nur dann ein Anspruch auf rechts­feh­ler­freie Ent­schei­dung über sei­ne Bewer­bung zu, wenn eine Ernen­nung vor­ge­nom­men wird. Die Aus­schrei­bung einer Stel­le zwingt den Dienst­her­ren nicht, die Stel­le mit einem der Aus­wahl­be­wer­ber zu beset­zen. Viel­mehr darf der Dienst­herr ein ein­ge­lei­te­tes Bewer­bungs- und Aus­wahl­ver­fah­ren aus sach­li­chen Grün­den jeder­zeit been­den und von einer ursprüng­lich geplan­ten Stel­len­be­set­zung abse­hen [2]. Unsach­lich sind dabei sol­che Grün­de, die nicht aus Art. 33 Abs. 2 GG abge­lei­tet wer­den kön­nen, etwa wenn mit dem Abbruch des Aus­wahl­ver­fah­rens das Ziel ver­folgt wird, einen uner­wünsch­ten Kan­di­da­ten aus leis­tungs­frem­den Erwä­gun­gen von der wei­te­ren Aus­wahl für die Stel­le aus­zu­schlie­ßen [3]. Dage­gen ist es nicht zu bean­stan­den, wenn der zur Aus­wahl­ent­schei­dung befug­te Dienst­herr sich ent­schließt, mit dem Ziel einer best­mög­li­chen Beset­zung der Beför­de­rungs­stel­le einen brei­te­ren Inter­es­sen­kreis anzu­spre­chen, weil er Beden­ken gegen die Eig­nung des ein­zi­gen Bewer­bers für den kon­kre­ten Dienst­pos­ten hat. Anders als bei einer Aus­wahl­ent­schei­dung zwi­schen Bewer­bern kommt es dabei nicht dar­auf an, ob die Eig­nungs­be­ur­tei­lung des Dienst­herrn in vol­lem Umfang einer recht­li­chen Über­prü­fung stand­hält. Viel­mehr genügt es, dass er den ein­zi­gen Bewer­ber nicht unein­ge­schränkt für geeig­net hält [4]. Als eine aus dem Orga­ni­sa­ti­ons­recht des Dienst­herrn erwach­sen­de ver­wal­tungs­po­li­ti­sche Ent­schei­dung berührt der Abbruch des Aus­wahl­ver­fah­rens grund­sätz­lich nicht die Rechts­stel­lung von Bewer­bern. Das für den Abbruch des Aus­wahl­ver­fah­rens maß­geb­li­che orga­ni­sa­ti­ons- und ver­wal­tungs­po­li­ti­sche Ermes­sen ist ein ande­res als das bei einer Stel­len­be­set­zung zu beach­ten­de Aus­wahler­mes­sen [5]. Aller­dings müs­sen die von dem Ver­fah­ren Betrof­fe­nen über den Abbruch des Aus­wahl­ver­fah­rens recht­zei­tig und in geeig­ne­ter Form Kennt­nis erlan­gen [6].

Die­se Grund­sät­ze gel­ten ent­spre­chend für die Beset­zung der Amts­stel­len der Nota­re und der Nota­ras­ses­so­ren. Auch inso­weit ist die zustän­di­ge öffent­lich­recht­li­che Kör­per­schaft auf­grund ihrer Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt grund­sätz­lich berech­tigt, ein Stel­len­be­set­zungs­ver­fah­ren aus sach­li­chen Grün­den zu been­den [7]. Als sach­li­che Grün­de sind dabei sol­che anzu­se­hen, die ent­we­der aus § 4 BNo­tO oder aus §§ 5 bis 7 BNo­tO abge­lei­tet wer­den kön­nen.

Im Streit­fall ist ein sach­li­cher Grund für den Abbruch des Stel­len­be­set­zungs­ver­fah­rens gege­ben. Der Beklag­te hat­te im Hin­blick auf die „äußerst gerin­ge prak­ti­sche Erfah­rung“ des Klä­gers begrün­de­te Beden­ken gegen des­sen fach­li­che Eig­nung für das Amt des Notars. Zwar hat der Klä­ger den Grund­kurs Anwalts­no­ta­ri­at der Deut­schen Notaraka­de­mie erfolg­reich besucht, im Übri­gen lei­tet er aber sei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on maß­geb­lich aus dem guten Ergeb­nis sei­nes zwei­ten Staats­examens und der Dau­er sei­ner haupt­be­ruf­li­chen Tätig­keit als Rechts­an­walt her. Er hat in den fünf Jah­ren vor dem Bewer­bungs­stich­tag ledig­lich 22 Nie­der­schrif­ten beur­kun­det und inner­halb eines Zeit­raums von drei Jah­ren zwei Ver­tre­tun­gen mit min­des­tens 14tägiger Ver­tre­tungs­zeit nach­ge­wie­sen. Fak­tisch feh­len dem Klä­ger danach hin­rei­chen­de prak­ti­sche Erfah­run­gen im Bereich des Nota­ri­ats. Bei die­ser Sach­la­ge lag es in dem wei­ten orga­ni­sa­to­ri­schen Ermes­sen des Beklag­ten, das Aus­wahl- und Beset­zungs­ver­fah­ren abzu­bre­chen.

Über die Been­di­gung des Aus­wahl­ver­fah­rens wur­de der Klä­ger hin­rei­chend infor­miert. Zwar wur­de ihm nicht aus­drück­lich mit­ge­teilt, dass das Beset­zungs­ver­fah­ren abge­bro­chen wor­den ist. Doch ergab sich unter den Umstän­den des Streit­falls zwangs­läu­fig aus der Mit­tei­lung im Bescheid vom 16.02.2011, dass die Stel­le nicht auf den Klä­ger über­tra­gen wird, dass das Beset­zungs­ver­fah­ren tat­säch­lich abge­bro­chen ist. Bereits mit Schrei­ben vom 28.12.2010 wur­de der Klä­ger unter Nen­nung der drei „zum Zuge kom­men­den“ Bewer­ber davon in Kennt­nis gesetzt, dass der Beklag­te davon abse­hen möch­te, ihm eine der im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­al­blatt Nord­rhein-West­fa­len vom 15.05.2010 aus­ge­schrie­be­nen Stel­len zu über­tra­gen. Dem Klä­ger war damals bekannt, dass er der ein­zi­ge ver­blie­be­ne Bewer­ber auf die noch freie Stel­le war, wobei zwei der Stel­len mit Kanz­lei­kol­le­gen besetzt wor­den sind. Die ent­spre­chen­de Kennt­nis ergibt sich aus dem Schrei­ben des Klä­gers vom 02.02.2011 an den Beklag­ten. Dort geht der Klä­ger ersicht­lich davon aus, dass er der ein­zi­ge Bewer­ber für die ver­blie­be­ne vier­te Stel­le ist. Denn er ver­tritt die Auf­fas­sung, dass die Rege­lung des § 6 Abs. 3 BNo­tO bei der Prü­fung sei­ner Qua­li­fi­ka­ti­on nicht her­an­zu­zie­hen sei. Die Vor­schrift die­ne ledig­lich dazu, „für den Fall, dass die Zahl der Bewer­ber die Zahl der aus­ge­schrie­be­nen Notar­stel­len über­steigt, eine Rei­hen­fol­ge unter den Bewer­bern her­zu­stel­len.“ Bei die­ser Sach­la­ge erscheint eine wei­te­re aus­drück­li­che Mit­tei­lung der Abbruch­ent­schei­dung des Beklag­ten ent­behr­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Juli 2012 – NotZ(Brfg) 16/​11

  1. vgl. dazu BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 12.07.2011 – 1 BvR 1616/​11, IÖD 2011, 242; BVerwG, Urteil vom 22.07.1999 – 2 C 14/​98, NVwZRR 2000, 172 und Urteil vom 26.01.2012 – 2 A 7/​09[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.07.2011 – 1 BvR 1616/​11, aaO Rn. 24; BVerwG, Urteil vom 22.07.1999 – 2 C 14/​98, aaO Rn. 25 f. und vom 26.01.2012 – 2 A 7/​09, mwN[]
  3. BVerwG, Urteil vom 26.01.2012 – 2 A 7/​09, mwN[]
  4. BVerwG, Urteil vom 22.07.1999 – 2 C 14/​98 aaO Rn. 29[]
  5. vgl. BVerfG, aaO Rn. 24; BVerwG, Urteil vom 22.07.1999 – 2 C 14/​98, aaO Rn. 26 und Urteil vom 26.01.2012 – 2 A 7/​09, juris Rn. 27[]
  6. BVerwG, Urteil vom 26.01.2012 – 2 A 7/​09, juris Rn. 28[]
  7. vgl. auch BGH, Beschluss vom 05.05.1980 – NotZ 1/​80, DNotZ 1981, 59 Rn. 25[]