Alters­gren­ze für Nota­re – und die EU-Grund­rech­te-Char­ta

Die in § 47 Nr. 1, § 48a BNo­tO bestimm­te Alters­gren­ze ist – die Anwend­bar­keit der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (EuGrC) unter­stellt – mit Art. 15, 16, 17 und 21 EuGrC ver­ein­bar.

Alters­gren­ze für Nota­re – und die EU-Grund­rech­te-Char­ta

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs1 und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts2 ver­sto­ßen § 47 Nr. 1 und § 48a BNo­tO weder gegen das Grund­ge­setz noch gegen das aus der Richt­li­nie 2000/​78/​EG des Rates vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf3 fol­gen­de Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Alters. Hier­an hält der Bun­des­ge­richts­hof fest.

Ins­be­son­de­re hat sich der Bun­des­ge­richts­hof in den Beschlüs­sen vom 25. Novem­ber 20134 mit der neue­ren Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu beruf­li­chen Alters­gren­zen aus­ein­an­der gesetzt.

Soweit das Bestehen der für die Ein­füh­rung der Alters­gren­ze für den Gesetz­ge­ber maß­ge­ben­den Grün­de in Abre­de gestellt bezie­hungs­wei­se gel­tend gemacht wird, die­se sei­en mitt­ler­wei­le über­holt, ist, eben­so wie in den BGH-Beschlüs­sen vom 25. Novem­ber 20134, auf die von den Gerich­ten aus Grün­den der Gewal­ten­tei­lung zu respek­tie­ren­de Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve der Legis­la­ti­ve und deren Gestal­tungs­spiel­raum zu ver­wei­sen.

Unbe­hel­flich ist der Hin­weis auf die unter­schied­li­che Alters­ver­sor­gung im Bereich des haupt­be­ruf­li­chen Nota­ri­ats (§ 3 Abs. 1 BNo­tO) und des Anwalts­no­ta­ri­ats (§ 3 Abs. 2 BNo­tO) sowie auf die ledig­lich für die haupt­be­ruf­li­chen Nota­re (in Teil­ge­bie­ten) gewähr­leis­te­te Ein­kom­mens­er­gän­zung. Maß­ge­bend für die Alters­gren­ze des § 48a BNo­tO ist die Siche­rung einer geord­ne­ten Alters­struk­tur des akti­ven Nota­ri­ats und die Not­wen­dig­keit, im Inter­es­se der beruf­li­chen Per­spek­ti­ve jün­ge­rer Anwär­ter für eine aus­rei­chen­de Fluk­tua­ti­on zu sor­gen, da ande­ren­falls für die Beset­zung der nur in begrenz­ter Zahl zur Ver­fü­gung ste­hen­den Notar­stel­len (§ 4 Satz 1 BNo­tO) nicht, jeden­falls nicht mit der erfor­der­li­chen Vor­her­seh­bar­keit und Plan­bar­keit gewähr­leis­tet wäre, dass lebens­äl­te­re Nota­re die ihnen zuge­wie­se­nen Stel­len für jün­ge­re Bewer­ber frei­ma­chen5. Für das haupt­be­ruf­li­che wie das Anwalts­no­ta­ri­at bestehen die­se Grün­de glei­cher­ma­ßen, da in bei­den Berufs­for­men im Inter­es­se einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge die Limi­tie­rung der Stel­len­an­zahl nach § 4 BNo­tO gilt6. Die­sen für die Alters­gren­ze maß­geb­li­chen Grün­den fehlt ein inhalt­li­cher Bezug zur Art und Wei­se, wie die Ein­kom­mens­si­che­rung akti­ver Nota­re und die Ver­sor­gung der Nota­re, deren Amt nach § 47 Nr. 1, § 48a BNo­tO erlo­schen ist, aus­ge­stal­tet ist.

Auch im Übri­gen ist nicht von Bedeu­tung, ob die Tätig­keit des Anwalts­no­tars in ihrer fak­ti­schen Aus­ge­stal­tung stär­ker einem frei­en Beruf ähnelt als die­je­ni­ge eines haupt­be­ruf­li­chen Notars. Die für die Alters­gren­ze maß­ge­ben­den Grün­de gel­ten, wie aus­ge­führt, für die Nota­ri­ats­for­men des § 3 Abs. 1 und 2 BNo­tO in glei­cher Wei­se.

Auch kann der Notar nicht Art. 15, 16, 17 und 21 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on vom 12.12 20077 (EuGrC) für sei­ne Rechts­po­si­ti­on nutz­bar machen. Bereits der Anwen­dungs­be­reich der Char­ta dürf­te auch unter Berück­sich­ti­gung der Aus­le­gung von Art. 51 Abs. 1 Satz 1 EuGrC durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem Urteil vom 26. Febru­ar 20138 nicht eröff­net sein, da die Zustän­dig­keit für das Berufs­recht der Nota­re nicht auf die Euro­päi­sche Uni­on über­tra­gen ist9. Die nota­ri­el­le Tätig­keit dürf­te zudem nicht vom Schutz­be­reich der Art. 16 und 17 EuGrC erfasst sein. Art. 16 EuGrC garan­tiert die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit – auch – nach Maß­ga­be der ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und Gepflo­gen­hei­ten. Die nota­ri­el­le Tätig­keit ist jedoch ent­ge­gen dem Ver­ständ­nis des Notars kei­ne unter­neh­me­ri­sche, son­dern ein öffent­li­ches Amt (§ 1 BNo­tO). Dies wird durch das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 24. Mai 201110 nicht in Fra­ge gestellt, der die Urkunds­tä­tig­keit der deut­schen Nota­re nicht als die Aus­übung öffent­li­cher Gewalt im Sin­ne des Art. 45 Abs. 1 EG (= Art. 51 Abs. 1 AEUV) qua­li­fi­ziert hat. Der Bun­des­ge­richts­hof nimmt inso­weit auf sein den­sel­ben Notar betref­fen­des Urteil vom 4. März 201311 Bezug. Unter ande­rem der (schlicht) hoheit­li­che Cha­rak­ter der nota­ri­el­len Amts­tä­tig­keit dürf­te auch ihrer Ein­be­zie­hung in den Schutz­be­reich des Art. 17 Abs. 1 EuGrC ent­ge­gen­ste­hen, der das pri­va­te Eigen­tum garan­tiert.

Selbst wenn die Anwend­bar­keit der EU-Grund­rech­te­char­ta auf den vor­lie­gen­den Sach­ver­halt und die Ein­be­zie­hung der nota­ri­el­len Tätig­keit in die Schutz­be­rei­che sämt­li­cher vom Notar ange­führ­ter Grund­rech­te unter­stellt wird, wür­de sich hier­aus ein Wider­spruch zu § 47 Nr. 1, § 48a BNo­tO nicht erge­ben. Viel­mehr beinhal­ten die­se Bestim­mun­gen eine nach Art. 52 Abs. 1 EuGrC zuläs­si­ge Ein­schrän­kung der – hypo­the­tisch – betrof­fe­nen aus der Char­ta fol­gen­den Rech­te. Nach die­ser Vor­schrift muss jede Ein­schrän­kung der Aus­übung der in der Char­ta aner­kann­ten Rech­te und Frei­hei­ten gesetz­lich vor­ge­se­hen sein, deren Wesens­ge­halt ach­ten und unter Wah­rung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit erfor­der­lich sein und den von der Uni­on aner­kann­ten dem Gemein­wohl die­nen­den Ziel­set­zun­gen oder den Erfor­der­nis­sen des Schut­zes der Rech­te und Frei­hei­ten ande­rer tat­säch­lich ent­spre­chen. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zur Ver­hält­nis­mä­ßig­keit des fest­ge­stell­ten Ein­griffs dür­fen nicht die Gren­zen des­sen über­schrit­ten wer­den, was zur Errei­chung der mit der frag­li­chen Rege­lung zuläs­si­ger­wei­se ver­folg­ten Zie­le geeig­net und erfor­der­lich ist, wobei zu beach­ten ist, dass dann, wenn meh­re­re geeig­ne­te Maß­nah­men zur Aus­wahl ste­hen, die am wenigs­ten belas­ten­de zu wäh­len ist und die ver­ur­sach­ten Nach­tei­le nicht außer Ver­hält­nis zu den ange­streb­ten Zie­len ste­hen dür­fen12. Die Alters­gren­ze der Nota­re dient, wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits wie­der­holt aus­ge­führt hat13, einem legi­ti­men Ziel des All­ge­mein­wohls. Mil­de­re Mit­tel, um die­ses Ziel, die Siche­rung einer geord­ne­ten Alters­struk­tur des akti­ven Nota­ri­ats und die Gewähr­leis­tung einer aus­rei­chen­den Fluk­tua­ti­on im Inter­es­se der beruf­li­chen Per­spek­ti­ve jün­ge­rer Anwär­ter (nicht, wor­auf der Notar wie­der­holt abstellt, die Siche­rung der kör­per­li­chen und geis­ti­gen Leis­tungs­fä­hig­keit der akti­ven Nota­re), zu errei­chen, sind nicht ersicht­lich.

Die Vor­aus­set­zun­gen für ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ge­richts­hofs an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 AEUV sind nicht erfüllt. Der Bun­des­ge­richts­hof nimmt inso­weit zunächst auf die Aus­füh­run­gen in sei­nen Beschlüs­sen vom 22.03.201014; und vom 25.11.201315 Bezug. Die hier­in ange­stell­ten ergän­zen­den Erwä­gun­gen zum Uni­ons­recht lie­gen eben­falls der­art auf der Hand, dass eine Vor­la­ge gemäß Art. 267 AEUV nach den Maß­stä­ben der so genann­ten acte­c­lair-Dok­trin16 aus­schei­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. März 2014 – NotZ(Brfg) 21/​13

  1. BGH, Beschlüs­se vom 22.03.2010 – NotZ 16/​09, BGHZ 185, 30; vom 23.07.2012 – NotZ(Brfg) 15/​11, DNotZ 2013, 76; und vom 25.11.2013 – NotZ(Brfg) 11/​13; NotZ(Brfg) 8/​13; und NotZ(Brfg) 12/​13
  2. BVerfG, Beschluss vom 05.01.2011 – 1 BvR 2870/​10, NJW 2011, 1131
  3. ABl. EG L 303/​16
  4. BGH, Beschlüs­se vom 25.11.2013 – NotZ(Brfg) 11/​13; und NotZ(Brfg) 12/​13
  5. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 22.03.2010 aaO Rn. 8 f, 29; und vom 25.11.2013 – NotZ(Brfg) 11/​13; sowie NotZ(Brfg) 12/​13, aaO Rn. 6
  6. vgl. zur Ver­ein­bar­keit der Begren­zung der Zahl und der ört­li­chen Zustän­dig­keit der Nota­re mit Art. 43 EG und Art. 49 AEUV: EuGH, Urteil vom 24.05.2011 – C‑54/​08, NJW 2011, 2941 Rn. 98
  7. Abl. Nr. L 303 S. 1
  8. EuGH, Urteil vom 26.02.2013 – C‑617/​10 – Aker­berg Frans­son, NJW 2013, 1415 Rn. 17 ff
  9. BGH, Beschlüs­se vom 22.03.2010 – NotZ 16/​09, BGHZ 185, 30 Rn. 14; und vom 26.11.2007 – NotZ 23/​07, BGHZ 174, 273 Rn. 27
  10. EuGH, Urteil vom 24.05.2011 – C‑54/​08, NJW 2011, 2941
  11. BGH, Urteil vom 04.03.2013 – NotZ(Brfg) 9/​12, BGHZ 196, 271 Rn.19 mwN
  12. z.B. EuGH, Urteil vom 22.01.2013 – C‑283/​11, K&R 2013, 176 Rn. 50 mwN
  13. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 25.11.2013 – NotZ(Brfg) 11/​13; vom 23.07.2012 – NotZ(Brfg) 15/​11, DNotZ 2013, 76; und vom 22.03.2010
  14. BGH, Beschluss vom 22.03.2010, aaO; sie­he hier­zu auch BVerfG Rn. 14
  15. BGH, Beschlüs­se vom 25.11.2013 – NotZ(Brfg) 11/​12; und NotZ(Brfg) 12/​13
  16. sie­he hier­zu z.B. BGH, Beschlüs­se vom 22.03.2010 aaO ; und vom 26.11.2007 – NotZ 23/​07, BGHZ 174, 273 Rn. 34