Appro­ba­ti­ons­wi­der­ruf wegen Abrech­nungs­be­trug

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 1, sind die Ver­wal­tungs­be­hör­den in appro­ba­ti­ons­recht­li­chen Ver­fah­ren an Ent­schei­dun­gen der Straf­ge­rich­te über die Anord­nung eines Berufs­ver­bo­tes nach § 70 StGB nicht gebun­den.

Appro­ba­ti­ons­wi­der­ruf wegen Abrech­nungs­be­trug

Sie dür­fen aller­dings in den Fäl­len, in denen das Straf­ge­richt im Rah­men der Anord­nung einer Maß­re­gel der Bes­se­rung und Siche­rung zur Fra­ge der wei­te­ren Berufs­aus­übung bereits Stel­lung genom­men hat, nur tätig wer­den, soweit der mit der berufs­recht­li­chen Maß­nah­me ver­folg­te Zweck durch die im Straf­ver­fah­ren anord­ne­te Maß­re­gel noch nicht erreicht wor­den ist, son­dern im Sin­ne eines "Über­hangs" tat­über­grei­fen­der Aspek­te noch zusätz­lich eine berufs­recht­li­che Reak­ti­on erfor­dert.

Dafür kommt es maß­geb­lich dar­auf an, ob das Straf­ge­richt im Rah­men der Prü­fung des Berufs­ver­bots den Sach­ver­halt unter berufs­recht­li­chen Gesichts­punk­ten erschöp­fend gewür­digt, alle bedeut­sa­men Aspek­te bereits geprüft und damit die maß­geb­li­chen berufs­recht­li­chen Erwä­gun­gen im Kern vor­weg­ge­nom­men hat.

Dies gilt zunächst mit Blick auf die Anord­nung des vor­läu­fi­gen Berufs­ver­bots nach § 132a StPO in Ver­bin­dung mit § 70 StGB. Das vor­läu­fi­ge Berufs­ver­bot ist als Prä­ven­tiv­maß­nah­me mit Sofort­wir­kung allein dar­auf gerich­tet, im Zeit­raum bis zum rechts­kräf­ti­gen Abschluss des Haupt­ver­fah­rens Gefah­ren für wich­ti­ge Gemein­schafts­gü­ter abzu­weh­ren, die aus einer Berufs­aus­übung durch den Beschul­dig­ten resul­tie­ren kön­nen 2. Es wird regel­mä­ßig in einem Ver­fah­rens­sta­di­um erlas­sen, in dem die Sach­ver­halts­er­mitt­lung noch nicht abge­schlos­sen ist. Dies schließt es aus, dass bei der Ent­schei­dung über die Anord­nung und auch die Auf­he­bung eines ange­ord­ne­ten vor­läu­fi­gen Berufs­ver­bots alle bedeut­sa­men Aspek­te bereits geprüft, auch die berufs­recht­li­chen Gesichts­punk­ten erschöp­fend gewür­digt und damit die maß­geb­li­chen berufs­recht­li­chen Erwä­gun­gen im Kern vor­weg­ge­nom­men wor­den sind.

Glei­ches gilt aber auch mit Blick auf ein rechts­kräf­ti­ges Straf­ur­teil, mit dem ein Berufs­ver­bot gegen­über dem Arzt nicht ange­ord­net wor­den ist. Denn selbst wenn das Straf­ge­richt bewusst von der Ver­hän­gung eines Berufs­ver­bo­tes als Maß­re­gel der Bes­se­rung und Siche­rung abge­se­hen haben soll­te, schränkt dies die den Ver­wal­tungs­be­hör­den ein­ge­räum­te Befug­nis zur Unter­sa­gung eines Berufs nicht ein 3.

Im Übri­gen hat sich das Straf­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall nicht der­art zur Fra­ge eines Berufs­ver­bo­tes ver­hal­ten, dass es des­sen Anord­nung unter Prü­fung aller bedeut­sa­men Aspek­te, unter erschöp­fen­der Wür­di­gung aller berufs­recht­li­chen Gesichts­punk­te und Vor­weg­nah­me aller maß­geb­li­chen berufs­recht­li­chen Erwä­gun­gen aus­ge­schlos­sen hat. Es hat viel­mehr im Rah­men der Straf­zu­mes­sung zu Guns­ten des Arzts berück­sich­tigt, dass es den Ent­zug der Kas­sen­arzt­zu­las­sung und auch der Appro­ba­ti­on für wahr­schein­lich hält. Das Straf­ge­richt selbst hat mit­hin einen eine berufs­recht­li­che Reak­ti­on erfor­dern­den Über­hang der vom Arzt began­ge­nen Straf­ta­ten gese­hen. Mit Blick auf den hier erfolg­ten Wider­ruf der Appro­ba­ti­on wegen Unwür­dig­keit zur Aus­übung des ärzt­li­chen Berufs, der nicht das bis­he­ri­ge Ver­hal­ten des Arz­tes sank­tio­nie­ren, son­dern das Anse­hen der Ärz­te­schaft in den Augen der Öffent­lich­keit schüt­zen soll, dies frei­lich nicht als Selbst­zweck, son­dern um das für jede Heil­be­hand­lung unab­ding­ba­re Ver­trau­en der Pati­en­ten in die Inte­gri­tät der Per­so­nen auf­recht zu erhal­ten, denen mit der Appro­ba­ti­on die staat­li­che Erlaub­nis zur selb­stän­di­gen Aus­übung der Heil­kun­de ver­lie­hen ist und in deren Behand­lung sich die Pati­en­ten bege­ben 4, ist dies auch offen­sicht­lich.

Ver­wer­tung der Fest­stel­lun­gen des Straf­ur­teils

Bei Ent­schei­dun­gen über den Wider­ruf einer Appro­ba­ti­on dür­fen die in einem rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teil oder auch Straf­be­fehl ent­hal­te­nen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Fest­stel­lun­gen regel­mä­ßig zur Grund­la­ge einer behörd­li­chen oder gericht­li­chen Beur­tei­lung der betrof­fe­nen Per­sön­lich­keit gemacht wer­den 5.

Etwas ande­res gilt aus­nahms­wei­se dann, wenn gewich­ti­ge Anhalts­punk­te für die Unrich­tig­keit der tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Fest­stel­lun­gen bestehen 6, etwa weil Wie­der­auf­nah­me­grün­de gege­ben sind, die maß­geb­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Straf­ge­richts erkenn­bar auf einem Irr­tum beru­hen oder die Appro­ba­ti­ons­be­hör­de aus­nahms­wei­se in der Lage ist, eine für ihre Ent­schei­dung erheb­li­che, aber strit­ti­ge Tat­sa­che bes­ser als das Straf­ge­richt auf­zu­klä­ren 7.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 28. Juli 2014 – 8 LA 145/​13

  1. vgl. Beschluss vom 27.10.2010 – BVerwG 3 B 61.10 3; Urteil vom 28.04.2010 – BVerwG 3 C 22.09, BVerw­GE 137, 1, 8 f.; Urteil vom 14.02.1963 – BVerwG I C 98.62, BVerw­GE 15, 282, 286 f.; vgl. auch Nds. OVG, Beschluss vom 18.04.2012 – 8 LA 6/​11 26[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.12.2005 – 2 BvR 673/​05, EuGRZ 2006, 197, 198[]
  3. vgl. BVerwG, Beschluss vom 14.04.1998 – BVerwG 3 B 95.97, NJW 1999, 3425; Urteil vom 14.02.1963, a.a.O.; Nds. OVG, Beschl. v. 18.04.2012, a.a.O.[]
  4. vgl. Nds. OVG; Beschluss vom 07.02.2014 – 8 LA 84/​13, GesR 2014, 183, 188 m.w.N.[]
  5. vgl. BVerwG, Beschluss vom 18.08.2011 – BVerwG 3 B 6.11 10; Beschluss vom 6.03.2003 – BVerwG 3 B 10.03 2; Urteil vom 26.09.2002 – BVerwG 3 C 37.01, NJW 2003, 913, 916; Nds. OVG, Beschl. v. 13.01.2009 – 8 LA 88/​08 4 f. jeweils m.w.N.[]
  6. vgl. BVerwG, Beschluss vom 18.08.2011, a.a.O.; Beschluss vom 6.03.2003, a.a.O.; Urteil vom 26.09.2002, a.a.O.[]
  7. vgl. Nds. OVG, Beschl. v. 18.04.2012, a.a.O., Rn. 21 m.w.N.[]