Archi­tek­ten­haf­tung und der Steil­küs­ten­ab­bruch auf Rügen

Inwie­weit haf­tet ein Archi­tekt bzw. Sta­ti­ker, wenn er es unter­lässt, mit dem Bau­herrn Risi­ken zu erör­tern, denen das Bau­vor­ha­ben aus­ge­setzt ist? Mit die­ser Fra­ge hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einer "Rüge­ner Ver­si­on" zu befas­sen:

Archi­tek­ten­haf­tung und der Steil­küs­ten­ab­bruch auf Rügen

Der mit der Grund­la­gen­er­mitt­lung beauf­trag­te Archi­tekt muss mit dem Auf­trag­ge­ber erör­tern, ob die­ser trotz ihm bekann­ter risi­ko­rei­cher Boden­ver­hält­nis­se – hier: unzu­rei­chen­de Stand­si­cher­heit des Bau­vor­ha­bens wegen der Lage an einem abbruch­ge­fähr­de­ten Steil­hang – an dem Bau­vor­ha­ben fest­hal­ten will. Unter­lässt der Archi­tekt die gebo­te­ne Erör­te­rung, ist er beweis­pflich­tig dafür, dass der Auf­trag­ge­ber an dem Bau­vor­ha­ben fest­ge­hal­ten hät­te, wenn ihm die Gefähr­dung in ihrer gan­zen Trag­wei­te bewusst gemacht wor­den wäre. Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für den Trag­werks­pla­ner, weil auch er im Rah­men der von ihm ver­trag­lich über­nom­me­nen Grund­la­gen­er­mitt­lung stand­ort­be­zo­ge­ne Ein­flüs­se unter Berück­sich­ti­gung der Boden­ver­hält­nis­se in Zusam­men­ar­beit mit dem Auf­trag­ge­ber klä­ren muss.

Muss sich dem Auf­trag­ge­ber auf­grund eige­ner Kennt­nis tat­säch­li­cher Umstän­de auf­drän­gen, dass die Pla­nung des Archi­tek­ten sowie die Sta­tik des Trag­werks­pla­ners eine bestimm­te Gefah­ren­la­ge in Kauf neh­men, ver­stößt der Auf­trag­ge­ber regel­mä­ßig gegen die in sei­nem eige­nen Inter­es­se bestehen­de Oblie­gen­heit, sich selbst vor Scha­den zu bewah­ren, wenn er die Augen vor der Gefah­ren­la­ge ver­schließt und das Bau­vor­ha­ben durch­führt 1.

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall klag­te die Eigen­tü­me­rin eines Grund­stücks an der Steil­küs­te von Rügen. Sie plan­te unter ande­rem, einen dort vor meh­re­ren Jahr­zehn­ten errich­te­ten Alt­bau zu sanie­ren. Ein von der Klä­ge­rin in Auf­trag gege­be­nes Bau­grund­gut­ach­ten emp­fahl, dort einen bebau­ungs­frei­en Sicher­heits­kor­ri­dor zu belas­sen. Der von der Klä­ge­rin bean­trag­te Bau­vor­be­scheid wur­de abge­lehnt, weil die Stand­si­cher­heit des Han­ges in die­sem Bereich nicht gewähr­leis­tet sei. Die Bau­ge­neh­mi­gung wur­de im Okto­ber 2001 mit der Auf­la­ge erteilt, am Stand­ort des Alt­baus genaue­re Boden­un­ter­su­chun­gen vor­zu­neh­men. Die Beklag­ten – eine Archi­tek­ten­ge­sell­schaft und der Sta­ti­ker – unter­lie­ßen dies. Ende 2003 war das Sanie­rungs­vor­ha­ben fer­tig­ge­stellt. Im März 2005 brach ein gro­ßes Stück der Steil­küs­te weg. Der unmit­tel­bar an der Abbruch­stel­le gele­ge­ne Alt­bau durf­te nicht mehr genutzt wer­den; spä­ter muss­te das Gebäu­de abge­ris­sen wer­den.

Die Klä­ge­rin hat von den Beklag­ten in ers­ter Linie Scha­dens­er­satz, bezif­fert mit rund 2.9 Mil­lio­nen €, ver­langt. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Stral­sund hat die Scha­dens­er­satz­kla­ge abge­wie­sen 2. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat dage­gen das Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock in sei­nem Beru­fungs­ur­teil dem Scha­dens­er­satz­an­spruch dem Grun­de nach unein­ge­schränkt statt­ge­ge­ben 3. Auf die vom Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­ne Revi­si­on der Beklag­ten hat nun der Bun­des­ge­richts­hof das ange­foch­te­ne Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock zurück­ver­wie­sen:

Die beklag­ten Archi­tek­ten und Sta­ti­ker haben nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs ihre ver­trag­li­chen Pflich­ten in zwei­fa­cher Hin­sicht ver­letzt:

Zum einen haben sie es unter­las­sen, die Risi­ken eines mög­li­chen Steil­han­gab­bruchs mit der Klä­ge­rin zu erör­tern. Zwar kann­te die Klä­ge­rin tat­säch­li­che Umstän­de, aus denen sich die Gefähr­dung ergab. Das gestat­tet aber nicht den Schluss, dass sie deren gesam­te Trag­wei­te zutref­fend bewer­tet hat.

Zum ande­ren haben die Beklag­ten die nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs gebo­te­nen wei­te­ren Bau­grund­un­ter­su­chun­gen nicht ver­an­lasst.

Das Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock muss nun im zwei­ten Durch­gang fest­zu­stel­len, ob sich die Klä­ge­rin auch bei pflicht­ge­mä­ßem Ver­hal­ten der Beklag­ten für das Bau­vor­ha­ben ent­schie­den hät­te, wobei es maß­geb­lich auf die Sicht­wei­se ankommt, bevor sich das Risi­ko rea­li­sier­te. Dabei kommt der Klä­ge­rin eine Beweis­last­um­kehr zugu­te.

Soll­te das OLG Ros­tock eine Haf­tung der Beklag­ten dem Grun­de nach erneut beja­hen, ist ein Mit­ver­schul­den der Klä­ge­rin zu berück­sich­ti­gen. Muss sich dem Auf­trag­ge­ber, wie hier, auf­grund eige­ner Kennt­nis tat­säch­li­cher Umstän­de auf­drän­gen, dass die Pla­nung des Archi­tek­ten sowie die Sta­tik des Trag­werks­pla­ners eine bestimm­te Gefah­ren­la­ge in Kauf neh­men, ver­stößt der Auf­trag­ge­ber regel­mä­ßig gegen die in sei­nem eige­nen Inter­es­se bestehen­de Oblie­gen­heit, sich selbst vor Scha­den zu bewah­ren, wenn er die Augen vor der Gefah­ren­la­ge ver­schließt und das Bau­vor­ha­ben durch­führt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Juni 2013 – VII ZR 4/​12

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 10.02.2011 – VII ZR 8/​10, BauR 2011, 869 = NZBau 2011, 360[]
  2. LG Stral­sund, Urteil vom 15.12.2009 – 4 O 173/​07[]
  3. OLG Ros­tock, Urteil vom 19.12.2011 – 7 U 3/​10[]