Aus­schrei­bung mit Kurz­text­leis­tungs­ver­zeich­nis

Legt der öffent­li­che Auf­trag­ge­ber den Ver­ga­be­un­ter­la­gen ein Kurz­text­leis­tungs­ver­zeich­nis bei, darf der Bie­ter als Adres­sat dies dahin ver­ste­hen, bei des­sen Ver­wen­dung zur Beschrei­bung der ange­bo­te­nen Leis­tung nur die dar­in gefor­der­ten Anga­ben machen zu müs­sen. Der öffent­li­che Auf­trag­ge­ber kann in die­sem Fall den Aus­schluss des Ange­bots nicht dar­auf stüt­zen, er habe sich an ande­rer Stel­le in den Ver­ga­be­un­ter­la­gen aus­be­dun­gen, dass bei Ver­wen­dung selbst­ge­fer­tig­ter Abschrif­ten oder Kurz­fas­sun­gen alle im Lang­text­leis­tungs­ver­zeich­nis gefor­der­ten Tex­ter­gän­zun­gen in das Kurz­text­ver­zeich­nis über­tra­gen wer­den müs­sen.

Aus­schrei­bung mit Kurz­text­leis­tungs­ver­zeich­nis

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kor­re­spon­diert mit der Aus­schluss­sank­ti­on für Ange­bo­te, wel­che gefor­der­te Erklä­run­gen nicht ent­hal­ten, die Ver­pflich­tung der Auf­trag­ge­ber, die Ver­ga­be­un­ter­la­gen so ein­deu­tig zu gestal­ten, dass die Bie­ter ihnen deut­lich und sicher ent­neh­men kön­nen, wel­che Erklä­run­gen von ihnen in wel­chem Sta­di­um des Ver­ga­be­ver­fah­rens abzu­ge­ben sind. Genü­gen die Ver­ga­be­un­ter­la­gen dem nicht, darf der Auf­trag­ge­ber ein Ange­bot nicht ohne wei­te­res wegen Feh­lens einer ent­spre­chen­den Erklä­rung aus der Wer­tung neh­men, son­dern muss die­ses Defi­zit der Ver­ga­be­un­ter­la­gen aus­glei­chen und den Bie­tern Gele­gen­heit geben, die frag­li­chen Erklä­run­gen nach­zu­rei­chen1.

Für das Ver­ständ­nis der vom Auf­trag­ge­ber vor­for­mu­lier­ten Ver­ga­be­un­ter­la­gen ist der objek­ti­ve Emp­fän­ger­ho­ri­zont der poten­ti­el­len Bie­ter, also eines abs­trakt bestimm­ten Adres­sa­ten­krei­ses, maß­geb­lich2. Bei der Prü­fung, wel­cher Erklä­rungs­ge­halt den über­mit­tel­ten Ver­ga­be­un­ter­la­gen in ihrer Gesamt­heit aus der Sicht der Bie­ter zukam, ist zu berück­sich­ti­gen, dass die­se Unter­la­gen ein vom öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber selbst vor­for­mu­lier­tes Kurz­text­leis­tungs­ver­zeich­nis ein­schlos­sen. Die Ver­wen­dung von Kurz­fas­sun­gen des Leis­tungs­ver­zeich­nis­ses ist im öffent­li­chen Auf­trags­we­sen eine seit lan­gem gebräuch­li­che Ratio­na­li­sie­rungs­hil­fe. Mit sol­chen Aus­zü­gen aus dem Ange­bot kann sich die Ver­ga­be­stel­le über­blicks­ar­tig ein Bild von dem für sie wesent­li­chen Gehalt des Ange­bots machen. Nach der seit dem 11. Juni 2010 gel­ten­den Fas­sung der Ver­ga­beund Ver­trags­ord­nung für Bau­leis­tun­gen kön­nen Bie­ter für die Ange­bots­ab­ga­be stets selbst­ge­fer­tig­te Abschrif­ten oder Kurz­fas­sun­gen des Leis­tungs­ver­zeich­nis­ses benut­zen (vgl. § 13 Abs. 1 Nr. 6 VOB/​A), wenn die in die­ser Vor­schrift vor­ge­se­he­nen Anga­ben gemacht wer­den; nach der im Streit­fall anwend­ba­ren Fas­sung der Ver­ga­beund Ver­trags­ord­nung gilt sinn­ge­mäß das Glei­che (§ 21 Nr. 1 Abs. 4 VOB/​A aF). Die Ver­ga­beund Ver­trags­ord­nung für Bau­leis­tun­gen selbst bestimmt den unab­ding­ba­ren Inhalt sol­cher Kurz­fas­sun­gen ledig­lich dahin, dass die Ord­nungs­zah­len (Posi­tio­nen) voll­zäh­lig, in der glei­chen Rei­hen­fol­ge und mit den glei­chen Num­mern wie in dem vom Auf­trag­ge­ber ver­fass­ten Leis­tungs­ver­zeich­nis anzu­ge­ben sind (vgl. § 13 Abs. 1 Nr. 6 VOB/​A; § 21 Nr. 1 Abs. 4 VOB/​A aF); dem Auf­trag­ge­ber ist es aber grund­sätz­lich nicht ver­wehrt, inso­weit wei­ter­ge­hen­de Anfor­de­run­gen zu stel­len3.

Es mag zwar auf der Hand lie­gen, dass ein Bie­ter, der eine selbst­ge­fer­tig­te Abschrift oder statt des­sen eine selbst­ge­fer­tig­te Kurz­fas­sung des Leis­tungs­ver­zeich­nis­ses benut­zen will, sich anhand der Ver­ga­be­un­ter­la­gen ver­ge­wis­sern muss, wel­che Anga­ben dar­in zu machen sind. Zu klä­ren, wel­che Infor­ma­tio­nen von der Ver­ga­be­stel­le bei Ver­wen­dung eines selbst gefer­tig­ten Kurz­text­leis­tungs­ver­zeich­nis­ses ver­langt wer­den, hat ein Bie­ter dann aber kei­nen Anlass, wenn die Ver­ga­be­stel­le, wie im Streit­fall, dafür ein von ihr selbst vor­for­mu­lier­tes Ver­zeich­nis zur Ver­fü­gung stellt. Liegt den Ver­ga­be­un­ter­la­gen ein sol­ches Ver­zeich­nis bei, darf der Bie­ter als Adres­sat dies dahin ver­ste­hen, bei Ver­wen­dung der Unter­la­ge der Ver­ga­be­stel­le zur Beschrei­bung der ange­bo­te­nen Leis­tung nur die dort gefor­der­ten Anga­ben machen zu müs­sen. Han­delt es sich dabei um ein Kurz­leis­tungs­ver­zeich­nis, in dem Tex­ter­gän­zun­gen nicht vor­ge­se­hen sind, kann der öffent­li­che Auf­trag­ge­ber den Aus­schluss des Ange­bots nicht dar­auf stüt­zen, er habe sich an ande­rer Stel­le in den Ver­ga­be­un­ter­la­gen aus­be­dun­gen, dass bei Ver­wen­dung selbst­ge­fer­tig­ter Abschrif­ten oder Kurz­fas­sun­gen alle im Lang­text­leis­tungs­ver­zeich­nis gefor­der­ten Tex­ter­gän­zun­gen in das Kurz­text­ver­zeich­nis über­tra­gen wer­den müs­sen.

Ob unter dem Begriff des Leis­tungs­ver­zeich­nis­ses in den Bewer­bungs­be­din­gun­gen das Lang­text­leis­tungs­ver­zeich­nis zu ver­ste­hen ist, ist nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Soweit in die­ser Klau­sel gere­gelt ist, wel­che Min­dest­in­hal­te vom Bie­ter selbst gefer­tig­te Leis­tungs­ver­zeich­nis­se auf­wei­sen müs­sen, brauch­te ein bei der Ange­bots­er­stel­lung ratio­nell und sys­te­ma­tisch vor­ge­hen­der Bie­ter kei­nen Anlass zu sehen, sich mit die­ser Klau­sel zu befas­sen, wenn er, wie hier, ein auf­trag­ge­ber­sei­tig vor­ge­fer­tig­tes Kurz­text­leis­tungs­ver­zeich­nis benutz­te. Er muss­te nicht damit rech­nen, dass die­ses den gewünsch­ten Vor­ga­ben nicht nur nicht ent­sprach, son­dern des­sen unab­ge­än­der­te Ver­wen­dung sogar dazu berech­ti­gen soll­te, ein auf die­ser Basis ein­ge­reich­tes Ange­bot ohne wei­te­re Auf­klä­rung4 aus­zu­schlie­ßen. Andern­falls wür­de das Risi­ko für die hin­rei­chend kla­re Abfas­sung der Ver­ga­be­un­ter­la­gen in unan­ge­mes­se­ner Wei­se von der Ver­ga­be­stel­le als deren Ver­wen­de­rin auf die Bie­ter über­ge­wälzt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Janu­ar 2013 – X ZR 155/​10 – Park­haus­sa­nie­rung

  1. BGH, Urteil vom 03.04.2012 – X ZR 130/​10, Ver­ga­beR 2012, 724 Rn. 9 Stra­ßen­aus­bau
  2. BGH, Ver­ga­beR 2012, 724 Rn. 10 Stra­ßen­aus­bau; BGH, Urteil vom 11.11.1993 – VII ZR 47/​93, BGHZ 124, 64
  3. vgl. Krat­zen­berg in Ingenstau/​Korbion, VOB-Kom­men­tar, 18. Aufl., § A 13 Rn.20 f.
  4. vgl. dazu Krat­zen­berg aaO Rn. 21