Bera­tungs­pflich­ten des Steu­er­be­ra­ters bei Dau­er­man­dan­ten

Erar­bei­tet ein Steu­er­be­ra­ter mehr­mals hin­ter­ein­an­der für eine GmbH den steu­er­li­chen Jah­res­ab­schluss oder die Erklä­run­gen zu Kör­per­schaft­steu­ern und Gewer­be­steu­ern, so muss er auch in einem hier­auf beschränk­ten Dau­er­man­dat die inner­halb sei­nes Gegen­stands lie­gen­den Gestal­tungs­fra­gen, aus denen sich ver­deck­te Gewinn­aus­schüt­tun­gen erge­ben kön­nen, mit der Auf­trag­ge­be­rin erör­tern und auf das Risi­ko und sei­ne Grö­ße hin­wei­sen. Inwie­weit ein Steu­er­be­ra­ter Hin­wei­se auf gestal­tungs­ab­hän­gi­ge Steu­er­ri­si­ken haf­tungs­ver­mei­dend an Ange­stell­te sei­ner Auf­trag­ge­be­rin ertei­len kann oder ob er sie der Geschäfts­lei­tung unmit­tel­bar vor­tra­gen muss, hängt sowohl von der betrieb­li­chen als auch von der per­sön­li­chen Stel­lung der ange­spro­che­nen Ange­stell­ten (hier: Ehe­frau eines Fami­li­en­ge­sell­schaf­ters) ab.

Bera­tungs­pflich­ten des Steu­er­be­ra­ters bei Dau­er­man­dan­ten

Der Steu­er­be­ra­ter war im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen fall mit Über­nah­me sei­nes Man­da­tes jeden­falls beauf­tragt, für sei­ne Man­dan­tin die Kör­per­schaft­steu­er­erklä­run­gen zu ent­wer­fen. Spä­tes­tens hier­bei muss­te von ihm geprüft wer­den, ob die von der Finanz­ver­wal­tung spä­ter bean­stan­de­ten Bezü­ge der ange­stell­ten Gesell­schaf­ter als ver­deck­te Gewinn­aus­schüt­tung gemäß § 8 Abs. 3 Satz 2 KStG zu wer­ten waren, weil sie ein ordent­li­cher und gewis­sen­haf­ter Geschäfts­füh­rer einem Nicht­ge­sell­schaf­ter ver­sagt hät­te [1]. Denn nur bei Ver­nei­nung einer ver­deck­ten Gewinn­aus­schüt­tung konn­ten die Ange­stell­ten­be­zü­ge der Gesell­schaf­ter vol­len Umfangs als gewinn­min­dern­de Betriebs­aus­ga­ben ange­setzt wer­den.

Selbst wenn der Steu­er­be­ra­ter kei­nen aus­drück­li­chen Auf­trag zur kör­per­schaft­steu­er­li­chen Gestal­tungs­be­ra­tung hat­te, muss­te er die­se im kör­per­schaft­steu­er­li­chen Dau­er­man­dat anfal­len­den Fra­gen von sich aus auf­grei­fen und mit der Klä­ge­rin erör­tern. Zwar konn­te ein vom Bun­des­ge­richts­hof so bezeich­ne­tes „umfas­sen­des Dau­er­man­dat“ [2], wel­ches alle Steu­er­ar­ten umfasst, die für den Auf­trag­ge­ber in Betracht kom­men, und daher zur Bera­tung ein­schließ­lich der Mög­lich­kei­ten zu zivil­recht­li­chen Steu­er­ge­stal­tun­gen auch jen­seits der kon­kret bear­bei­te­ten Ange­le­gen­hei­ten ver­pflich­tet [3], nicht fest­ge­stellt wer­den. Die vor­ge­leg­ten Rech­nun­gen und Unter­la­gen las­sen aber erken­nen, dass der Steu­er­be­ra­ter von 1991 bis 1994 für die Klä­ge­rin und eine ihrer ver­schmol­ze­nen Rechts­vor­gän­ge­rin­nen fort­lau­fend Jah­res­ab­schlüs­se erstellt und sowohl Kör­per­schaft- als auch Gewer­be­steu­er­erklä­run­gen erar­bei­tet hat. Damit lag zumin­dest ein inhalt­lich beschränk­tes Dau­er­man­dat vor, wel­ches den Steu­er­be­ra­ter ver­pflich­te­te, bei ers­ter Gele­gen­heit über die vor­ge­fun­de­nen steu­er­li­chen Risi­ken des Man­dats­ge­gen­stan­des auf­zu­klä­ren, zu denen die ver­deck­ten Gewinn­aus­schüt­tun­gen gehör­ten. Ob der Steu­er­be­ra­ter einen dar­über hin­aus­ge­hen­den umfas­sen­den Wil­len zur steu­er­li­chen Betreu­ung der Klä­ge­rin und ihrer Rechts­vor­gän­ge­rin hat­te, ist für den Haf­tungs­grund nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Eben­so kann offen blei­ben, in wel­chem Umfang der Steu­er­be­ra­ter bei sei­ner genann­ten Tätig­keit zur wei­te­ren Gestal­tungs­be­ra­tung ver­pflich­tet war, weil es zunächst nur um die Beur­tei­lungs­fra­ge ging, ob die Klä­ge­rin mit den Fol­gen einer ver­deck­ten Gewinn­aus­schüt­tung an ihre Gesell­schaf­ter zu rech­nen hat­te.

Die glei­che Prü­fungs­pflicht traf spä­ter (nächs­te) Steu­er­be­ra­te­rin bei der von ihr über­nom­me­nen Anfer­ti­gung steu­er­li­cher Jah­res­ab­schlüs­se für die Klä­ge­rin. Auch die steu­er­li­chen Gewin­ne der Klä­ge­rin konn­ten in ihrem Jah­res­ab­schluss nicht bilan­ziert wer­den, ohne zu klä­ren, ob sich ihr Ein­kom­men durch die Bezü­ge der Gesell­schaf­ter ver­rin­ger­te oder zum Teil nach § 8 Abs. 3 Satz 2 KStG nicht gemin­dert wur­de. Auch hier ergab sich aus dem Dau­er­man­dat zur Erstel­lung steu­er­li­cher Jah­res­ab­schlüs­se für die Klä­ge­rin die Pflicht, die Fra­ge der ver­deck­ten Gewinn­aus­schüt­tun­gen an die Gesell­schaf­ter mit der Man­dan­tin zu erör­tern, weil sie sich inner­halb der bear­bei­te­ten Man­dats­an­ge­le­gen­hei­ten stell­te.

Zweck der Steu­er­be­ra­tung ist es, die dem Auf­trag­ge­ber feh­len­de Sach- und Rechts­kun­de auf die­sem Gebiet zu erset­zen. Die pflicht­mä­ßi­ge Steu­er­be­ra­tung anläss­lich der Auf­stel­lung von Jah­res­ab­schlüs­sen und Erar­bei­tung von Steu­er­erklä­run­gen ver­langt daher sach­ge­rech­te Hin­wei­se über die Art, die Grö­ße und die mög­li­che Höhe eines Steu­er­ri­si­kos, um den Auf­trag­ge­ber in die Lage zu ver­set­zen, eigen­ver­ant­wort­lich sei­ne Rech­te und Inter­es­sen zu wah­ren und eine Fehl­ent­schei­dung in sei­nen steu­er­li­chen Ange­le­gen­hei­ten ver­mei­den zu kön­nen. Der Auf­trag­ge­ber muss imstan­de sein, nach den erhal­te­nen Hin­wei­sen sei­ne Inter­es­sen und erheb­li­chen Steu­er­ri­si­ken selbst abzu­wä­gen [4]. Je nach Umstän­den kann dies auch erst die Inan­spruch­nah­me ver­tief­ter steu­er­li­cher Bera­tung bedeu­ten, sobald sich ihre Sach­dien­lich­keit her­aus­stellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Febru­ar 2012 – IX ZR 92/​08

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.10.2005 – IX ZR 127/​04, WM 2005, 2345, 2346 unter II.02. b[]
  2. vgl. etwa Urteil vom 20.11.1997 – IX ZR 62/​97, WM 1998, 299, 300[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 11.05.1995 – IX ZR 140/​94, BGHZ 129, 386, 396; vom 20.11.1997, aaO; vom 20.10.2005, aaO unter II.02. a[]
  4. BGH, Urteil vom 20.10.2005, aaO mwN[]