Beru­fungs­kon­zen­tra­ti­on in Urhe­ber­streit­sa­chen – und die fal­sche Rechtsmittelbelehrung

Besteht für eine Rechts­mit­tel­zu­stän­dig­keit eine lan­des­ge­setz­li­che Kon­zen­tra­ti­on nach § 105 UrhG für Urhe­ber­rechts­streit­sa­chen und erteilt das erst­in­stanz­li­che Gericht eine unzu­tref­fen­de Beleh­rung über das für das Rechts­mit­tel­ver­fah­ren zustän­di­ge Gericht, kann die Par­tei bei dem in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung ange­führ­ten Gericht fris­t­wah­rend Rechts­mit­tel ein­le­gen, auch wenn des­sen Zustän­dig­keit für das Rechts­mit­tel­ver­fah­ren tat­säch­lich nicht gege­ben ist.

Beru­fungs­kon­zen­tra­ti­on in Urhe­ber­streit­sa­chen – und die fal­sche Rechtsmittelbelehrung

Nach § 6 Abs. 1 der rhein­land­pfäl­zi­schen Lan­des­ver­ord­nung über die gericht­li­che Zustän­dig­keit in Zivil­sa­chen und Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit [1] (Zivil­Zu­stV RP) wer­den die Urhe­ber­rechts­streit­sa­chen für die Bezir­ke meh­re­rer Amts­ge­rich­te dem Amts­ge­richt Koblenz für den Bezirk des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz und dem Amts­ge­richt Fran­ken­thal (Pfalz) für den Bezirk des Ober­lan­des­ge­richts Zwei­brü­cken zuge­wie­sen. § 6 Abs. 2 der Ver­ord­nung sieht vor, dass die Urhe­ber­rechts­streit­sa­chen, für die das Land­ge­richt in ers­ter Instanz oder in der Beru­fungs­in­stanz zustän­dig ist, dem Land­ge­richt Fran­ken­thal (Pfalz) für die Bezir­ke der Ober­lan­des­ge­rich­te Koblenz und Zwei­brü­cken zuge­wie­sen werden.

Urhe­ber­rechts­streit­sa­chen sind nach der Legal­de­fi­ni­ti­on des § 104 Satz 1 UrhG alle Rechts­strei­tig­kei­ten, durch die ein Anspruch aus einem der im Urhe­ber­rechts­ge­setz gere­gel­ten Rechts­ver­hält­nis­se gel­tend gemacht wird. Zweck der Kon­zen­tra­ti­on von Urhe­ber­rechts­streit­sa­chen auf den ordent­li­chen Rechts­weg (§ 104 Satz 1 UrhG) und der Ermäch­ti­gung zur Kon­zen­tra­ti­on sol­cher Streit­sa­chen bei bestimm­ten Amts­ge­rich­ten (§ 105 Abs. 2 UrhG) und Land­ge­rich­ten (§ 105 Abs. 1 UrhG) ist die beson­de­re Sach­kun­de des auf Urhe­ber­rechts­strei­ten spe­zia­li­sier­ten Gerichts [2]. Wegen die­ses Zwecks ist der Begriff der Urhe­ber­rechts­streit­sa­che weit aus­zu­le­gen [3]. Unter den Begriff fal­len daher außer Strei­tig­kei­ten über Anspruchs­grund­la­gen aus dem Urhe­ber­rechts­ge­setz, aus dem Urhe­ber­rechts­wahr­neh­mungs­ge­setz und aus dem Ver­lags­ge­setz auch Strei­tig­kei­ten über Ange­le­gen­hei­ten aus ande­ren Geset­zen oder Rechts­quel­len, die unter Anwen­dung der genann­ten drei Geset­ze zu ent­schei­den sind, so dass urhe­ber­recht­li­chen Rechts­quel­len zumin­dest mit­tel­ba­re Rele­vanz zukommt [4].

Die von der Klä­ge­rin danach gegen­über dem Land­ge­richt Fran­ken­thal ein­zu­hal­ten­den Fris­ten zur Ein­le­gung der Beru­fung (§ 519 Abs. 1 ZPO) und zu deren Begrün­dung (§ 520 Abs. 3 Satz 1 ZPO) sind vor­lie­gend durch die Ein­rei­chung der Beru­fung und der Beru­fungs­be­grün­dung bei dem funk­tio­nell unzu­stän­di­gen Land­ge­richt Koblenz gewahrt.

In der Recht­spre­chung [5] und im Schrift­tum [6] wird die Ansicht ver­tre­ten, dass die Rechts­mit­tel­fris­ten bei einer auf­grund einer gesetz­li­chen Ermäch­ti­gung wie der des § 105 Abs. 1 UrhG in einer (lan­des­recht­li­chen) Vor­schrift bestimm­ten Spe­zi­al­zu­stän­dig­keit auch durch die recht­zei­ti­ge Ein­rei­chung der Schrift­sät­ze bei dem ohne die­se Spe­zi­al­zu­stän­dig­keit zustän­di­gen Gericht ein­ge­hal­ten wer­den. Dies wird damit begrün­det, dass es sich bei den nach § 105 UrhG zuläs­si­gen Kon­zen­tra­ti­ons­re­ge­lun­gen nicht um gesetz­li­che Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen han­delt, son­dern – wie bei der Kon­zen­tra­ti­on von Kar­tell­sa­chen – um eine von den ein­zel­nen Län­dern unter­schied­lich wahr­ge­nom­me­ne Ermäch­ti­gung zur Kon­zen­tra­ti­on. Es gehe zu weit, einer Par­tei die Unkennt­nis einer spe­zi­el­len Zustän­dig­keits­re­ge­lung anzu­las­ten, die einer Geschäfts­ver­tei­lung gleich­kom­me, und des­halb dür­fe eine fris­t­wah­ren­de Ver­wei­sung nicht abge­lehnt wer­den [7].

Eine sol­che Sicht­wei­se ist in Fäl­len gerecht­fer­tigt, in denen die gesetz­li­che Rege­lung der Zustän­dig­keit für das Rechts­mit­tel nicht mit hin­rei­chen­der Sicher­heit erken­nen lässt, ob über das Rechts­mit­tel das all­ge­mein zustän­di­ge Rechts­mit­tel­ge­richt oder aber das Rechts­mit­tel­ge­richt zu ent­schei­den hat, das nach einer Spe­zi­al­re­ge­lung zustän­dig ist, durch die die Zustän­dig­keit bei einem bestimm­ten Rechts­mit­tel­ge­richt kon­zen­triert wor­den ist [8]. Wenn dage­gen die gesetz­li­che Rege­lung zur Zustän­dig­keit für das Rechts­mit­tel­ver­fah­ren ein­deu­tig ist, kann die Beru­fung fris­t­wah­rend nur bei dem nach der Zustän­dig­keits­kon­zen­tra­ti­on zustän­di­gen Gericht ein­ge­reicht wer­den [9].

Die Rege­lung zur Zustän­dig­keit für die Ent­schei­dung über das Rechts­mit­tel der Beru­fung in Urhe­ber­rechts­streit­sa­chen ließ nicht hin­rei­chend erken­nen, ob über das Rechts­mit­tel der von der Klä­ge­rin gegen das Urteil des Amts­ge­richts ein­ge­leg­ten Beru­fung das Land­ge­richt Koblenz oder – was nach den Aus­füh­run­gen zu vor­ste­hend – III 2 zutrifft – das Land­ge­richt Fran­ken­thal zu ent­schei­den hat­te. Mit der Fra­ge, ob eine Urhe­ber­rechts­streit­sa­che vor­liegt, kön­nen schwie­ri­ge Abgren­zungs­pro­ble­me ver­bun­den sein. Die­se kön­nen dazu füh­ren, dass für die Par­tei­en die Beur­tei­lung, bei wel­chem Gericht Beru­fung ein­zu­le­gen ist, zwei­fel­haft erschei­nen kann. Eine Par­tei kann sich des­halb in einem Fall, in dem die Zustän­dig­keit nach § 105 UrhG in Ver­bin­dung mit lan­des­recht­li­chen Zustän­dig­keits­vor­schrif­ten in Rede steht, grund­sätz­lich dar­auf ver­las­sen, dass die vom erst­in­stanz­li­chen Gericht erteil­te Rechts­mit­tel­be­leh­rung zutref­fend ist. Dem­entspre­chend sind mit den von der Klä­ge­rin inner­halb der Frist zur Ein­le­gung des Rechts­mit­tels und inner­halb der – ver­län­ger­ten – Frist zu des­sen Begrün­dung beim Land­ge­richt Koblenz ein­ge­reich­ten Schrift­sät­zen die­se Fris­ten nach dem Grund­satz der Rechts­mit­tel­klar­heit, nach dem für die Par­tei­en zwei­fels­frei erkenn­bar sein muss, wel­ches Rechts­mit­tel für sie in Betracht kommt und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen es zuläs­sig ist [10], als gewahrt anzusehen.

Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass das Amts­ge­richt Koblenz bereits in der Ver­fü­gung vom 10.10.2013, mit der es nach Ein­gang der Anspruchs­be­grün­dung die Durch­füh­rung eines schrift­li­chen Vor­ver­fah­rens ange­ord­net hat, dar­auf hin­ge­wie­sen hat, der gel­tend gemach­te Scha­dens­er­satz­an­spruch gemäß §§ 823, 678 BGB sei kei­ne Urhe­ber­rechts­strei­tig­keit im Sin­ne von § 104 UrhG, son­dern sei nur die mit­tel­ba­re Fol­ge einer der­ar­ti­gen Ver­let­zung, so dass eine (ört­li­che) Zustän­dig­keit des Amts­ge­richts Koblenz nicht gege­ben erschei­ne. In Über­ein­stim­mung damit hat das Amts­ge­richt in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung in sei­nem Urteil das Land­ge­richt Koblenz als für die Ent­schei­dung über eine Beru­fung zustän­di­ges Rechts­mit­tel­ge­richt bezeichnet.

In dem der Klä­ge­rin am 15.12 2014 zuge­stell­ten Schrei­ben des Vor­sit­zen­den der Beru­fungs­kam­mer des Land­ge­richts Koblenz vom 11.12 2014 wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich bei der Sache um eine Urhe­ber­rechts­streit­sa­che han­del­te, für die nach der ein­schlä­gi­gen lan­des­recht­li­chen Rege­lung im zwei­ten Rechts­zug das Land­ge­richt Fran­ken­thal zustän­dig war; die­ser Umstand sei bei der Ter­mins­be­stim­mung gemäß Ver­fü­gung vom 05.12 2014 über­se­hen wor­den. Zugleich wur­de in dem Schrei­ben vom 11.12 2014 bei der Klä­ge­rin ange­fragt, ob sie die Ver­wei­sung der Sache an das Land­ge­richt Fran­ken­thal beantrage.

Nach­dem die Klä­ge­rin mit am 17.12 2014 beim Land­ge­richt Koblenz ein­ge­gan­ge­nem Schrei­ben vom sel­ben Tag der Ansicht ent­ge­gen­ge­tre­ten war, dass eine Urhe­ber­rechts­streit­sa­che vor­lag, und hilfs­wei­se die Ver­wei­sung des Rechts­streits an das Land­ge­richt Fran­ken­thal und wei­ter hilfs­wei­se Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand bean­tragt hat­te, hat die Beru­fungs­kam­mer des Land­ge­richts Koblenz mit Schrei­ben ihres Vor­sit­zen­den vom 29.12 2014 der Klä­ge­rin mit­ge­teilt, dass sie der­zeit kein Erfor­der­nis sehe, bereits jetzt vor dem Land­ge­richt Fran­ken­thal einen mit einer Beru­fungs­ein­le­gung ver­bun­de­nen Wie­der­ein­set­zungs­an­trag zu stel­len. Mit Beschluss vom 13.01.2015 hat das Land­ge­richt Koblenz den Rechts­streit an das Land­ge­richt Fran­ken­thal ver­wie­sen, wo die Akten am 20.01.2015 ein­ge­gan­gen sind.

Unter den vor­ste­hend dar­ge­stell­ten Umstän­den ließ die gesetz­li­che Rege­lung der Rechts­mit­tel­zu­stän­dig­keit im Streit­fall nicht mit der gebo­te­nen Klar­heit erken­nen, bei wel­chem Gericht die Klä­ge­rin Beru­fung ein­le­gen müss­te. Ursäch­lich hier­für sind der unrich­ti­ge Hin­weis und die unzu­tref­fen­de Rechts­mit­tel­be­leh­rung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts und die Schwie­rig­kei­ten, die mit der Ein­ord­nung einer Urhe­ber­rechts­streit­sa­che ver­bun­den sein kön­nen. Die­se vom Beru­fungs­ge­richt der Klä­ge­rin ange­son­ne­ne Ver­fah­rens­wei­se, nach dem Hin­weis des Vor­sit­zen­den der Beru­fungs­kam­mer des Land­ge­richts Koblenz, beim Land­ge­richt Fran­ken­thal (Pfalz) Beru­fung ein­zu­le­gen und Wie­der­ein­set­zung zu bean­tra­gen, hät­te zu zwei Beru­fungs­ver­fah­ren geführt, von denen eines unzu­läs­sig gewe­sen wäre. Für eine der­ar­ti­ge Hand­ha­bung der Ver­fah­rens­vor­schrif­ten zu Las­ten der Klä­ge­rin bestand in Anbe­tracht der unrich­ti­gen Rechts­mit­tel­be­leh­rung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts nach dem bei der Ein­ord­nung des Rechts­streits als Urhe­ber­rechts­streit­sa­che bestehen­den Zwei­fels­fra­gen kein Anlass. Da die Ein­le­gung und Begrün­dung der Beru­fung beim Land­ge­richt Koblenz die Rechts­mit­tel­fris­ten wahr­te, kommt es nicht mehr dar­auf an, dass andern­falls der von der Klä­ge­rin vor dem Land­ge­richt Koblenz am 17.12 2014 gestell­te Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand als fris­t­wah­rend und damit zuläs­sig sowie als begrün­det hät­te ange­se­hen wer­den müs­sen. Ein durch eine unrich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung her­vor­ge­ru­fe­ner Rechts­irr­tum einer anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei ist als nicht schuld­haft anzu­se­hen, wenn die Rechts­mit­tel­be­leh­rung nicht offen­kun­dig feh­ler­haft und der durch sie ver­ur­sach­te Irr­tum nach­voll­zieh­bar und ver­ständ­lich ist [11]. Davon ist vor­lie­gend auszugehen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. März 2016 – I ZB 44/​15

  1. vom 22.11.1985, GVBl.1985, S. 267[]
  2. BGH, Beschluss vom 17.01.2013 – I ZR 194/​12, GRUR 2013, 757 Rn. 7 = WRP 2013, 811 mwN[]
  3. BGH, GRUR 2013, 757 Rn. 7; Wild in Schricker/​Loewenheim, Urhe­ber­recht, 4. Aufl., § 104 UrhG Rn. 3; J. B. Nor­de­mann in Fromm/​Nordemann, Urhe­ber­recht, 11. Aufl., § 104 UrhG Rn. 1; Schul­ze in Dreier/​Schulze, UrhG, 5. Aufl., § 104 Rn. 2[]
  4. vgl. BGH, GRUR 2013, 757 Rn. 8; BGH, Beschluss vom 04.03.2004 – I ZR 50/​03, GRUR 2004, 622 zum Begriff der Kenn­zei­chen­streit­sa­che in § 140 Abs. 1 Mar­kenG; J. B. Nor­de­mann in Fromm/​Nordemann aaO § 104 UrhG Rn. 1 mwN[]
  5. vgl. OLG Koblenz, ZUMRD 2001, 392, 393; LG Mün­chen I, UFITA 87 [1980], 338, 340; aA LG Hechin­gen, GRUR-RR 2003, 168; LG Mann­heim, Beschluss vom 05.11.2008 2 S 3/​08, Inst­GE 11, 52 32 ff.[]
  6. vgl. Schul­ze in Dreier/​Schulze aaO § 105 Rn. 7; Wild in Schricker/​Loewenheim aaO § 105 UrhG Rn. 7[]
  7. Wild in Schricker/​Loewenheim aaO § 104 UrhG Rn. 7[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 30.05.1978 KZR 12/​77, BGHZ 71, 367, 371 ff. zu § 92 Satz 2 GWB aF[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 1999 – III ZR 73/​99, NJW 2000, 1574, 1576 zu der nord­rhein­west­fä­li­schen Rege­lung, mit der die Beru­fungs­zu­stän­dig­keit in Bau­land­sa­chen beim Ober­lan­des­ge­richt Hamm kon­zen­triert wor­den ist; Zöller/​Heßler, ZPO, 31. Aufl., § 519 Rn. 7[]
  10. vgl. BVerfGE 108, 341, 349; BGH, Beschluss vom 19.11.2015 – I ZR 58/​14 3[]
  11. BGH, Beschluss vom 12.01.2012 – V ZB 198/​11 und 199/​11, NJW 2012, 2443 Rn. 11; Beschluss vom 18.12 2013 – XII ZB 38/​13, NJW-RR 2014, 517 Rn.20, jeweils mwN[]