Betriebs­be­schrän­kung wegen Flug­lärm­be­läs­ti­gung

Grenz­wer­te für Lärm­pe­gel am Boden, die Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaf­ten beim Über­flug von Gebie­ten in der Umge­bung eines Flug­ha­fens ein­hal­ten müs­sen, kön­nen grund­sätz­lich von den Mit­glied­staa­ten fest­ge­legt wer­den. Dabei ist nach Auf­fas­sung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf zu ach­ten, dass eine sol­che Rege­lung nur unter Beach­tung der durch das Uni­ons­recht auf­ge­stell­ten Vor­aus­set­zun­gen erlas­sen wer­den darf, wenn sie zur Fol­ge hat, dass Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaf­ten gezwun­gen sind, ihre wirt­schaft­li­che Tätig­keit auf­zu­ge­ben.

Betriebs­be­schrän­kung wegen Flug­lärm­be­läs­ti­gung

Zur Ver­rin­ge­rung von Lärm­be­läs­ti­gun­gen durch Flug­zeu­ge auf Flug­hä­fen der Uni­on sind die Mit­glied­staa­ten nach der Richt­li­nie 2002/​30 1 berech­tigt, sog. „Betriebs­be­schrän­kun­gen“ zu erlas­sen. Die­se kön­nen nur dann erlas­sen wer­den, wenn die beschei­nig­ten Lärm­pe­gel über­schrit­ten wer­den, wobei die­se Lärm­pe­gel an der Quel­le, d. h. am Flug­zeug selbst, gemes­sen wer­den. Genau­er gesagt sind nach der Richt­li­nie 2002/​30/​EG im Wesent­li­chen die beschei­nig­ten Lärm­pe­gel eines Flug­zeugs zu berück­sich­ti­gen. Die­se Lärm­be­schei­ni­gung eines Flug­zeugs wird anhand eines theo­re­ti­schen Refe­renz­sys­tems aus meteo­ro­lo­gi­schen, geo­phy­si­ka­li­schen und betrieb­li­chen Gege­ben­hei­ten erstellt. Dabei wer­den Para­me­ter wie der Mee­res­spie­gel, die Umge­bungs­tem­pe­ra­tur, der Feuch­tig­keits­grad, aner­kann­te Boden­merk­ma­le, die Höhe des Mikro­fons sowie die Flug­rou­te und Flug­pa­ra­me­ter ein­be­zo­gen.

Im hier vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schie­de­nen Fall geht es um den Flug­ha­fen Brüs­sel-Natio­nal (Bel­gi­en),der sich im Gebiet der Regi­on Flan­dern befin­det, doch füh­ren die dort abge­wi­ckel­ten Flü­ge auch in gerin­ger Höhe über die Regi­on Brüs­sel-Haupt­stadt. Der vor­lie­gen­den Sache liegt ein Rechts­streit zwi­schen der European Air Trans­port (EAT) – einer auf Fracht­flü­ge spe­zia­li­sier­ten Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaft (DHL-Grup­pe) – auf der einen und der Regi­on Brüs­sel-Haupt­stadt (Bel­gi­en) sowie dem Umwelt­kol­le­gi­um die­ser Regi­on auf der ande­ren Sei­te zugrun­de.

Am 19. Okto­ber 2007 setz­te die zustän­di­ge Regio­nal­be­hör­de gegen EAT eine Geld­bu­ße von 56 113 Euro wegen der nächt­li­chen Über­schrei­tung der nach der regio­na­len Brüs­se­ler Rege­lung vor­ge­se­he­nen Grenz­wer­te fest. Nach die­ser Rege­lung wer­den die Grenz­wer­te am Boden gemes­sen. EAT hat gegen die­se Ent­schei­dung Kla­ge erho­ben. Sie ver­tritt ins­be­son­de­re die Auf­fas­sung, dass die regio­na­le Rege­lung, gegen die sie ver­sto­ßen haben sol­le, dem Uni­ons­recht zuwi­der­lau­fe, weil sie auf Grenz­wer­ten für den Lärm­pe­gel am Boden (und nicht an der Quel­le) beru­he, was gegen die Richt­li­nie 2002/​30 ver­sto­ße.

In die­sem Zusam­men­hang hat der mit dem Rechts­streit befass­te Con­seil d’État (Bel­gi­en) beschlos­sen, dem Gerichts­hof eine Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen. Das bel­gi­sche Gericht möch­te vom Gerichts­hof wis­sen, ob die regio­na­le Brüs­se­ler Rege­lung zur Ahn­dung von Lärm­be­läs­ti­gun­gen durch den Flug­ver­kehr als eine „Betriebs­be­schrän­kung“ anzu­se­hen ist, die den Vor­schrif­ten der Richt­li­nie 2002/​30 und ins­be­son­de­re der Metho­de unter­liegt, nach der der Lärm­pe­gel an der Quel­le gemes­sen wird.

Der Gerichts­hof weist in sei­nem heu­ti­gen Urteil zunächst dar­auf hin, dass die Uni­on hin­sicht­lich der Bekämp­fung von Flug­lärm von einem aus­ge­wo­ge­nen Ansatz aus­geht. Die­ser von der Inter­na­tio­na­len Zivil­luft­fahrt­or­ga­ni­sa­ti­on (ICAO) fest­ge­leg­te Ansatz umfasst vier Haupt­ele­men­te und erfor­dert eine sorg­fäl­ti­ge Prü­fung der ver­schie­de­nen Lärm­min­de­rungs­mög­lich­kei­ten, zu denen die Redu­zie­rung des Flug­lärms an der Quel­le, Maß­nah­men zur Flä­chen­nut­zungs­pla­nung und ‑ver­wal­tung, „lärm­min­dern­de“ Betriebs­ver­fah­ren sowie Betriebs­be­schrän­kun­gen gehö­ren.

Die­ser aus­ge­wo­ge­ne Ansatz setzt vor­aus, dass Betriebs­be­schrän­kun­gen nur dann zuläs­sig sind, wenn die Zie­le der Richt­li­nie 2002/​30 nicht durch sons­ti­ge Lärm­schutz­maß­nah­men erreicht wer­den kön­nen. Der Gerichts­hof führt hier­zu aus, dass eine „Betriebs­be­schrän­kung“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2002/​30 eine voll­stän­di­ge oder zeit­wei­li­ge Ver­bots­maß­nah­me dar­stellt, die den Zugang eines Flug­zeugs zu einem Flug­ha­fen eines Mit­glied­staats der Uni­on unter­bin­det.

Eine Umwelt­schutz­re­ge­lung wie die hier in Rede ste­hen­de, die Grenz­wer­te für den am Boden gemes­se­nen Lärm­pe­gel vor­schreibt, die beim Über­flug von Gebie­ten in der Umge­bung eines Flug­ha­fens ein­zu­hal­ten sind, stellt daher als sol­che kei­ne „Betriebs­be­schrän­kung“ dar, da sie nicht den Zugang zum betref­fen­den Flug­ha­fen ver­wehrt. Der Gerichts­hof fügt aller­dings hin­zu, dass die Anwen­dung einer Metho­de, mit der der Lärm­pe­gel eines über­flie­gen­den Luft­fahr­zeugs am Boden gemes­sen wird, zwar Teil eines aus­ge­wo­ge­nen Ansat­zes sein kann, doch ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass eine Umwelt­schutz­re­ge­lung der im vor­lie­gen­den Fall in Rede ste­hen­den Art auf­grund des maß­geb­li­chen wirt­schaft­li­chen, tech­ni­schen und recht­li­chen Zusam­men­hangs die glei­che Wir­kung wie ein Zugangs­ver­bot zu einem Flug­ha­fen hat. Wenn näm­lich die in einer natio­na­len Rege­lung vor­ge­schrie­be­nen Grenz­wer­te so streng sind, dass die Betrei­ber von Luft­fahr­zeu­gen gezwun­gen sind, ihre wirt­schaft­li­che Tätig­keit auf­zu­ge­ben, dann läuft eine der­ar­ti­ge Rege­lung auf ein Zugangs­ver­bot hin­aus und stellt eine „Betriebs­be­schrän­kung“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2002/​30 dar. Des­halb müss­te eine der­ar­ti­ge Rege­lung unter Beach­tung der in der Richt­li­nie auf­ge­stell­ten Vor­aus­set­zun­gen erlas­sen wer­den.

Es ist Sache des bel­gi­schen Gerichts, zu prü­fen, ob die von der Regi­on Brüs­sel-Haupt­stadt erlas­se­nen Maß­nah­men der­ar­ti­ge Wir­kun­gen haben.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 8. Sep­tem­ber 2011 – C‑120/​10 [European Air Trans­port SA /​Col­lège d’environnement de la Régi­on de Bru­xel­les-Capi­ta­le, Régi­on de Bru­xel­les-Capi­ta­le]

  1. Richt­li­nie 2002/​30/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26. März 2002 über Regeln und Ver­fah­ren für lärm­be­ding­te Betriebs­be­schrän­kun­gen auf Flug­hä­fen der Gemein­schaft, ABl. L 85, S. 40[]