BGH: Leh­man-Anle­ger gehen leer aus

Zwei Leh­manAnle­ger erhal­ten kei­nen Scha­den­er­satz für die Ver­lus­te, die sie im Zusam­men­hang mit dem Erwerb von Zer­ti­fi­ka­ten der nie­der­län­di­schen Toch­ter­ge­sell­schaft der US-ame­ri­ka­ni­schen Invest­ment­bank Leh­man Bro­thers Hol­dings Inc. erlit­ten haben.

BGH: Leh­man-Anle­ger gehen leer aus

So hat in zwei Par­al­lel­ver­fah­ren der Bun­des­ge­richts­hof erst­mals über Scha­dens­er­satz­kla­gen von Leh­mann – Anle­gern ent­schie­den.

In einem Ver­fah­ren hat­te der Anle­ger im Dezem­ber 2006 auf Emp­feh­lung einer Mit­ar­bei­te­rin der beklag­ten Spar­kas­se einen Betrag in Höhe von 10.000 € in eine "Pro­tec­t­Ex­press-Anlei­he" inves­tiert. In der Par­al­lel­sa­che hat­te die dor­ti­ge Klä­ge­rin im Okto­ber 2007 auf Emp­feh­lung eines Mit­ar­bei­ters der­sel­ben Spar­kas­se für 10.000 € eine "Bull Express Garant Anlei­he" erwor­ben. In bei­den Fäl­len han­delt es sich um Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen der nie­der­län­di­schen Leh­man Bro­thers Trea­su­ry Co. B.V., deren Rück­zah­lung von der US-ame­ri­ka­ni­schen Leh­man Bro­thers Hol­dings Inc. garan­tiert wur­de. Zeit­punkt und Höhe der Rück­zah­lung hin­gen bei der "Pro­tec­t­Ex­press-Anlei­he" von der Wert­ent­wick­lung eines aus 10 Titeln des DAX 30-Index bestehen­den Akti­en­korbs ("Leh­man Bro­thers Deutsch­land Divi­dend Bas­ket") und bei der "Bull Express Garant Anlei­he" von der Wert­ent­wick­lung des Akti­en­in­dex Euro­Sto­xx 50 ab. Bei bei­den Anlei­hen soll­te der Anle­ger im für ihn ungüns­tigs­ten Fall den ange­leg­ten Betrag am Lauf­zeit­ende ohne Zin­sen zurück erhal­ten.

Mit der Insol­venz der Emit­ten­tin (Leh­man Bro­thers Trea­su­ry Co. B.V.) und der Garan­tin (Leh­man Bro­thers Hol­dings Inc.) im Sep­tem­ber 2008 wur­den die erwor­be­nen Zer­ti­fi­ka­te weit­ge­hend wert­los. Mit ihren Kla­gen ver­lan­gen die Anle­ger, die der beklag­ten Spar­kas­se meh­re­re Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zun­gen vor­wer­fen, im Wesent­li­chen die Rück­zah­lung des Anla­ge­be­tra­ges zuzüg­lich des Aus­ga­be­auf­schla­ges nebst Zin­sen.

Das Land­ge­richt 1 hat den Kla­gen statt­ge­ge­ben. Auf die Beru­fun­gen der Beklag­ten hat das Ober­lan­des­ge­richt 2 die Kla­gen abge­wie­sen. Die hier­ge­gen gerich­te­ten Revi­sio­nen der Klä­ger hat der Bun­des­ge­richts­hof zurück­ge­wie­sen und zur Begrün­dung im Wesent­li­chen aus­ge­führt:

Nach den vom Beru­fungs­ge­richt rechts­feh­ler­frei getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen habe die Beklag­te in bei­den Fäl­len ihre Pflicht zur anle­ger- und objekt­ge­rech­ten Bera­tung nicht ver­letzt. Für die beklag­te Spar­kas­se sei nach den unan­ge­grif­fe­nen beru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen zum Zeit­punkt des jewei­li­gen Bera­tungs­ge­sprächs ein kon­kre­tes Insol­venz­ri­si­ko der Emit­ten­tin bzw. der Garan­tie­ge­be­rin nicht erkenn­bar gewe­sen; auch die Klä­ger hät­ten nichts ande­res behaup­tet. Die Beklag­te sei aller­dings zur Auf­klä­rung über das bei Zer­ti­fi­ka­ten der vor­lie­gen­den Art vom Anle­ger zu tra­gen­de sog. all­ge­mei­ne Emit­ten­ten­ri­si­ko, wonach die Rück­zah­lung des ange­leg­ten Kapi­tals von der Zah­lungs­fä­hig­keit des Emit­ten­ten abhängt, ver­pflich­tet gewe­sen. Die­ser Ver­pflich­tung sei sie indes nach­ge­kom­men. Das Beru­fungs­ge­richt habe jeweils rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, dass die Anle­ger über das Risi­ko, bei einer Leh­man-Insol­venz die Anla­ge­sum­men voll­stän­dig zu ver­lie­ren, hin­rei­chend belehrt wor­den sei­en. In einem sol­chen Fal­le bedür­fe es kei­ner zusätz­li­chen Auf­klä­rung dar­über, dass die streit­ge­gen­ständ­li­chen Zer­ti­fi­ka­te kei­nem Ein­la­gen­si­che­rungs­sys­tem unter­fie­len, weil einer dahin­ge­hen­den Infor­ma­ti­on kei­ne eigen­stän­di­ge Bedeu­tung zukom­me.

Zu Recht habe das Beru­fungs­ge­richt fer­ner eine Auf­klä­rungs­pflicht der beklag­ten Spar­kas­se über die Gewinn­mar­ge der von ihr ver­kauf­ten Zer­ti­fi­ka­te ver­neint. Eine Bank, die eige­ne Anla­ge­pro­duk­te emp­feh­le, sei nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich nicht ver­pflich­tet, dar­über auf­zu­klä­ren, dass sie mit die­sen Pro­duk­ten Gewin­ne erzie­le; denn in einem sol­chen Fall sei es für den Kun­den offen­sicht­lich, dass die Bank eige­ne (Gewinn-)Inter­es­sen ver­fol­ge, so dass dar­auf nicht geson­dert hin­ge­wie­sen wer­den müs­se. Nichts ande­res gel­te, wenn – wie dies hier nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts in bei­den Sachen der Fall war – frem­de Anla­ge­pro­duk­te im Wege des Eigen­ge­schäfts (Fest­preis­ge­schäft) zu einem über dem Ein­kaufs­preis der Bank lie­gen­den Preis ver­äu­ßert wer­den. Dem ste­he auch weder die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Offen­le­gung ver­steck­ter Innen­pro­vi­sio­nen noch die­je­ni­ge zur Auf­klä­rungs­be­dürf­tig­keit von Rück­ver­gü­tun­gen ent­ge­gen, weil die Gewinn­mar­ge beim Eigen­ge­schäft kei­ner die­ser bei­den Fall­grup­pen zuge­ord­net wer­den kön­ne.

Für die von den Anle­gern gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che sei schließ­lich ohne Belang, ob ihnen bekannt gewe­sen sei, dass der Erwerb der Zer­ti­fi­ka­te im Wege des Eigen­ge­schäfts der Beklag­ten erfolgt sei. Zu einer dies­be­züg­li­chen Infor­ma­ti­ons­pflicht sei die Beklag­te ver­trag­lich nicht ver­pflich­tet gewe­sen. Die Annah­me einer Pflicht zur Aus­kunft über das Eigen­ge­schäft lau­fe näm­lich, wie schon das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend ange­nom­men habe, auf die als sol­che für den Anle­ger bedeu­tungs­lo­se Infor­ma­ti­on hin­aus, dass die Bank ihn über Exis­tenz und Höhe der Gewinn­span­ne nicht auf­zu­klä­ren habe.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 27. Sep­tem­ber 2011 – XI ZR 178/​10 und XI ZR 182/​10

  1. LG Ham­burg – Urtei­le vom 23.06.2009 – 319 O 4/​09 und vom 01.07.2009 – 325 O 22/​09 []
  2. OLG Ham­burg – Urtei­le vom 23. April 2010 – 13 U 118/​09 und 13 U 117/​10[]